Kindheit und Jugend

Jimi wurde am 27. November 1942 im US-Amerikanischen Seattle als John Allen Hendrix geboren. Seine gerade erst 17 jährige Mutter Lucille war mit ihrem ersten Kind überfordert. Da sein Vater James Allen erst drei Jahre nach Jimis Geburt von der Front zurückkehrte, verbrachte dieser die meiste Zeit bei verschiedenen weiblichen Verwandten. Die Familienverhältnisse blieben unübersichtlich. Bis 1951 folgten noch vier weitere Geschwister, von denen drei zur Adoption freigegeben bzw. an Pflegeeltern gegeben wurden. Jimis Kindheit war geprägt von unzähligen Veränderungen. Bezugspersonen, Wohnsitze, Schulen, die Zahl der Geschwister – alles war einem permanenten Wechsel unterworfen. Selbst sein Vorname wurde 1946 in James Marshall geändert. Mit 15 Jahren verlor Jimi zudem seine Mutter, die sich bereits 1951 von ihrem Mann Allen hatte scheiden lassen.

Der ohnehin schüchterne, verschlossene Junge litt unter den wirren und unsteten Lebensumständen. "Jimi war eigentlich immer schüchtern." (James Allen Hendrix). Verstört zog er sich in sich selbst zurück. In der Schule erbrachte der Linkshänder durchschnittliche Leistungen, im Fach Sport war er sogar hervorragend. Obwohl Linkshändigkeit damals als abnormale Angewohnheit angesehen wurde, ließ er sich den Gebrauch der »falschen« Hand nicht aberziehen. Schon damals interessierte sich der phantasiebegabte Junge sehr für Kunst und Science Fiction.

»Jimi zeichnete und malte auch viel. Er spielte mit dem Gedanken, kommerzieller Künstler zu werden, aber dann packte ihn die Musik…Musik war etwas, was er wirklich liebte« (James Allen Hendrix).

In dem Jahr, in dem seine Mutter starb, erhielt Jimi von seinem Vater seine erste Gitarre. Nachdem er das Instrument auf seine Bedürfnisse umgerüstet hatte - die Saiten mussten wegen seiner Linkshändigkeit in umgekehrter Reihenfolge aufgezogen werden - widmete er sich dem Gitarrenspiel mit wahrer Besessenheit. Ohne Unterricht und ohne Notenkenntnisse brachte er sich das Spielen autodidaktisch bei, indem er die Schallplatten seines Vaters ständig abspielte »und dazu auf der Gitarre herum[zupfte]« (James Allen Hendrix). Bald drängte er seinen Vater, eine elektrische Gitarre anzuschaffen. Er wollte unbedingt wie seine Vorbilder B. B. King und Muddy Waters spielen können. Schon damals war die Musik für Jimi mehr als eine simple Freizeitbeschäftigung. Die Gitarre wurde zu seiner »Stimme«, mit der er zum Ausdruck brachte, was er nicht mit Worten fassen konnte. 1959 schloss sich der 16jährige auf der High School einer Schülerband an.

Auf dem Weg in die Welt der Musik

»Er glaubte, dass er eines Tages berühmt würde. Ich wusste, dass er ein guter Musiker würde« (James Allen Hendrix). Doch bevor sich Jimi seinem Lieblingsprojekt widmen konnte, galt es, den Militärdienst abzuleisten. 1961 trat er als Freiwilliger in eine Fallschirmjägereinheit ein. »Diese Springerei ist das Aufregendste, was ich je getan habe« (Jimi Hendrix). Doch nach acht Monaten erlahmte sein Interesse am Militär merklich. Er begann, seine Gitarre zu vermissen. Sein Vater schickte ihm das Instrument nach und Jimi widmete sich ihm mit dem gleichen obsessiven Eifer wie früher - sehr zum Missvergnügen seiner Vorgesetzten, die ihn »total von der Musik fernhalten wollten« (Jimi Hendrix). Seine Ausbilder warfen ihm vor, seine Pflichten zu vernachlässigen und sich nicht mehr auf seine Aufgaben zu konzentrieren. Er habe nur noch seine Gitarre im Kopf und spiele zu viel. Doch der Gescholtene ließ sich nicht beirren. Zusammen mit dem Mitrekruten und Bassisten Billy Cox, mit dem er Jahre später große Erfolge feiern sollte, gründete er eine Soldatenband, die in diversen Clubs rund um die Kaserne aufspielte. Den anderen Bandmitgliedern blieb die eigenartige Distanziertheit Ihres Gitarristen nicht verborgen.

»Eigentlich war Jimmy nie wirklich einer von uns. Er konzentrierte sich auf seine Musik. Während wir den üblichen Small-talk machten,…blieb er für sich…starrte irgendwohin. Man kam nicht an ihn ran« (Charles Washington).

Nach nur 13 Monaten wurde Jimi vorzeitig entlassen. Die Army bescheinigte ihm zum Abschied Charakterschwäche. Er könne oder wolle sich dem System von Befehl und Gehorsam nicht unterordnen. Jimi kehrte nicht zu seinem Vater nach Seattle zurück. Zusammen mit Billy Cox zog er durch die Lande und suchte nach Gelegenheiten, sich als Gitarrist zu verdingen. Sein Lebensmittelpunkt war nun seine Gitarre. Selten sah man ihn ohne sie herumlaufen. Seine wenigen Habseligkeiten trug er im Gitarrenkoffer mit sich. Im musikverrückten Nashville begann sich Jimi ernsthaft mit der Entwicklung seines persönlichen Stils zu beschäftigen.

