Bossa Nova Brasilia - Bossa Nova USA

Bossa Nova Brasilia - Bossa Nova USA (Bild: in-akustik)

Das änderte sich schlagartig, als der amerikanische Gitarrist Charlie Byrd 1961 längere Zeit in Brasilien verbrachte und auf eine musikalische Schatztruhe stieß. Die war überreich gefüllt mit Liedern von bis dato unbekannten Komponisten wie Antonio Carlos Jobim, Luis Bonfa, Sergio Mendes oder João Gilberto und Sängerinnen wie Sylvia Telles und Elizete Cardoso. Ihre musikalische Wunderformel hieß "bossa nova", zu deutsch: Neue Welle, und sie überflutete in den folgenden Jahren geradezu tsunamiartig die Hitparaden in aller Welt.

 Während der Ruhm von Elizete Cardoso, die 1990 im Alter von 70 Jahren starb (Sylvia Telles kam 1966 mit gerade einmal 32 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben), auch nach dem Lostreten der Welle auf Brasilien beschränkt blieb, machte eine andere Sängerin den Sound von Rio in aller Welt berühmt: die deutschstämmige Astrud Gilberto. Ihre Interpretation von Jobims "Garota de Ipanema" ("The Girl from Ipanema") wurde 1963 zum meistverkauften Bossa-Nova-Hit überhaupt.

 Wie alles angefangen hat

 Der jedoch ist auf der jetzt erschienen Doppel-CD "Bossa Nova Brasilia – Bossa Nova USA"  nicht vorhanden. Die erste beschränkt sich nämlich auf die Jahre von 1958 bis 1960, auf den "Anbruch einer neuen Ära" (so der Untertitel des Albums). Aber was heißt "beschränkt": Hier sind sie nämlich schon alle vorhanden, die Ohrwürmer, die von unzähligen Musikern kopiert wurden. "Bossa Nova Brasilia" bietet ausnahmslos die Orginale: Gilbertos einschmeichelnd gesungenes "Desafinado" (was auf Deutsch sinnigerweise so viel heißt wie "verstimmtes Instrument"), Jobims "Chega de Saudade", so etwas wie die Erkennungsmelodie der Bossa-Nova-Bewegung, der "One Note Samba" oder, ebenfalls von Jobim,  "Corcovado", die Hymne auf den neben dem Zuckerhut zweiten markanten Berg von Rio de Janeiro mit der gigantischen Christusstatue auf dem Gipfel.  

Manche Titel sind in unterschiedlichen Interpretationen mit verschiedenen Sängern vertreten, und wenn die eine oder andere Version nicht weltberühmt geworden ist, liegt das wohl auch darin begründet, dass sie es kaum über die übliche Schlagerkost hinausgebracht hat. Doch die Mehrzahl der Lieder ist einfach hinreißend: melancholisch,  rhythmisch innovativ, entspannt, poetisch. Und jedes klingt, im weichen Tonfall des brasilianischen Portugiesisch gesungen, wie eine einzigartige Liebeserklärung.

 Sanfte Antwort auf den aggressiven Bebop

 Die zweite CD dokumentiert, was Jazzmusiker wie der bereits erwähnte Charlie Byrd und seine Mitstreiter Stan Getz, Herbie Mann, Dizzy Gillespie oder Coleman Hawkins aus den Vorgaben ihrer südamerikanischen Kollegen gemacht haben. Da verbinden sich Modern und Cool Jazz mit den Latin-Klängen zu einer stilprägenden Mischung, die dem Jazz seinerzeit einen ungeheuren Popularitätsschub verschafft hat – auch in jenen Kreisen von Musikhörern, die bislang mit diesem Genre nicht allzu viel anfangen konnten. Die Kombination von Cool Jazz und Samba war die lässige Antwort auf den aufgeregt-aggressiven Bebop und den intellektuell-verkopften Free Jazz der Nachkriegsjahre. Den "One Note Samba" etwa veredelt der blinde Pianist George Shearing zu einer locker-eleganten Swingnummer; das "Desafinado" von Getz und Byrd wird mit newyorkischem Drive aufgepeppt, und Quincy Jones‘ "Soul Bossa Nova" braust mit der Urgewalt einer Lokomotive unter Volldampf heran.

 Vielleicht nicht gerade das, was Jobim & Gilberto vorgeschwebt haben mag, als sie ihre Songs, zumeist  auf der Gitarre, komponierten. Aber ein Beweis dafür, wie unverwüstlich und wandelbar und nach wie vor hörenswert der Bossa Nova aus Rio de Janeiro ist – und was alles in ihm steckt, wenn man ihm genauer in die Notenköpfe schaut.

 © Rainer Nolden

 

"Bossa Nova Brasilia – Bossa Nova USA", Chromedreams, CD 5094, zu beziehen über in-akustik, Untermatten 12-14, 79282 Ballrechten-Dottingen, Telefon: 07634/56100, www.in-akustik.com  

 

 

 

 

 

 

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