See No Evil, Hear No EvilMusik gilt als beliebteste Kunstform der Welt. Kein Wunder, kann man sie doch gewissermaßen nebenher konsumieren und muss ihr keine spezielle Aufmerksamkeit schenken. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelten sich zahlreiche musikalische Strömungen, die in der modernen Popmusik ihren gesellschaftlichen und kommerziellen Höhepunkt fanden. Freilich: Was mit Elvis Presley, Chuck Berry oder den Beatles begann, kann mittlerweile als ausgestorbene Kunstform ohne Zukunftsperspektiven betrachtet werden. Sie halten das für Unsinn? Dann lassen Sie sich von den folgenden fünf Gründen dafür, warum die Popmusik am Ende ist, eines Besseren belehren!

5. Abgesang auf mehrstimmigen Gesang

Wodurch zeichnen sich viele Songs der Beatles, der Hollies, der Supremes oder der Beach Boys aus? Richtig durch den mehrstimmigen Gesang, was nicht einfach nur bedeutete, dass die Musiker über eine gute Stimme verfügen mussten, sondern diese zudem mit jenen ihrer Bandmitglieder harmonisieren sollte. Ziehen wir als Beispiel einfach zwei der bekanntesten Popsongs heran, zum einen "California Dreaming", zum anderen "He Ain't Heavy... He's My Brother".

Vergleichen Sie diese Musik mit jener aktueller Stars wie Kate Perry, Pitbull, Flo Rida oder Rihanna. Hierbei dominiert stets der jeweilige Leadsänger. Warum ist dem so? Weil Musik der Gegenwart fast zur Gänze auf einen einzigen Star zugeschnitten ist, der in den meisten Fällen über keine herausragende Stimme verfügt oder – ja, wir sprechen über dich, Pitbull! – des Singens gar nicht mächtig ist. Dies ist allerdings weniger offensichtlich, solange man ihnen keine begnadeten Begleitsänger zur Seite stellt. Wiewohl ein Duett Kesha und Diana Ross durchaus seine Reize hätte …

4. Plattencover

Was fällt Ihnen zum Beatles-Album "Abbey Road" ein? Mit SIcherheit das Cover der einen Zebrastreifen überquerenden Fab Four. Oder denken Sie an "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band". An Pink Floyd's "The Wall". Oder an das phantastische Artwork des Musicals "War of the Worlds" von Jeff Wayne. Und wer könnte jemals das verstörend-bizarre Cover für das Album "Brain Salad Surgery" von Emerson, Lake & Palmer wieder aus dem Gedächtnis löschen?

Entworfen wurde dieses Cover vom Schweizer Künstler H. R. Giger, zu Unrecht praktisch nur für das Design der Alien-Kreatur aus Ridley Scotts gleichnamigen Film bekannt. Ob bizarr, simplistisch, pompös oder ausgeflippt: Plattencover waren untrennbar mit Künstlern verbunden. Man kaufte nicht einfach einen Musiktitel, sondern ein auf die Hülle gedrucktes Stück Kunst.

Jahrzehnte später sehen Cover wie folgt aus:

Oder so:

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Wohlgemerkt: Lana Del Rey (die später noch kurz erwähnt werden soll) und Adele zählen zu den erfolgreichsten Sängerinnen der Gegenwart. Aufwändig gestaltete Plattencover zählen im Zeitalter von MP3s und iTunes zu den Dinosauriern der Kunst: Früher ganz groß, heute allenfalls im Museum zu betrachten.

3. Fuck Provokation!

Popmusik in all ihren Ausprägungen war stets untrennbar mit der Lust an Provokation verbunden. Heute mag es kaum noch vorstellbar sein, dass Elvis Presleys lasziver Hüftschwung für Empörung in konservativen Kreisen sorgte. Weitaus verständlicher ist hingegen die Aufregung rund um einige Texte der Doors. Als Beispiel sei das epische "The End" genannt.

Und welche Musiktexte erregen heute die Gemüter? In musikalische Form gegossener Nihilismus der Marke Schopenhauer? Hinter harmlosem Pop versteckte Anzüglichkeiten wie im versauten "Wig Wam Bam" der Glam Rocker The Sweet? Die deutsche Electro-Band DAF mit homoerotischen Klangteppichen wie "Der Räuber und der Prinz" oder dem knalligen "Tanz den Mussolini"?

Enrique Iglesias, Sohn des singenden spanischen Schmalzkringels Julio, gab sich mit "Tonight (I'm Fuckin' You)" betont verrucht. Lyrische Spielereien traut man dem - vermutlich sogar zu Recht - der Generation "Ich habe Anspruch auf" längst nicht mehr. Provokant ist ein Titel wie "Tonight (I'm Fuckin' You)" allenfalls dadurch, dass er wie die Liebeserklärung eines potenziellen Vergewaltiger klingt. Von Rebellion, wütendem Protest oder einem selbsternannten Autoritäten entgegengestreckten Mittelfinger kann in der modernen Popmusik keine Rede mehr sein. Wie auch, müssen Künstler doch möglichst massenkompatibel sein und dürfen nur noch für künstlich geschaffene Erregung sorgen. Und deshalb verwundert es auch nicht, weshalb es keine dem Autoren bekannten Songs gibt, die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzen und deshalb von Radiostationen boykottiert werden. Dieses Privileg ist heutzutage Liedern zuerkannt, die im Zuge einer Tragödie aus "Pietätsgründen" eine Zeitlang nicht mehr gespielt werden, wie dies nach 9-11 oder der Tsunami-Katastrophe in Ostasien Ende 2004 der Fall war, als Joachim Witts "Die Flut" als unspielbar galt. In Deutschland. Ob Julis "Die perfekte Welle" auch von indonesischen Radiosendern aus dem Programm genommen wurde, ist dem Artikelautor nicht bekannt.