»In Nashville habe ich wirklich Spielen gelernt…Dort begann ich, mich wirklich für die Szene zu interessieren« (Jimi Hendrix).

Mit der ihm eigenen Hingabe widmete er sich der Verbesserung seines Solospiels, experimentierte mit dem Sound seiner Gitarre und entwickelte seine eigene, extravagante Bühnenperformance. Nach den Auftritten zog sich Jimi jedoch sofort zurück, beteiligte sich nicht an den ausgelassenen Vergnügungen seiner Bandkollegen. Für sie lebte er wie in einem Kokon, in dem ihn niemand erreichen konnte. Obwohl physisch präsent war er geistig oft abwesend.

»Er dachte ständig über sich nach« (Albert Allen).

»Es gab eine gewisse Nähe zwischen uns…Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand Jimi wirklich kannte« (Eddie Kramer, sein späterer Tontechniker).

New York: die Suche nach dem Einstieg

1964 zog es Jimi Hendrix an die Ostküste, nach New York. Als Farbiger ließ er sich im »schwarzen« Stadtteil Harlem nieder und suchte dort Anschluss an die örtliche Musikszene. Da er sich als Talent bereits einen Namen gemacht hatte, wurde er von den damals sehr populären Isley Brothers engagiert. Ein Jahr später schloss er sich dem exzentrischen Rock'n'Roll-Musiker Little Richard an, dem er 1965 ebenfalls frustriert den Rücken kehrte. In keiner dieser Bands hatte er sich lange wohlgefühlt. Für die Isley Brothers war er stets der unnahbare, zurückgezogene »Schleicher«, der »Mann ohne Eigenschaften«. Der immer freundliche, höfliche und ruhige junge Mann ging nie aus sich heraus (mit Ausnahme seiner Showeinlagen auf der Bühne). Privat zeigte er nicht die geringsten Leidenschaften, nicht einmal besondere Interessen. Wortkarg und einsilbig gestattete er niemandem einen Blick unter die abweisende Fassade seines Kokons. Nur wenn es um Musik ging, lebte er auf. Dann »erklärte [er] uns alles…spielte ununterbrochen, die ganze Zeit« (Ernie Isley).

Jimi arbeitete hart an sich, übte sich in Phrasierung und Improvisation, zergliederte Zeitmaße, spielte Melodien langsam und schnell, um den richtigen Ausdruck zu finden. Seine Gitarre war dabei mehr als nur ein Mittel zum Zweck. Sie wurde ein Teil seiner Seele. Die grenzenlose Hingabe an sein Instrument war einer der Gründe, weshalb der Autodidakt spieltechnisch das hohe Niveau erreichen konnte, das ihn weltberühmt machen sollte. Doch musikalisch passten weder die Isley Brothers noch Little Richard zu Jimi Hendrix. Sie zwangen den im Blues Verwurzelten notengetreu zu spielen, was sie ihm vorgaben und erlaubten ihm kaum Bewegungsfreiheit auf der Bühne. Für einen begnadeten Solisten, der seine Musik leben, der seine Gefühle, Stimmungen und Empfindungen musikalisch zum Ausdruck bringen wollte, war diese künstlerische Knebelung unerträglich. Wie wohltuend unterschieden sich da die gelegentlichen Sessions mit B.B. King, einem der Altmeister des Blues! Dieser erkannte das Potenzial, dass in dem jungen Kollegen steckte. Auch er charakterisierte Jimi als sehr höflich, schüchtern und sehr ruhig.

»Er öffnete sich nicht sonderlich« (B.B. King).

Jimis notorische Geldnot brachte es mit sich, dass er sich arglos auf alles einließ, was irgendeinen Gewinn versprach. 1965 setzte er seinen Namen unter zwei völlig unrentable Plattenverträge. Die fiktiven Einnahmen investierte er derweil in einen ebenso überflüssigen Management-Vertrag. Im gleichen Jahr erregte die Veröffentlichungen eines bereits etablierten Singer/Songwriters Jimis Aufmerksamkeit. Die lyrischen Texte des weißen Protestsängers Bob Dylan beeindruckten ihn tief. Bei seinen farbigen Freunden im schwarzen Harlem stieß seine Begeisterung für weiße Poesie hingegen auf wenig Gegenliebe.

»Ich fühlte mich verraten, als er ein Bob-Dylan-Album nach Hause brachte« (Fayne Bridgeon, schwarze Sängerin und eine von Hendrix' damaligen Freundinnen).

Für Hendrix hatte die Hautfarbe jedoch keine Bedeutung. Als schwarzer »Bruder« hatte er sich auch im schwarzen Umfeld von Harlem nie begriffen. Für ihn zählte allein die Musik. Ob der Künstler schwarz oder weiß war, spielte für ihn keine Rolle. Seine Freunde beobachteten sein lockeres, unkonventionelles Rassenverständnis allerdings mit Argwohn.

»Nicht nur seine Musik änderte die Farbe, auch die Farbe seiner Freunde veränderte sich« (Fayne Bridgeon).

