Zeitzeugen

Zeitzeugen (Bild: Andrea Damm / pixelio.de)

Koro - Behandlung durch Strecken und Blowjobs?

Da wäre zum Beispiel Koro. Vorab gesagt: Koro ist keine Durchfallerkrankung und auch kein exotisches Dschungelfieber.  Nein, in diesem Fall hat es etwas mit... 

Wie soll man dazu sagen?  Es hat was mit dem Geschlechtsteil des Mannes zu tun, dem Penis. Genau genommen hat der Patient Angst davor, dass sein bestes Stück schrumpft und sich in den eigenen Körper zurückzieht, so wie der Kopf einer Schildkröte. Diese Vorstellung löst bei dem Betroffenen solche Panikattacken aus, dass er über Stunden sein Geschlechtsteil festhält, um zu verhindern, dass es auf Nimmerwiedersehen für immer tief im Körper verschwindet. Oftmals werden als "Behandlungsmethode" Gewichte und Geräte zum Strecken herangezogen. Auch Blowjobs sollen der Heilung zuträglich sein. Doch im Grunde genommen schrumpft der Penis nicht wirklich. Und er zieht sich auch nicht in den Körper zurück. Dieses drohende Szenarium spielt sich nur im Kopf des Leidenden ab. Bei Koro handelt es sich "nur" um eine psychische Störung. 

Die Krankheit kommt in China, Indonesien und Malaysia vor. Vom letztgenannten Land hat sie auch ihren Namen, denn auf Malaiisch bedeutet Koro soviel wie "Schildkrötenkopf" oder "schrumpfend". 

Schildkröte I (Bild: Clemens Scheumann / pixelio.de)

Kuru, die Lachkrankheit

Eine andere kuriose, aber sehr gefährliche Krankheit ist Kuru oder auch Lachkrankheit genannt - nicht zu verwechseln mit der zuvor erwähnten Koro -. Dabei ist demjenigen, der sie eigentlich hat, gar nicht zum Lachen zumute. Sie führt innerhalb von sechs bis zwölf Monaten zum Tod. Kurios ist Kuru aber wegen ihrer Übertragung, denn die hat mit dem Verzehr von Menschenfleisch zu tun. Ja, Sie haben richtig gelesen. Die Krankheit ist auf Kannibalismus zurückzuführen. Das Volk der Fore nämlich, das im Hochland von Papa-Neuguinea beheimatet ist, pflegte den Brauch ihre geliebten Verwandten und Stammesangehörigen nach deren Ableben zu verspeisen. Dies gehörte lange Zeit zum rituellen Totenkult der Fore, bis er im Jahr 1954 verboten wurde. Nur zu dumm, dass die Fore bei dem besonderen "Leichenschmaus" sich nebenbei eine lebensgefährliche Krankheit zuzogen. Die Fore nahmen mit dem Fleisch der Verstorbenen auch das "wohlschmeckende", aber  hochgradig infektiöse Gehirn der Toten zu sich. Parallelen zu BSE und der Creutzfeld-Jakob-Krankheit sind hierbei nicht zu übersehen. Heute ist Kuru so gut wie ausgerottet. Aber dennoch kommt es auch heute zu dem ein oder anderen Krankheitsfall. Ob ein Rückfall in den Kannibalismus hierfür ursächlich ist? Keine Ahnung, aber die Fore werden es wohl wissen. Oder?

Apropos Lachkrankheit: Die Symptome von Kuru sind ein rhythmisches Zittern am ganzen Körper (Tremor), ein unsicherer Gang, sowie ein unnatürliches Lachen. 

Gusto und die Seelenlosen

Gusto heißt eine andere nicht zu unterschätzende Krankheit. Mit dem Begriff assoziiert womöglich so manch Italienreisender etwas Schmackhaftes. Denn Gusto bedeutet auf Italienisch nichts anderes als Geschmack. Somit könnte man schlussfolgern, dass Gusto so etwas wie der Verlust der Geschmacksnerven sei. Dies wäre mit Sicherheit eine schlimme ernstzunehmende Erkrankung für einen Italiener. Doch weit gefehlt. Zwar hat Gusto etwas mit einem Verlust zu tun, aber nicht die der Geschmacksnerven. 

