Reinhold Messner - eine Persönlichkeit der Extreme

Gabriele Hefele: Sie haben mal einen Antipreis, den "Alfred des Monats" gekriegt, wurden auch schon mal von der Satirezeitschrift "Titanic" zu den sieben peinlichsten Personen gezählt. Wie erklären Sie sich diese Reaktionen?

Reinhold Messner: Ich selbst kann das nicht erklären, weil ich kein Psychologe bin. Ich weiß nur, dass ein Psychologe in der Schweiz eine Studie machte über genau dieses Thema. Er sagte, dass ich so viele Aggressionen unter Nicht-Bergsteigern und Bergsteigern auslöse und auf der anderen Seite so viel Bewunderung, also richtige Extreme, liege nicht in mir, sondern ist eine Zeiterscheinung. Und was eigentlich dahinter steckt im Volk, das möchten die herausfinden. Das interessiert mich natürlich sehr, weil ich auch der Meinung bin, dass es mit mir nicht viel zu tun hat. Ich mache ja eigentlich nur das, was mir Spaß macht, ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden, ich möchte gar nichts anderes machen. Ich finde nicht, dass das etwas Herausragendes ist, aber es provoziert.

Aber ich gehe nicht auf den Everest, um zu provozieren, das tu ich nur in Vorträgen und Diskussionen: Leute provozieren, damit die auch nachdenken. Aber sonst mach ich's nicht, mein Leben ist keine Provokation. Aber viele empfinden es so, und das ist der Beweis, dass irgendwas fehlt, dass die Leute nicht das machen, was sie eigentlich machen sollten.

Haben Sie schon Angst vorm Sterben gehabt?

Sicherlich, wenn ich in eine Situation komme, die ich nicht mehr ganz beherrsche, wenn ich merke, das habe ich nicht mehr in der Hand - Kälte oder Stürme oder auch klettertechnische Schwierigkeiten - dann gibt es natürlich Angst. Mindestens so lange, so lange ich noch das Gefühl habe: Ich kann mich noch retten. Wenn die Möglichkeit zur Rettung Null wird, dann hört allerdings auch die Angst auf.

"Ich muss leben"

Wenn man wie Sie in solche extremen Situationen gerät, kommt einem da auch der Gedanke an Gott - wie auch immer?

Also der Gedanke an Gott, dass ich also sage: "Es gibt einen Gott außerhalb des Kosmos", ist mir überhaupt noch nie gekommen. Das ist nicht so, dass ich im christlichen Sinne ein religiöser Mensch sei. Ich selbst seh' das einfach so ausgedrückt: Gott ist für mich nicht etwas Greifbares, ich setze fast Gott gleich mit der Natur, Gott mit mir selbst. In jedem Menschen steckt Gott. Die ganze Natur, der ganze Kosmos ist Gott: Wenn ich da oben stehe, sage ich nicht: "Da unten, da liegt Gott", sondern ich hab' das starke Gefühl, da hinein getaucht zu sein in diese Welt und eben dazu zu gehören und die Zusammenhänge gefühlsmäßig zu verstehen, das nicht mit dem Kopf aufzuschlüsseln wie eine Chemierechnung, sondern auch das starke Gefühl zu haben: ich muss leben.

Sie haben bei ihren Expeditionen auch einige Male Frauen hoch mit hinauf genommen. Wie beurteilen Sie Frauen als Bergsteigerinnen?

Das ist jetzt eine Theorie von mir, das ist noch nicht bestätigt. Frauen halten derartige Sachen, also große Höhen oder Kälte, leichter aus als Männer, denn die Frau hat die größere Leidensfähigkeit, die Frau ist sehr ausdauernd, die Frau ist auch ganz fähig, den Sauerstoff auszunützen. Also eine Frau, die hier herunten gleich stark ist wie ein Mann, die ist oben stärker. Bei Expeditionen habe ich lieber Frauen dabei als Männer - so weit es überhaupt geht. Oft ist es so, dass Männer-Expeditionen ins Himalaya fahren, die nehmen keine Frauen mit und sagen: "Frauen haben da oben nichts verloren", und reine Frauenexpeditionen,die in ihrem Wahn der Emanzipation meinen, sie müssten da allein hinauf aufs Himalaya, statt, dass man halt eine gemischte Expedition dorthin macht, sich unterhält und wieder heimfährt.