Greenwich Village – das Sprungbrett zur großen Karriere

 1966 zog Jimi Hendrix einen Schlussstrich unter das Kapitel Harlem und ging nach Greenwich Village. Hatte er sich bisher ausschließlich in schwarzen Kreisen bewegt, suchte er nun den Kontakt zur weißen Szene. In einer Zeit, in der man sich als Schwarzer wie als Weißer, um keine Schwierigkeiten zu bekommen, genau überlegen musste, neben wen man sich im Bus oder auf der Parkbank setzte, beinhaltete dieser provokante Schritt ein gerüttelt Maß an Unbekümmertheit. Bereits in Nashville hatte Jimi Bekanntschaft mit den harten Gefängnispritschen machen müssen, weil er sich wiederholt in jenen Bereichen der Clubs aufgehalten hatte, die den weißen Gästen vorbehalten waren. Nun vertraute er darauf, dass er als Farbiger in dem liberalen Künstler-, Studenten- und Intellektuellenquartier weniger anecken würde. In seiner naiv-unbedarften Weltanschauung gab es »so etwas wie Rassenprobleme…gar nicht« (Jimi Hendrix). Für ihn war es wichtig, sich nicht ständig wegen seiner Hautfarbe, wegen seiner sexuellen Freizügigkeit, wegen seines musikalischen Nonkonformismus, wegen seiner Art, Gitarre zu spielen rechtfertigen zu müssen. Für ihn existierten keine Grenzen und da er sie nicht registrierte, war ihm auch nicht bewusst, wann er welche übertrat. Er lebte in seiner eigenen Welt und nach eigenen Regeln.

Mit drei weißen (!) Musikern gründete er seine erste eigene Band, die er »Jimmy James and the Blue Flames« nannte. Obwohl ihm das Singen nie leichtgefallen war (im Aufnahmestudio verbat er sich, dass man ihm beim Singen zusah), übernahm Jimi neben der Gitarrenarbeit erstmals auch den Part des Sängers. Zur selben Zeit arbeitete er zusätzlich für den farbigen Bandleader Curtis Knight. Die Ochsentour zahlte sich aus: am 5. Juli 1966 wurde Chas Chandler, der Ex-Bassist der britischen Bluesband The Animals auf Jimi aufmerksam. Chandler, der das riesige Potenzial, das in diesem Gitarristen schlummerte, sofort erkannte, bot Hendrix an, als Manager und Produzent dessen Karriere professionell voranzutreiben. Jimi, der zu jener Zeit gerade mal drei Dollar am Tag verdiente, willigte in den Deal ein. Im Gegenzug wurden Hendrix' bereits bestehende Verträge ausgelöst.

Selten zierte ein Lächeln sein Gesicht. (Bild: Heidi Blomster Public Domain)

The Jimi Hendrix Experience

Ab 1966 verlagerte sich Hendrix' Lebensmittelpunkt nach London, der damals tonangebenden Musikmetropole. Unter Chandlers kundiger Leitung waren rasch zwei ebenbürtige Musiker für das auf den Gitarristen zugeschnittene Trio verpflichtet und ein für die Künstler lukrativer Plattenvertrag ausgehandelt worden. Um die neue Gruppe bekannt zu machen, tourte »The Jimi Hendrix Experience« zunächst durch Europa. Bei einem Auftritt in München beschädigte Hendrix seine Gitarre durch ein zufälliges Missgeschick. Als er sah, dass das Instrument nicht mehr zu gebrauchen war, zertrümmerte er es in einem spontanen Wutanfall. Da das frenetische, vor Begeisterung rasende Publikum das explosive Ausrasten als Teil der Show missverstand, entschied Chandler, dass Jimi bei jedem Auftritt eine Gitarre demolieren sollte. Das von Chandler geförderte Image vom wilden, zügellosen und aggressiven Rockmusiker beruhte jedoch auf einer groben Fehleinschätzung seines Zöglings. Der Vorfall in München hatte nämlich eine Facette in Hendrix' Natur offenbart, die dieser selbst nicht recht kannte: der sonst so ruhige und verschlossene Jimi konnte zum rasenden, gewalttätigen Choleriker werden, der sich kaum noch unter Kontrolle hatte.

Jimi war ein sehr liebenswürdiger und höflicher Mensch. »Chas said Jimi was a gentleman, a really lovely man« (Madeleine Chandler). Doch mitunter genügte ein kleiner Fehler und »[er] geriet außer sich« (Mitch Mitchell, Schlagzeuger der Band). Technische Probleme oder Defekte am Equipment ließen ihn zornig und aggressiv werden. Dann konnte er auch gegenüber seinen Bandkollegen unausstehlich und gewalttätig sein. Vor allem wenn der Fehler seinen Part betraf, tobte und wütete er oder brach heulend auf der Bühne zusammen. Corinne Ulrich schreibt in Ihrer Hendrix-Biografie: »Immer hatte er…sich zurückgehalten, hatte sein wahres Ich…hinter einem schweigsamen, schüchternen und gehorsamen äußeren Benehmen versteckt. So sehr und so gut versteckt, dass niemand – am wenigsten er selbst, dahinterblicken…konnte. Er sah nur, dass die Emotionen auf der anderen Seite der Mauer manchmal die Oberhand gewannen und er Dinge tat, sagte und fühlte, die ihm fremd waren, die er schon als kleiner Junge abgekoppelt und in die Welt hinter der Mauer verdammt hatte.«

Menschen, die ihn näher kennenlernten, waren überrascht, wie schüchtern und wohlerzogen der vermeintlich wilde Mann tatsächlich war.

Soundkünstler und Synästhetiker

Trotz sporadischer Zwischenfälle begann in London für Jimi Hendrix die unbekümmertste und beste Zeit seines Lebens. Unbeschwert und bar aller materiellen Sorgen konnte sich Jimi ganz und gar seiner Obsession widmen. Die konzentrierte Beschäftigung mit seiner Musik ließ ihn aufblühen. Endlich hatte er Partner gefunden, die ihm wirklich zuhörten und die seine musikalischen Vorstellungen umsetzen konnten. Jimi war einer der wenigen Rockmusiker seiner Zeit, die Musik ganzheitlich betrachteten. Seine Kreativität erschöpfte sich nicht in virtuoser Beherrschung seines Instruments. Für ihn war der »Sound«, die Art und Weise, wie man mit einem Titel Stimmungen, Assoziationen und Empfindungen hervorrufen kann, genauso wichtig wie die Melodie. Musik und Technik, Gitarre und Elektronik waren für ihn ein und dieselbe Seite einer Medaille.

