Akupunktur - gestern und heute in China

Die Anfänge der Akupunktur liegen 2000 bis 3000 Jahre zurück. Sie wurzelt im Taoismus, einer je nach Betrachtungsweise, großen Philosophie oder Religion. Die damit verbundenen Traditionen waren es, die die chinesische Regierung nicht akzeptierte, denn man sah China stets als modernen Staat, in dem für Traditionen kein Platz ist. Trotzdem wurde die Akupunktur, wegen ihres geringen finanziellen Aufwands bereits 1949 zur Staatsmedizin erklärt. Man entkleidete sie ihres philosophisch-geschichtlichen Hintergrunds und es blieb "Nadelstecherei" übrig. (lat. Acus die Nadel und pungere stechen).

Neben der Ablehnung aller Traditionen bestand in Rotchina ebenso eine Abneigung gegenüber Intellektuellen, studierten Personen also auch Ärzten, die während der Kulturrevolution als Staatsfeinde (1966 – 1976) angesehen und in die abgelegensten Provinzen verbannt wurden, "um von den Bauern zu lernen". Der daraus resultierende Ärztemangel sollte durch Schaffung eines neuen Berufes, den des Barfußarztes, behoben werden. Barfußärzte waren keine Mediziner, ja noch nicht einmal ausgebildete Nothelfer. Sie rekrutierten sich aus Bauern und Arbeitern. Eine dünne Broschüre, in der Akupunkturrezepte der wichtigsten Krankheiten erwähnt waren, war ihr alleiniger medizinischer Hintergrund. Es wurden auch klassisch-traditionelle Bücher öffentlich verbrannt, oder entsprechend parteiamtlichen Zielsetzungen, umgeschrieben.  

Etwa zu dieser Zeit begannen sich westliche Mediziner für diese chinesische Medizin zu interessieren. Sie übernahmen dieses, seines ursprünglichen Inhalts entkleidete Konstrukt und versuchten es westlich wissenschaftlich zu begründen. Es wurde statistisch belegt, dass z. B. der 4. Punkt des Dickdarmmeridians, der Hegü, gegen fast alle Leiden, und Punkte am Kopf gegen Kopfweh usw. wirksam seien. Weiter wurde die Lage der Punkte, über die unterschiedliche Auffassungen bestehen, weitgehend normiert. Akupunkturpunkte werden seitdem wie Medikamente gesehen und ihnen Indikationen zugesprochen. Der Hintergrund für diese Festschreibung war die Absicht Behandlungsvorgehen reproduzierbar zu machen.

Die westlichen Arbeiten gaben der chinesischen Regierung nicht nur Anerkennung, sondern brachten ihr auch wirtschaftliche Vorteile. Chinesische Ärzte mit diesem abgespeckten Wissen werden seitdem als Devisenbringer in den Westen "exportiert". Ärzte, die ohne erneute Ablegung ihrer Examina in Europa nicht tätig sein dürften und diese Schwierigkeit dadurch umgehen, dass sie von westlichen Medizinern als Therapeuten angestellt werden. Ärzte, die weder die europäischen Lebensbedingungen kennen, noch der deutschen Sprache mächtig sind.

Chinesische Ärzte wurden und werden von der Propaganda fast als Wunderheiler dargestellt und es bleibt dabei unerwähnt, das in China nicht von einzelnen Behandlungen, sondern von Behandlungsserien gesprochen wird. Eine Erkenntnis, die mich selbst überraschte: In der Uniklinik Shanghai ging das Gespräch mit dem Oberarzt um eine rückenleidende Patientin. Eine meiner Fragen war, wie oft wurde bisher behandelt. Antwort: "11 Serien a 10 Behandlungen". 110 Sitzungen somit, in denen der Organismus der Patientin offensichtlich in seiner Selbstheilung behindert wurde. Vielleicht ist die sprichwörtliche Geduld der Chinesen - Wasser ist härter als Stein - Voraussetzung für die vielen Behandlungen. Ob die aber von Westlern aufgebracht wird, wage ich zu bezweifeln.

