Tatverdächtige werden im Internet bloßgestellt

Zum "M.O.D. Leader Board" gehört an diesem Tag auch das Foto eines jungen Mannes, um die 30 Jahre alt, mit einem grotesk geschwollenen, rot gefärbten Auge, ein mutmaßlicher Autodieb. Er soll sich gegen die Festnahme durch die Polizei gewehrt haben. Das auf dem Foto dokumentierte lädierte Auge dient denn vermutlich auch als Nachweis effektiver Polizeiarbeit. In Arizona gilt übrigens schon als Autodieb, wer mit einem Auto fährt, ohne das Einverständnis des Eigentümers zu haben. Das kann auch der pubertierende Sohnemann mit Papas Auto auf Abwegen sein. Law made in USA.

Ebenfalls unfreiwilliges Mitglied des "M.O.D. Leader Board" ist eine ältere Frau, um die 60 Jahre alt, mit verängstigtem Blick und augenscheinlich ohne Zähne im Mund. Sie soll unter anderem ein Grundstück unberechtigt betreten haben. Die meisten Stimmen an diesem Tag hat eine hübsche junge Frau bekommen. Sie ist 22 Jahre alt. Vermutlich hat sie Alkohol an Minderjährige abgegeben. In Arizona und zahlreichen weiteren Bundesstaaten der USA ist das Trinken von Alkohol erst ab 21 Jahren erlaubt.

Arpaio wurde seit 1992 alle vier Jahre wiedergewählt

Immerhin gibt es auf der Website die Möglichkeit, darüber abzustimmen, ob es erlaubt sein soll, über Polizeifotos abzustimmen – ein Schelm, der Böses dabei denkt. Den im Internet bloßgestellten Beschuldigten hilft es nicht weiter. Am untersten Ende der Website schließlich steht der Hinweis, Beschuldigte seien unschuldig, bis ihre Schuld nachgewiesen sei. Das macht es juristisch und vor allem menschlich nicht besser. Semper aliquid haeret. Es bleibt immer etwas hängen.

Sheriff Arpaio würde es wahrscheinlich effektive Abschreckung nennen. Andere nennen es Pranger. Aus Sicht der Kriminologie sind zudem erhebliche Zweifel angebracht, ob derlei Maßnahmen überhaupt eine abschreckende Wirkung entfalten. Doch das ist Nebensache. Denn anders als seine Polizeikollegen in Deutschland wird Joe Arpaio gewählt – und die Zustimmung der Bevölkerung ist hoch. "The public is my boss", schreibt Sheriff Joe auf seiner Website. Und die Wähler sind anscheinend sehr zufrieden mit ihrem Boss. Seit 1992 ist Arpaio Sheriff im Maricopa County und wurde seitdem alle vier Jahre wiedergewählt.

Was ist mit der Unschuldsvermutung?

Zu den Grundfesten eines Rechtsstaats gehört die Unschuldsvermutung. So steht es unter anderem in Artikel 11 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN) von 1948: "Jeder, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, hat das Recht, als unschuldig zu gelten, solange seine Schuld nicht in einem öffentlichen Verfahren, in dem er alle für seine Verteidigung notwendigen Garantien gehabt hat, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist."

Auch bei der Auslegung der Verfassung der Vereinigten Staaten geht man seit dem 19. Jahrhundert – lange vor der Gründung der UN – von der Geltung der Unschuldsvermutung aus. Sheriff Joe Arpaio aus Maricopa County, Arizona, tut es scheinbar nicht. Er ist "Amerikas härtester Sheriff".

Titelbild: werner22brigitte / pixabay.com

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