Eine seiner eigenartigsten Angewohnheiten war, dass er seine Ideen nicht in Notenschrift niederschrieb (die er ohnehin nicht beherrschte), sondern den einzelnen Tönen und Akkorden Farbwerte zuordnete. Vieles spricht dafür, dass Hendrix zu jenen Menschen zählte, die Töne als Farben wahrnehmen. Diese Fähigkeit kann in seinem Fall nicht allein auf den gelegentlichen Konsum von LSD zurückgeführt werden. Die Droge mag diese Wahrnehmung verstärkt haben, doch vieles spricht dafür, dass Hendrix Synästhetiker gewesen ist. Nicht nur Klänge umschrieb er mit Farben: »Manche Gefühle lassen sich als Farben empfinden. Eifersucht ist beispielsweise violett, Neid grün« (Jimi Hendrix).

So konzentriert und ausdauernd sich Hendrix seinen musikalischen Aktivitäten widmete, so gedankenverloren und zerstreut wirkte er selbst in den alltäglichsten Dingen. Als Chandler Jimi aus seinen alten, ineffektiven Plattenverträgen freikaufte, konnte sich dieser nicht mehr an alle geschlossenen Kontrakte erinnern, so dass sich aus dem Versäumnis einige Jahre später ein handfester Interessenkonflikt entwickelte. Eines Tages verbummelte Jimi auf der Fahrt nach Hause ein für eine Schallplattenveröffentlichung produziertes Masterband. Alle Titel der A-Seite mussten in einer einzigen Nacht neu abgemischt werden. Doch »wir haben das einfach nicht mehr hinbekommen« (Chas Chandler). Mehrmals verlor oder verlegte er seinen Hauschlüssel und musste bei Freunden oder Bekannten übernachten.

"Eifersucht ist violett". Hendrix, der Synästhetiker. (Bild: Mikka Mobiman Public Domain)

Hendrix und die Frauen

Auch wenn seine Mutter sich um Jimi nur sehr unregelmäßig gekümmert hatte, war sie während seines ganzen Lebens seine wichtigste Bezugsperson geblieben. Ihre lebenslustige Art prägte sein Frauenbild. Um Kontakte zu Mädchen war Jimi nie verlegen. Von ihnen ließ er sich sogar von der Musik ablenken. Frauen, darunter auch seine indigene Großmutter, waren es auch, die Jimi Hendrix in Stilfragen maßgeblich berieten und beeinflussten. Die Fotografin Linda Eastman, die spätere Ehefrau von Beatle Paul McCartney, führte ihn in die gehobene New Yorker Gesellschaft ein.

Neben Chas Chandler waren es meist Frauen, die ihn unterstützten und ihm (neben ihren Herzen) manche Tür öffneten. Zu ihnen zählen die farbige Sängerin Fayne Pridgeon und vor allem Linda Keith, die damalige Muse des Stones-Gitarristen Keith Richard. Linda war es, die den Kontakt zu Chas Chandler herstellte. Hendrix lebte fast immer mit einer seiner zahlreichen Freundinnen zusammen. Seiner liebenswürdigen Art hatte er es zu verdanken, dass sie auch dann noch ein gutes Verhältnis zu ihm unterhielten, nachdem er sich von ihnen getrennt hatte.

Pflegte er in London eine recht stürmische Beziehung mit der weißen, leichtlebigen Britin Kathy Etchingham, duldete er, dass sich die dominante Farbige Devon Wilson während seiner Tournee-Aufenthalte in den USA in beherrschender Weise um all seine privaten Angelegenheiten und persönlichen Dinge kümmerte. Jimi, der sich nur ungern um Terminpläne und andere Formalien kümmerte, verließ sich ganz und gar auf Devon. Seine Einstellung ihr gegenüber war ambivalent: einerseits ängstigte ihn ihre erdrückende Dominanz, andererseits faszinierte ihn die Härte und Präsenz, mit der sie ihn in Beschlag nahm. Ausschlaggebend für die sonderbare Beziehung dürfte gewesen sein, dass Jimi jemanden brauchte, der ihm sagte, was er tun und was er besser lassen sollte. Obwohl Jimi eine ganze Reihe lockerer Beziehungen pflegte, vermied er stets eine feste Bindung, hielt immer ein gewisses Maß an Distanz aufrecht. Die Furcht, durch zu viel Nähe verletzt zu werden, war stets größer als der Wunsch, »ein nettes, stilles Mädchen kennen[zu]lernen« (Jimi Hendrix). Dennoch traf ihn die Nachricht von der Heirat Kathy Etchinghams tief. Er war »völlig am Boden zerstört« (Kathy Etchingham). Kathy erkannte, dass er sich von ihr genauso im Stich gelassen fühlte wie von seinen Eltern. Eine seiner letzten Bekanntschaften war die deutsche Eislauftrainerin Monika Dannemann, in deren Apartment Jimi Hendrix am 18. September 1970 unter nie ganz geklärten Umständen starb.