Das ursprüngliche Model

Wie bereits erwähnt, liegen die hauptsächlichen Wurzeln in der taoistischen Lehre, mit der alle Dinge des Lebens philosophisch, aber dennoch praktisch nachvollziehbar begründet werden können. Das gilt im gleichen Maße für Ackerbau und Viehzucht, soziale Belange, Politik etc. und auch für die Medizin. Nach dieser Lehre setzt sich alles aus fünf Grundstoffen, den fünf Elementen zusammen. Ihnen sind die Jahreszeiten, Himmelsrichtungen, Farben, Gerüche und Geschmäcker aber auch Organe zugeordnet. 

Der Mensch wird als Bindeglied zwischen der Erde auf der er steht und dem Himmel, dem er entgegen strebt, aufgefasst. Dem Himmel (Yang) entnehmen wir das Licht und die Atemluft, der Erde (Yin) das Wasser und die Nahrungsmittel. Aus beidem bildet sich die Lebensenergie, das Ch'i, das den Körper in einem speziellen Kreislauf durchläuft und allen Lebensfunktionen steuernd übergeordnet ist.

Dieser Energiekreislauf besteht aus 12 Leitwegen (Meridianen), die auf vielfältigen Wegen miteinander kommunizieren und Träger der Akupunkturpunkte sind. Die Funktion der Punkte ist mit Regelventilen vergleichbar. Störungen und Krankheiten beruhen nach dieser Hypothese entweder auf örtlichem Energieüberfluss oder Mangel, der durch Behandlung normalisiert werden kann.

Befundungen werden unmittelbar vor jeder Behandlung durchgeführt. Neben speziellen Pulsdiagnosen existiert weiter eine Augendiagnose, die mit der westlichen Irisdiagnose nichts gemeinsam hat und eine Gesichtsdiagnose. Weiter werden Hautbeschaffenheit, Farbe  und Temperatur beurteilt. Aus diesen Informationen wird das Behandlungsvorgehen abgeleitet, das sich von Tag zu Tag ändern kann und bei beispielsweise zwei Personen mit dem gleichen Krankheitsbild unterschiedlich sein wird. Diese beim klassischen Modell bestehenden Diagnosemöglichkeiten sind in der Akupunktur des heutigen Chinas unbekannt, weil sie sich nicht in ein wissenschaftliches Schema pressen lassen. 

Moderne Akupunktur und die Ziehung der Lottozahlen

Punktkombinationen zur Behandlung von Symptomen, weniger Krankheitsbildern, sind Themen der modernen Akupunktur. So existieren Behandlungsanweisungen bei Magenschmerzen ebenso wie bei Kopfweh oder Schultergelenksbeschwerden. Es wird nicht hinterfragt, weshalb Beschwerden vorliegen. So können beispielsweise Kopfschmerzen oder Schultergelenksbeschwerden unendlich viele Ursachen haben und da die nicht beachtet werden, gleicht solche Behandlung, der mit Painkillern. Wenns dann doch klappt, ist man stolz darauf ein Symptom abgeschossen zu haben, während die eigentliche Ursache unerkannt bleibt, eventuell eine andere Symptomatik auslöst, die als neue Erkrankung ausgelegt wird.

Tatsächlich sind selbst diese Effekte eher selten und auch das hat seinen Grund. Die Konstruktion der Punktkombinationen beruht auf der Annahme, dass Nadelreize im jeweiligen Schmerzgebiet Wirkung zeigen müssen. Es wird nicht bedacht, dass es sich um ein bereits überreiztes Areal handeln könnte. Zusätzliche Nadelreize werden sich in diesen Fällen eher verschlimmernd auswirken, also nicht als Erfolg in die Statistik eingehen. Der Grund für dieses Dawos-Denken (Da wo es weh tut) ist die Begründung der Wirkung über das spinale Nervensystem, von der Lebensenergie ist nicht die Rede, im Gegenteil, sie wird als esoterische Spinnerei abgelehnt. 

Auf jeder Körperhälfte existieren ca. 360 Akupunkturpunkte, mit denen der Energiefluss reguliert werden kann. Ihre Auswahl nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit gleicht einem Lottotipp, bei dem auf die, durch Statistik ermittelten, häufigst gezogenen Zahlen gewettet wird.

Für Patienten ist es nicht schwer zu erkennen, welcher Schule ihr Therapeut entstammt. Die überwiegende Mehrzahl der Akupunkteure ist vom heutigen China "ferngesteuert". Dieser Ursprung ist an drei charakteristischen Merkmalen erkennbar:

  1. Es wird von Behandlungsserien, z. B. von 10 Behandlungen gesprochen.
  2. Die Akupunkturnadeln werden immer wieder in die gleichen Stellen gestochen und...
  3. … deren Mehrzahl ist am Ort der Beschwerden platziert.