Bei dieser Erkrankung geht es um etwas Ernsteres, nämlich um den Verlust der Seele. Eigentlich ist es viel mehr die Angst des Seelenlosen, dass seine Seele vom Körper getrennt wurde und diese nicht mehr zurückkehren kann. Diese Vorstellung, die in der Regel mit einem traumatischen Unfallereignis oder Todesfall einhergeht, kann zum Tode des Patienten führen. Gusto kann durch spezielle Tees, denen Drogen beigemischt werden und halluzinogene Wirkungen bei Betroffen hervorrufen sollen, sowie durch schamanistische Rituale geheilt werden. Ziel hierbei ist es, die Seele wieder in den Körper zu führen. Jedenfalls soll dies der Patient glauben. Gusto, das eigentlich Schreck auf Spanisch bedeutet, ist in den Ländern Lateinamerikas weit verbreitet. 

Frauen, Furien und die arktische Hysterie

Haben Sie schon mal von "arktischer Hysterie" gehört? Vermutlich eher nicht, denn sie ist in unseren Breiten kaum anzutreffen. Diese Erkrankung kommt vorwiegend im hohen Norden bei den Inuit-Frauen vor. Bei dem Höhepunkt dieser Erkrankung schlagen die Frauen wie wild um sich und zerstören alles, was ihnen in den Weg kommt. Dabei brüllen sie unverständliches Zeug. Gefährlich wird das Ganze, wenn die zu Furien gewordenen Frauen nach draußen, in die eisige Kälte laufen und sich alle Kleider vom Körper reißen. In ihrem Wahn toben und wälzen sie sich auf dem Eis und Schnee bedeckten Boden bis zur Bewusstlosigkeit. Den Frauen droht hier eine akute, lebensgefährliche Unterkühlung. Danach, wenn sie wieder aufwachen, können sie sich an nichts mehr erinnern. 

Touristen in den Kunstmetropolen Europas leben gefährlich

Bei der nächsten und letzten Erkrankung kehren wir in unsere "zivilisierte" Welt zurück. Eigentlich müsste einem ein Urlaub gut tun. Dies könnte man jedenfalls meinen. Aber dies ist nicht immer so. In manchen Fällen führt eine anregende Reise voller Eindrücke genau zum Gegenteil. Stendhal-Syndrom, so der Name der Krankheit, befällt vorwiegend Touristen, die Kunstmetropolen unterwegs sind. Bitte nicht Lachen! Dies ist kein Scherz. Die italienische Psychologin Magherini untersuchte in Florenz mehr als hundert Krankheitsfälle, an denen Besucher der Kunstmetropole litten. Die Symptome der Patienten waren Verfolgungswahn, Depressionen, Herzklopfen, Schwindelgefühl, Panik, Störungen der Wahrnehmung und Wahnvorstellungen. Ursache für die Erkrankung, so stellte sich heraus, war eine so genannte kulturelle Reizüberflutung. Die neuen Eindrücke waren zuviel für den Geist der Betroffenen. Das Gehirn konnte die vielen Impressionen nicht verarbeiten. Noch heute treten bei Kulturreisenden derartige Symptome auf. Es ist schon irgendwie paradox. Man macht eine Reise, um sich zu erholen und wird stattdessen krank.

Wie gesagt: Es gibt Krankheiten auf dieser Welt, die hören sich unglaublich an, sind aber Wirklichkeit. Und die Erwähnten sind nur die Spitze des Eisbergs. Wollen wir nur hoffen, dass uns solch eine merkwürdige Erkrankung nicht ereilt. 

Autor seit 4 Jahren
10 Seiten
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