Er konnte nie »nein« sagen

Jimi Hendrix liebte die Arbeit im Aufnahmestudio. Seine ausgedehnten Studiosessions waren bei seinen Kollegen und technischen Mitarbeitern gefürchtet. Er konnte tage- und nächtelang im Studio verbringen, selbst wenn die Tontechniker schon längst erschöpft nach Hause gegangen waren. Probleme bereiteten dem Studiopersonal vor allem die Anwesenheit zahlreicher Gäste, die Jimi gewöhnlich im Schlepptau hatte. Mit ihrer unbekümmerten Anwesenheit behinderten die ungebetenen Gäste den professionellen Studiobetrieb erheblich. Jimi tat nichts, um dem störenden Partyrummel zwischen den Bandmaschinen Einhalt zu gebieten. Im Grunde genommen benötigte er seinen aufdringlichen Anhang überhaupt nicht, doch vermittelten ihm die Menschen um ihn herum ein gewisses Maß an Sicherheit. Er duldete sie, kümmerte sich aber auch nicht weiter um sie. Lediglich wenn Gesangsaufnahmen auf dem Programm standen, verbat er sich jegliche Zuschauer, Beim Singen, seiner schwächsten Disziplin, wollte er niemanden in der Nähe haben.

Jimi Hendrix war trotz seiner Neigung zu Wutanfällen ein sehr umgänglicher Mensch. Ob in seiner Privatwohnung, im Hotel, im Studio, in der Garderobe vor dem Auftritt oder am Telefon: er war stets für jedermann erreichbar und zu sprechen. Entsprechend umfangreich war seine Entourage, die ihm überallhin, selbst ins Aufnahmestudio, nachfolgte.

Der Ruhm wird zur Belastung

Jimi Hendrix hatte immer nur ein Ziel verfolgt: ein guter Gitarrist und Musiker zu werden, um Gitarre spielen, Musik machen und von seiner Kunst leben zu können. Dieses Ziel hatte er erreicht. Doch das Musikbusiness erwartete nun von seinem Leistungsträger, dass er Entscheidungen in Dingen traf, in denen er überhaupt nicht bewandert war und für die er sich nicht interessierte. Jimi interessierte sich einzig und allein für seine Musik und auf welche Weise er sie verwirklichen konnte. Die Ansprüche von allen möglichen Menschen und die Erwartungen, die sie in ihn setzten, wurden ihm zunehmend lästig. Statt frei und unabhängig fühlte er sich gegängelt und gefangen.

»Man darf dies nicht und man darf das nicht…Zum Davonlaufen!« (Jimi Hendrix).

Trost bot ihm lediglich das Privileg eines eigens für ihn eingerichtetes Aufnahmestudios, in dem er unbehelligt zu jeder Tages- und Nachtzeit seiner Passion frönen konnte. Wann immer es ihm möglich war, floh er dorthin und vergrub sich in die Studioarbeit. Das Studio war sein Rückzugsrevier, in dem er er selbst sein konnte.

Eine Rechtshändergitarre upside-down ...

Eine Rechtshändergitarre upside-down spielend: Jimi Hendrix auf der Bühne (Bild: Bild:Ribastank Public Domain)

Hendrix live

So akribisch Jimi im Studio nach dem optimalen Sound forschte, so ungezwungen und locker gab er sich auf der Bühne. Seine jazzorientierte, von freier Improvisation dominierte Spielweise ließ seinen Mitmusikern mitunter mehr künstlerischen Spielraum (oder verlangte ihnen mehr Flexibilität ab), als ihnen lieb war. Nicht selten ging er das Wagnis ein, ein Konzert zu geben, ohne zuvor mit der Band geprobt zu haben.

»[Wir] spielten mehr nach dem Gefühl als nach einer Struktur« (Billy Cox, Bassist).

»Es gab keine Setliste. Wir hatten keine Vorstellung, was wir eigentlich spielen sollten« (Juma Sultan, Perkussionist).

Die häufig wechselnden Musiker wussten oft nicht einmal, ob sie feste Bandmitglieder waren oder nicht. Auch wenn die Qualität der Auftritte stark von Jimis Tagesform (und später von seinem Gesundheitszustand) abhängig war, lieferten er und seine Mitspieler unvergleichliche Konzerte ab. Eines davon fand in seiner Heimatstadt Seattle satt.

 »Man bekam den Eindruck, als würde die Musik auch ohne Gitarre aus seinem Körper herausfließen« (Seattle Post Intelligencer).

»Es war die brillanteste emotionale Darbietung, die ich je von einem virtuosen Gitarristen gehört habe« (Bill Graham, Konzertveranstalter).

Doch trotz aller Virtuosität waren Hendrix' Auftritte nie ganz frei von merkwürdigen Kapricen. So kehrte er auf dem Newport Pop Festival 1969 dem verblüfften Publikum die meiste Zeit den Rücken zu, da ihn irgendetwas irritiert oder verärgert hatte.

Der Zusammenbruch

Nichts in Jimi Hendrix' Leben hatte Bestand. So unstet, wie es begonnen hatte, so wechselhaft ging es zu Ende. Seinem Manager, dem Nachfolger Chass Chandlers, begegnete er mit Misstrauen (zu Recht, wie sich herausstellen sollte), seine Musiker wechselte er je nach Lust und Laune und zu einer festen Beziehung konnte er sich nie durchringen. Die Auflösung der von ihm lange vernachlässigten Beziehung zu Kathy Etchingham hatte ihm den letzten Halt, den letzten Menschen, auf den er sich verlassen konnte, genommen. Trotz seiner nach wie vor beeindruckend großen Fangefolgschaft war er völlig auf sich allein gestellt. In seiner Orientierungslosigkeit verstrickte sich Jimi immer mehr in geschäftliche Verpflichtungen, die er weder durchschaute noch überblickte. Depressive Episoden stellten sich ein und er geriet immer stärker in Abhängigkeit von Drogen und Aufputschmitteln.