2. Innovativ? Zu riskant!

Lassen Sie uns eines klarstellen: Das Musikgeschäft ist in erster Linie natürlich das, wofür sein Name steht: Ein Geschäft. Produziert wird in der Hoffnung, möglichst viele Käufer zu finden. Freilich muss dies nicht bedeuten, ein Geschäft nicht mit Leidenschaft und Hingabe betreuen zu können. Selbst im heutigen Hollywood, wo es scheint, als wäre jeder neue Streifen entweder eine Comic-Verfilmung oder ein Remake, erblicken Filme das Licht der Leinwand, die weniger dem Mammon, denn vielmehr dem persönlichen Ehrgeiz eines Regisseurs oder Produzenten geschuldet sind. Das war früher nicht anders als heute. Millionenseller ermöglichten die Förderung unbeschriebener Künstler, von denen manche einschlugen, andere hingegen nicht.

Damit ist allerdings ein hohes finanzielles Risiko verbunden, weshalb seit Jahren das Motto gilt: Bloß keine Experimente! Insofern ist es nicht verwunderlich, von diversen Radiostationen mit Oldies, Coverversionen bekannter Titel sowie harmlosem Liebesgedudel beschallt zu werden. Das war nicht immer so. Wäre es immer schon so gewesen, hätte Popmusik spätestens mit den Beatles aufgehört sich weiter zu entwickeln. Tatsächlich war dies erst Anfang der 1990er Jahre der Fall.

Glauben Sie nicht? Dann zählen Sie doch mal ein paar neue Genres und Trends der 1970er Jahre auf. Richtig: Metal, Glam Rock, Punk, die Anfänge von Rap und natürlich die Disco-Ära. Später gesellten sich Hip-Hop, House, Techno, New Wave oder Industrial dazu. Mit dem sensationellen Erfolg von Nirvana setzte sich Anfang der 1990er Jahre Grunge durch und alles, was eine Gitarre halten konnte, lange Haare hatte und weinerlich klang, bekam einen Plattenvertrag und stürmte die Charts.

Das war vor zwanzig Jahren. Eine Zeitspanne, die einst so unterschiedliche Musikstile wie Hard Rock, Funk oder New Wave hervorbrachte.

Wie innovativ waren vergangene Musikjahrzehnte? Als Beispiel möge dieser Titel herhalten:

Was nach einer Industrial-Nummer aus den späten 1980ern klingen mag, stammt aus dem Jahr 1969. Ob die Band Cromagnon mit ihrem (leider) einzigen Album "Orgasm" ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus oder doch nur eine Gruppe verhuschter Krach-Künstler war, sei dahingestellt. Versuchen Sie in der Popmusik der Gegenwart dermaßen verstörende, aus dem Kontext ihrer Zeit entrissene Musikstücke zu finden. Derweil Sie vergeblich danach suchen, widmen wir uns dem ersten Platz jener Gründe, warum Popmusik tot ist.

1. Musik als mediales Nebenprodukt

Anfang 2012 veröffentlichte Lana Del Rey ihr Album "Born To Die", das fast überall die Spitze der Charts erklomm. Zu diesem Zeitpunkt war die New Yorkerin bereits ein Popstar, wiewohl sie noch kein einziges Album veröffentlicht hatte. Das spielte keine Rolle, denn Lana Del Rey sieht gut aus und ist ein clever inszeniertes Marketingprodukt. WIchtig ist nicht die Musik, sondern die Künstlerin, wie sie sich kleidet, wo sie sich zeigt, was sie an nichtssagender Sprechblasen-Blümerie von sich gibt. Ganz ähnlich Lady Gaga, die nicht mit ihrer biederen Musik, sondern ihren Musikvideos oder ihrer seltsamen Kleidung Aufmerksamkeit erregt.

Um nicht missverstanden zu werden: Klappern gehörte immer schon zum Handwerk und ein hübsches Gesicht, Gerüchte über die sexuelle Ausrichtung des Leadsängers oder provokante Aussagen sind untrennbar mit dem Musikgeschäft verbunden. Dennoch stand stets die Musik im Mittelpunkt des Interesses. Die Zeiten, als ein neues Album mit fieberhafter Erregung erwartet wurde, sind indes längst vorbei. Musik ist nur noch ein mediales Nebenprodukt der jeweiligen Künstler. Nicht der Ton, das Image macht die Musik. Ganz ähnlich verhält es sich im Filmgeschäft, wo größtenteils über Einspielergebnisse, diverses Stargeturtel, Oscar-Chancen, Premierefeiern und dergleichen berichtet wird. Eine Filmkritik, die über ein rasch hingebrabbeltes "aufregendes Actionfeuerwerk" oder "berührendes Drama" hinausläust, sucht man meist vergebens.

Der Traum der Industrie wurde Wirklichkeit: Das Produkt tritt hinter die Verpackung zurück. Kreativ ist, wer die lukrativste Marketingmasche aufgreift und daraus ein hohles Nichts zu stricken versteht.

Bildquelle des Fotos: Pixabay

Autor seit 7 Jahren
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