Bergsteigen, Grenzerfahrungen und darüber schreiben

Sie sollen mal gesagt haben, dass Sie über Ihre Visionen, ihre Gedanken auf dem Gipfel nicht mehr so gerne sprechen, weil sie, besonders von Journalisten, ausgelacht würden, weil das nur breitgetreten würde - stimmt das?

Das ist nicht ganz unrichtig. Aber dass ich's nicht erzähle, stimmt nicht ganz. Ich habe ja diese Erfahrungen, das sind keine Gedanken, sondern eher "Körpererfahrungen", schon erzählt, auch in meinen Büchern, so weit man das überhaupt kann. Diese Erfahrungen,diese Erkenntnisse gehen ja nicht über den Kopf und leicht über die Schrift aufs Papier. Aber diese Erfahrungen sind nicht allein auf den Gipfel beschränkt, sondern auf Grenzsituationen.

Wie stehen Sie zur Kritik: "Der vermarktet ja alles"?

Ja, das ist ein Vorwurf, der meistens auch immer in der Presse steht, von Leuten, die ja sogar die Frechheit haben, mich zu vermarkten! Wenn einer meinen Namen hernimmt, um eine Geschichte zu verkaufen, kriegt er für jede Zeile das Gleiche wie ich, wenn ich die gleiche Zeile schreibe. Es ist ja nicht so, dass mich der "Stern" doppelt bezahlt, ich krieg ein normales .Honorar. Ich kriege halt, was üblich ist, und das ist ein ganz normaler Markt. Das ist mein ganz normales Leben. Und wenn ich heute einen Vortrag halte, verkaufe ich den, ganz normal, und wenn ich Bücher schreibe, verkaufe ich die, verschenke die nicht.

Es ist ganz interessant, dass man mir nicht zugesteht, dass ich meine Geschichten verkaufe, das ist verboten, hat mit Bergsteigen wenig zu tun. Ich habe auch überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei, sondern ich finanziere meine Expeditionen selbst, ich muss auch davon leben. Für mich fließt das ineinander über: Bergsteigen, darüber schreiben, Vorträge halten, das auch zu verkaufen. Inzwischen habe ich auch gelernt, wie man das macht. Früher hab' ich die Sachen fast verschenkt, weil ich nicht wusste, was die üblichen Honorare sind. Ich hatte auch das Glück, dass ich mittlerweile bei den relativ seriösen Zeitschriften gelandet bin, die gut bezahlen, und das ist natürlich vielen Leuten ein Dorn im Auge.

"Eine Himalaya-Expedition ist ein Spaß, sonst nichts"

Aber das ist mir das Wichtige: Ich finanziere meine Expeditionen selbst, meine Expeditionen zahlt nicht die Regierung oder der Alpenverein. Ich lehne das ab, ich sage: Es ist eine große Schweinerei, wenn einer für seine Späße Steuergelder verpulvert, und eine Himalaya-Expedition, was immer sie bringt, ist ein Spaß und sonst nichts, denn man erobert schließlich nichts für sein Land.

Was haben Sie als Ziele - die Umsetzung der Bergsteigerei ins Schreiben zum Beispiel?

Das will ich weiterhin machen. Wie lange, das weiß ich nicht. Ich habe überhaupt kein Ziel. Es ist nicht so, dass ich sage: Ich möchte im Leben das und das erreichen. Heute will ich eigentlich nur mehr das tun, was mir Spaß macht oder besser das, von dem ich das Gefühl habe, das muss ich eigentlich tun. Ich weiß aus Erfahrung - auch wenn die nächsten zehn Jahre für uns alle viel schwieriger sein werden als die vergangenen - dass ich das überleben werde, so lange ich für die Sache, die ich mache, begeistert bin.

Es gibt noch viele faszinierende Möglichkeiten. Wenn meine Kräfte nachlassen, dann werde ich halt kleinere Sachen machen und auch Interessantes erleben so lange die Welt irgendwo geheimnisvoll bleibt für mich, dass ich noch irgendwo Gebiete habe, die mich reizen.

Arlequina, am 17.09.2014
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Bildquelle:
Gabriele Hefele (Wie mache ich ein Porträt - geschrieben, nicht gemalt)

Autor seit 5 Jahren
206 Seiten
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