Bereits auf dem weltberühmten Woodstock Festival 1969 »wirkte [er] abgespannt und müde, allerdings auf seltsam in sich versunkene Art sehr konzentriert, entrückt, und doch aufmerksam und präsent. Alles was er an Energie in sich trug, ging direkt in seine Musik«, urteilt Corinne Ulrich in ihrer Hendrix-Biografie. Doch die Energiereserven waren rasch aufgebraucht. Am 6. September gab Jimi Hendrix völlig übermüdet und erschöpft sein letztes Konzert auf der Ostseeinsel Fehmarn. Statt nach New York zurückzukehren, dessen hektische und aggressive Atmosphäre ihm zuwider war, quartierte er sich im Londoner Apartment seiner neuen Freundin Monika Dannemann ein. Im ruhigeren und beschaulicheren London des Abwartens und Teetrinkens hatte er sich schon früher sehr viel wohler gefühlt.

»New York macht mich im Moment krank…Alles passiert dort so schnell, dass man jedes Mal, wenn man das Haus verlässt, das Gefühl hat, in eine Achterbahn zu steigen« (Jimi Hendrix).

Er sollte seine Heimat nicht mehr wiedersehen.

Autistische Erscheinungsformen

In Jimi Hendrix' Biografie lassen sich einige Hinweise finden, die auf eine autistische Veranlagung des Gitarristen schließen lassen. Um diese Hinweise in seiner Lebensgeschichte besser erkennen zu können, müssen wir uns kurz der Frage zuwenden, was sich hinter dem Begriff Autismus verbirgt.

Autismus wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO als »tiefgreifende Entwicklungsstörung« des Gehirns definiert. Obwohl die Klassifizierung in Syndrome neuerdings zugunsten des Terminus »Autismus-Spektrum(-Störung)« aufgegeben wurde, werden im Zusammenhang mit der hier durchgeführten Analyse auch die klassischen, autistischen Erscheinungsformen Asperger-Syndrom bzw. Hochfunktionaler Autismus verwendet. Jeder Merkmalsbeschreibung folgt eine durch kursive Schriftsetzung hervorgehobene Analyse durch den Autor.

Das Asperger-Syndrom (AS)

Im Vergleich zu anderen Erscheinungsformen manifestiert sich das AS am spätesten (etwa ab dem vierten Lebensjahr). Asperger-Autisten erwerben die Fähigkeit zu sprechen altersgerecht. Es bestehen jedoch Beeinträchtigungen bei der nonverbalen Kommunikation und bei der sozialen Interaktion. Aufgrund seiner verhältnismäßig »milden« Ausprägung bleibt diese Autismusvariante in vielen Fällen unentdeckt.

Hochfunktionaler Autismus (HFA)

Menschen mit HFA zeigen als Kleinkinder die Merkmale des Kanner-Syndroms (= frühkindlicher Autismus). Ihre Sprachentwicklung erfolgt nach anfänglicher Verzögerung jedoch weitgehend normal. Sie erreichen ein den Asperger-Autisten vergleichbares Funktionsniveau. Ihre motorischen Fähigkeiten sind deutlich besser ausgeprägt als beim AS.

Autistische Merkmale

Allen Erscheinungsformen des Autismus gemeinsam ist eine Reihe funktional bedeutsamer Eigenschaften. Mit anderen Worten: alle autistischen Menschen teilen sich einige gemeinsame Kennzeichen. Diese Merkmale umfassen:

Eine sensorisch andere Wahrnehmung der Welt

Viele Autisten zeichnet eine intensivere taktile, auditive und/oder visuelle Wahrnehmung aus. Sie nehmen Berührungen, Geräusche und Bilder stärker oder anders wahr als neurotypische (= nichtautistische) Menschen. Eine Abschaltfunktion im Gehirn und das teils strikte Meiden von Augen- und Körperkontakt oder allgemein von Stress erzeugenden Umständen dienen dem Selbstschutz.

Jimis Leiden unter dem hektischen Leben in New York lässt sich recht gut mit der »Theorie der intensiv erlebten Welt« in Einklang bringen. Sie geht davon aus, dass Menschen im Autismus-Spektrum Umweltreize übermäßig intensiv wahrnehmen. Um die intensiv erlebte, reizüberflutende Welt zu bewältigen, entlasten sich die Betroffenen durch sozialen Rückzug oder durch andere, als sonderbar wahrgenommene Reaktionen, die der psychischen Entlastung dienen.

Ungewöhnliche Wahrnehmungsmuster und Denkstrategien

Zu den autismusspezifischen Wahrnehmungsbesonderheiten zählt unter anderem eine ausgeprägte Detailwahrnehmung. Nicht das Gesamtabbild an sich ist für den Autisten von Bedeutung, sondern dessen einzelne Facetten. Sein visuell-fotorealistisches, gegenständliches und assoziatives Denken zerlegt Gegenstände oder Situationen in Einzelteile, die separat gespeichert und wie ein Puzzle wieder zusammengefügt werden. Die Fähigkeiten, mehr Unterschiede statt Gemeinsamkeiten zu sehen, verdeckte, verborgene oder hintergründige Muster oder Figuren zu erkennen, räumlich und assoziativ zu denken sowie Dinge oder Wörter in Muster zu transferieren, gestatten unorthodoxes Lernen und ermöglichen selbsterschlossene Lösungswege abseits aller Konventionen.

Hendrix' autodidaktisch erworbene Virtuosität, sein ausgeprägtes Interesse, elektroakustische Phänomene in allen Einzelheiten zu studieren und als stilbildende Mittel künstlerisch einzusetzen, sprechen noch nicht per se für eine autistische Wahrnehmung und Denkstrategie. Doch in der Zusammenschau mit weiteren Indizien lässt sich der Verdacht durchaus erhärten. Linkshändigkeit und Synästhesie sind zudem unter autistischen Menschen nicht selten zu finden.