Kaum jemand erwartet mit einer einzigen Behandlung beschwerdefrei zu werden. Dennoch sollten unmittelbar nach jeder einzelnen Sitzung (!)Fortschritte erkenntlich sein. Sofern nach einer ergebnislos durchgeführten Behandlungsserie Ihnen die nächste vorgeschlagen wird, verzichten Sie darauf. Das Konzept ist dann nicht richtig und Sie könnten ebenso Ihr Geld zum Fenster hinaus werfen. (Das gilt übrigens auch für andere Therapien.) Schematiker der neuen Schule kennzeichnet ihr "Rezeptdenken". Deshalb werden sie bei jeder Sitzung annähernd die gleichen Punkte benutzen und das mit Vorliebe ins Zentrum des Schmerzgeschehens.

Im Augenblick überwiegen noch die Akupunkteure der sogenannten neuen chinesischen Schule aber selbst in China regt sich der Widerstand und es wird zunehmend an die ursprünglichen, alten Quellen erinnert. In Europa ist diese Entwicklung ähnlich. Mehr und mehr Therapeuten beginnen das alte, energetische Model zu praktizieren, einen Trend, den ich vor drei Jahrzehnten mit der Entwicklung der Energetisch-Statischen-Behandlung (ESB/APM) mit eingeleitet habe. 

Bleibt nur noch die Frage offen, die nach dem Stich irgendwohin, mit Wirkung vornehmlich bei Spannungskopfschmerz. Bei der Beobachtung, wie viele Menschen Angst vor einem Nadelstich haben, ist es für mich nachvollziehbar, dass allein durch durch die Vorstellung des "Piekses" bereits Energie bewegt wird. Fließende Energie ist gleichzusetzen mit Beschwerdefreiheit. Das erinnert mich an die volkstümliche "Behandlung" bei Verschlüssen der Gallenwege. Anspucken des Erkrankten wird empfohlen. Der dadurch ausgelöste Ekel bewirkt mit all den, durch den gesamten Körper verlaufenden Schauern (Ch'i -Gefühl) Heilung. Das funktioniert erfahrungsgemäß wie ein Nadelstich ins Irgendwo. Um diesen Effekt zu erzielen muss niemand irgendwelcheteuren Lehrgänge absolvieren.

In diesem Video werden die Wirkungsmechanismen der Akupunktur zunächst beschrieben. Danach landen die Nadeln im Schmerzzentrum. Ein Vorgehen, dass nur selten erfolgreich oder erst nach endlos vielen Behandlungen erfolgreich ist. Das immer dann, wenn sich derv Organismus trotz der Behandlung selber heilen konnte. Wohin kommen Nadeln eigentlich bei Schlaflosigkeit? Klar. mitten ins Schlafzentrum.

Wilde Schwäne: Die Geschichte einer Familie. Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute

Die Autorin Jung Chang, ehemalige Fernostkorrespondentin der BBC, schreibt ihre Familiengeschichte der letzten drei Generationen. Ein authentischer Roman mit der Qualität eines Thrillers. Die Zeit vor und nach Gründung des rotchinesischen Staates werden ebenso beschrieben, wie die der Kulturrevolution. Immer wenn man meint, dass es nun nicht mehr schlimmer kommen könnte, wird es noch schlimmer. Bedrückend die jüngere chinesische Vergangenheit. Meine Empfehlung: unbedingt lesen um mitreden zu können.. 

J. R. Worsley, britischer Akupunkturpapst übt in seinem Buch "Was ist Akupunktur?" ebenfalls Kritik an der offiziellen Akupunktur des heutigen Chinas. Welchen Wert hat, so sinngemäß seine Meinung die Abschaltung von Zahnschmerz (Symptom) mit Nadeln, wenn dabei das kariöse Loch (Ursache) unbehandelt bleibt und sich beschwerdelos bis zum Zahnziehen entwickeln kann. In diesem dünnen Buch steckt mehr Weisheit und praktisch nutzbare Erkenntnis als in vielen anderen schwergewichtigen Werken.

Mein Urteil:
Ein ärgerliches Buch, denn ich ärgere mich darüber es nicht selbst geschrieben zu haben.

Klaus_Radloff, am 07.11.2009
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