Auf Spezialinteressen fokussiertes Denken

Autisten beschäftigen und identifizieren sich in ungewöhnlich hohem Maße mit speziellen Interessen und erarbeiten sich meist ein enormes Fachwissen oder Fertigkeiten auf ihrem Spezialgebiet. Dabei zeigen sie eine außergewöhnliche Geduld und enormes Durchhaltevermögen. Wenn es um ihr Spezialgebiet geht, kennt ihr Mitteilungsbedürfnis mitunter keine Grenzen.

Jimi Hendrix' obsessive Hinwendung zum Gitarrespielen, sein Versinken in der Studioarbeit ohne Zeitgefühl waren bereits zu seinen Lebzeiten legendär. Sein lebhaftes Interesse an und sein umfangreiches Wissen und Können auf seinem Spezialgebiet sind ein typisches Merkmal für Menschen im Autismus-Spektrum. Ebenso autismustypisch wie die Fokussierung auf sein Spezialinteresse waren sein Perfektionismus in Fragen des Sounds sowie sein reges Interesse für technische Details. In extremem Gegensatz dazu standen seine Vergesslichkeit und seine Gedankenlosigkeit in alltäglichen Dingen. Bei vielem, was nicht seine Musik betraf, verließ er sich völlig auf den Rat anderer.

Atypische Bewegungsmuster

Vor allem Menschen mit AS wirken durch motorische Koordinationsstörungen oft hölzern, linkisch, unbeholfen oder ungeschickt. Die Motorik von HF-Autisten ist weniger auffällig ausgeprägt.

Die augenscheinliche Beherrschung seines Instruments und allerlei akrobatische Showeinlagen lassen den Schluss zu, dass Jimi Hendrix' motorische Fähigkeiten nicht sonderlich eingeschränkt waren. Diese Beobachtung kann als Indiz für HFA gewertet werden.

Ausgeprägtes Bedürfnis nach Beständigkeit, Routine und Ordnung

Tagesablauf und Tätigkeiten sind strikt nach eigenen Ordnungskriterien durchstrukturiert. Autisten bevorzugen deshalb meist eine zurückgezogene Lebensweise und meiden in der Regel zu viel menschliche Nähe. Viele Handlungen laufen bei Autisten ritualisiert oder nach mehr oder weniger starren Regeln ab. Abweichungen und unerwartete Veränderungen können Beunruhigung oder Panik auslösen.

Wir wissen durch die Aussagen seiner Angehörigen, dass Jimi Hendrix in seiner Kindheit unter dem ständigen Wechsel der Lebens- und Familienverhältnisse litt und mit typischen Rückzugsstrategien beantwortete. Wie von seinen Freunden und Kollegen mehrfach bezeugt, lösten Abweichungen vom gewohnten Lauf der Dinge oder andere Störungen bei ihm noch im Erwachsenenalter Spannung, Unruhe, Aufregung oder gar hysterische Erregungszustände aus, die sich zu Handgreiflichkeiten steigern konnten.

Keine der Erwartungshaltung entsprechende Kommunikation

Metaphern, Ironie und andere nichtwörtliche Bedeutungen und Redewendungen werden oftmals wortwörtlich verstanden oder fehlinterpretiert. Die Fähigkeit, »zwischen den Zeilen zu lesen« ist eingeschränkt, ebenso die Befähigung, bewusst die Unwahrheit zu sagen. Autisten haben zudem Schwierigkeiten, sich in andere Menschen hineinzuversetzen (Mangel an kognitiver Empathie). Belanglose Gespräche (small talk) und Telefonate lösen Unsicherheit und Beklemmung aus. Leichte Verhaltensprobleme werden von neurotypischen Menschen oftmals als vermeintliche Schüchternheit verkannt.

Sein Leben lang war Jimi Hendrix als »schüchtern« wahrgenommen worden. Seine freundliche, höfliche und zurückhaltende Art kam besonders bei Frauen gut an. Sehr wahrscheinlich liegt hierin aber auch der Schlüssel für seine nie versagende Umgänglichkeit, für seine Unfähigkeit, nein zu sagen, aber auch für seine erstaunlichen Fehleinschätzungen in geschäftlichen Angelegenheiten. Er konnte nie richtig einschätzen, ob es andere ehrlich mit ihm meinten. Die ständige Unsicherheit und die schlechten Erfahrungen ließen ihn mit der Zeit immer misstrauischer gegenüber anderen Menschen werden. Wahrscheinlich waren seine Zweifel, seine Angst vor Verletzung und seine Lebensunsicherheit der Auslöser für Depressionen, die ihn immer stärker in die Abhängigkeit von Drogen und Aufputschmitteln trieben.

Schwierigkeiten bei der sozialen Interaktion

Die sozialen Realitäten von neurotypischen und autistischen Menschen unterscheiden sich fundamental. Soziale Situationen wie Zeitdruck, Gespräche sowie unerwartete Veränderungen oder Ereignisse können wie die sensorische Überempfindlichkeit zu Reizüberflutung führen oder stresshaft erlebt werden. Das stark belastende Aufnehmen und Halten von Blickkontakt oder Körperberührung werden deshalb gemieden. Da die Betroffenen oft nicht in der Lage sind, alternative Strategien (Plan B) zu entwickeln, können unkontrollierte, der Situation nicht angemessene Handlungen die Folge sein.

Hendrix' unverhältnismäßig heftige, teils aggressive Reaktionen auf Fehler und unvorhergesehene Ereignisse finden unter diesem Aspekt eine schlüssige Erklärung.

Neurotypische soziale Regeln müssen erst mühsam verstanden und durch Nachahmung erlernt werden. Da keine offensichtlichen Anzeichen einer Behinderung vorliegen, fühlen sich selbst Menschen mit Toleranz gegenüber Behinderten von Autisten bewusst provoziert.

Hendrix' Schwierigkeiten, allgemeingültige Regeln anzuerkennen ist ein typisch autistisches Phänomen. Es spiegelt sich wider in der Einschätzung seiner Vorgesetzten während seiner Militärzeit (Vernachlässigung der Pflichten, Charakterschwäche, mangelnde Unterordnung) als auch in seiner unbekümmerten Ignoranz gesellschaftlicher Regeln, insbesondere was die US-amerikanische Rassenproblematik betrifft. Jimi Hendrix übertrat Regeln nicht, weil er bewusst provozieren wollte, sondern weil er sie nicht als solche erkennen konnte.

Der Wunsch nach einer (festen) Beziehung entsteht oft erst im Erwachsenenalter, doch meist ist die Fähigkeit dazu eingeschränkt. Soziale Kontakte und das Verbergen von Schwächen kosten autistische Menschen Kraft und werden als anstrengend wahrgenommen. Ihre Schwierigkeiten beim Benennen und Ausdrücken von Gefühlen werden vom Partner als mangelndes persönliches Interesse oder als Gleichgültigkeit missverstanden.

Frauen übten auf Jimi Hendrix stets eine starke Anziehungskraft aus. Seine tiefe Enttäuschung über die durch Kathy Etchingham einseitig vollzogene Trennung lässt seinen ehrlichen Wunsch nach einer dauerhaften Beziehung erkennen. Eine echte Beziehung hätte jedoch sehr viel mehr Nähe bedeutet, ihre dauerhafte Aufrechterhaltung sehr viel mehr Energie gekostet, als er zu geben fähig war. Darin lag sein unauflösbares Dilemma.

Umgekehrt besitzen neurotypische Menschen keinen oder kaum Zugang zur sozialen Wirklichkeit von Autisten.

Im Zusammenhang mit Autismus ist in der Literatur auffallend häufig von der »unsichtbaren Mauer« die Rede, um die fundamental unterschiedlichen sozialen Realitäten von neurotypischen und autistischen Menschen zu beschreiben. Auch die Hendrix-Biografin Corinne Ulrich sowie die Autorin Eva Daniels sprechen von einer Mauer oder von einem undurchdringlichen Kokon. Die Dinge, die Jimi hinter dieser Mauer »tat, sagte und fühlte«, müssen Ausdruck seines wahren, seines autistischen Seins gewesen sein. Im Kontext der Welt auf der anderen, der neurotypischen Seite der Mauer mussten ihn seine Emotionen und seine Handlungen in der Tat selbst befremdet haben. In diesem Zusammenhang lassen sich eine ganze Reihe von autistischen Zügen finden, die bereits Hendrix' Zeitgenossen aufgefallen waren: seine eigenartige Distanziertheit und Verschlossenheit, seine Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt (Autismus = »autos« = selbst, »ismos« = Sein), sein einsilbiges, zum Grübeln neigendes Wesen, das es anderen unmöglich machte, sich ihm zu nähern oder gar zu ihm durchzudringen.

Die Interpretation von nonverbaler Kommunikation (Mimik, Gestik) und das Ablesen von Stimmungen oder Gefühlen sind mitunter stark eingeschränkt. Zudem bestehen Beeinträchtigungen im Bereich der nonverbalen Kommunikation: Gestik und Mimik wirken seltsam unbeteiligt.

Als weltberühmter Star ist Jimi Hendrix unzählige Male fotografiert worden. Betrachtet man die Portraitaufnahmen (z.B. im Internet) in der Synopse, fällt auf, wie oft er mit ernsten, nachdenklich wirkenden Zügen dargestellt ist. Auf verhältnismäßig wenigen Fotografien wirkt er gelöst oder zeigt eine Regung. Ähnliches ist in Filmaufnahmen zu beobachten (s. oben). Im Vergleich mit emotionalen Gitarristen wie Carlos Santana, B.B. King oder Gary Moore blieb seine Mimik über weite Strecken von seinem Spiel nahezu unbeeinflusst.

Fazit

Der Autor ist sich bewusst, dass eine posthume Analyse immer ein Wagnis darstellt und stets mit Unsicherheit behaftet ist. Sie kann deshalb eine Diagnose nach festgelegten, medizinischen Richtlinien nicht ersetzen. Dennoch spricht einiges dafür, dass Jimi Hendrix autistisch veranlagt war. Seine Lebensgeschichte liefert, wie die des römischen Kaisers Tiberius, etliche »verdächtige« Indizien, die in die Richtung Hochfunktioneller Autismus weisen. Viele seiner merkwürdigen Eigenheiten finden unter diesem Blickwinkel eine überraschend einleuchtende Erklärung. In mancherlei Hinsicht ähnelte er dem kanadischen Ausnahmepianisten Glen Gould, dem ebenfalls autistische Eigenschaften nachgesagt werden. Ob autistisch oder nicht: mit Jimi Hendrix hat die Musikwelt einen vielseitig begabten Künstler und Instrumentalisten verloren, dem durch seinen frühen Tod ein Ausschöpfen seines großen musikalischen Potenzials versagt blieb.

Literatur

Alle im Text aufgeführten Zitate (ausgenommen M. Chandler) wurden der Hendrix-Biografie von C. Ullrich entnommen.

Autor seit 2 Jahren
29 Seiten
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