Als ein Wohnprojekt verstehen sich Wohn- und Baugemeinschaften, die ein Haus oder mehrere gemeinsam entwickeln, bewohnen und verwalten. Solche gemeinschaftlich organisierten Wohnformen kommen etwa seit den 1980er...

Rahmeninformationen

Das französische Viertel ist wie an anderen Stellen dieser Referatsreihe schon erwähnt ein Neubaugebiet in Tübingen mit einem hohen Anteil an Baugemeinschaften. Eine davon ist eine der ältesten und zugleich größten Baugemeinschaften Deutschlands, das 1998 fertiggestellte Projekt 14.

Projekt 14 vereint 29 Wohneinheiten und 9 Gewerbeeinheiten auf einem Baugrundstück und hat damit einen ungewöhnlich hohen Gewerbeanteil. Ziel war von Beginn an eine möglichst hohe Durchmi- schung sowohl in der Nutzung als auch in der Sozialstruktur der Bewohner. Dies ist nur teilweise gelungen. Zwar gehören Singles, alleinstehende Senioren und Alleinerziehende ebenfalls zu den Bauherren, aber den größten Anteil machen junge Familien aus. Keiner der Bewohner ist Ausländer, der Anteil an alleinstehenden Senioren, die doch in der modernen Gesellschaft einen großen Anteil ausmachen, ist beschränkt auf eine einzelne ältere Dame.

Eine bunte Mischung bilden hingegen die Gewerbeeinheiten. Neben drei Einkaufsläden ist ein Friseur, eine Versicherung, ein Handwerker, ein Heilpraktiker und eine Gaststätte vertreten, sowie das Architekturbüro Ikarus, das das Projekt 14 realisierte. Selbst ein kleines ökumenisches Gemeindezentrum hat im Block seinen Platz gefunden.

Die Gewerblichen Nutzungen von Projekt 14 befinden sich auf Straßenniveau an der belebten Aixer Strasse, wie der Bioladen oder der Friseur. Der eingebundene Büroteil ist mit seinem blauen Turm an der Ecke Aixer Straße/Wennfelder Garten ein städtebauliches Pendant zur gegenüber liegenden Panzerhalle, die zum überdachten Quartiersplatz geworden ist. Der Turm beherbergt das Architekturbüro, einen Heilpraktiker und andere Büroflächen, sowie im Erdgeschoss eine Kneipe, die sich damit direkt auf den großen Platz vor dem Gebäude öffnet.

In dem nach Süden geöffneten Baublock findet sich entsprechend der Anzahl der verschiedenartigen Nutzer auch eine hohe Zahl an unterschiedlichsten Wohnformen. So ist von der barrierefreien Kleinwohnung über die dreigeschossige Maisonette bis hin zum Reihenhaus alles vertreten. Dabei wurden alle Grundrisse individuell mit den Eigentümern erarbeitet, was dazu führte, dass jeder Wohnungsgrundriss ein Unikat ist. Allein 16 unterschiedliche Fensterformate zeigen die Vielfalt an Nutzungen und individuellen Wünschen der Bewohner. Jede der Wohnungen verfügt entweder über mindestens einen gut belichteten Balkon oder über eine großzügige Terras- se zum gemeinsamen Innenhof hin. Bei all dieser Differenzierung konnten die Baukosten durch die gemeinschaftliche Realisierung und die hohe Eigeninitiative mit ca. 1.738€/m² recht gering gehalten werden, und das trotz eines hohen ökologischen Stadards.

Einige Rahmendaten zum Projekt:

  • Planung/Fertigstellung: 1995/1998
  • Grundstücksfläche: 2400m²
  • 29 Wohneinheiten (je 66-144m²): 3006m²
  • 9 Gewerbeeinheiten (je 48-130m²): 890m²
  • Baukosten: 12,4 Mio.€
  • Grundstückskosten: 1,2Mio.€
  • Architekt: Ikarus.architektur
  • Andreas Stahl, Freier Architekt (FH), Tübingen
  • Projektsteuerung: Ehring & Knies, Reutlingen
  • Farbgestaltung: Hülsewig & Vollmer, Stuttgart
  • Gartenplanung: Ulrike Wahl, Reutlingen

Gemeinschaftseinrichtungen

Der Innenhof des Blocks ermöglicht einen halböffentlichen Rückzugsraum mit sehr familiärem Charakter, während an der straßenwärtigen Kante durch die Gewerbeflächen ein lebendiges städtisches Flair mit hoher Aufenthaltsqualität herrscht.

Der Hof als Dreh- und Angelpunkt der Baugemeinschaft ist um ein Geschoss aufgeschüttet, und ermöglicht damit den Wohnungen im ersten Stock eine ebenerdige Terrasse. Ein Geländeversprung trennt die privaten Freiräume von der großen Gemeinschaftsfläche, die von einer eigens engagierten Gartenarchitektin unter Mitwirkung der späteren Eigentümer geplant wurde. Die 800m² große Oase beherbergt einen Spielplatz und Sitzmöglichkeiten und vor allem das Gemeinschaftshaus, den sozialen Mittelpunkt der Baugemeinschaft. Der 60 m² große einzeln stehende Bau ist bestückt mit einer Teeküche, Tischen und Stühlen. In diesem vielgenutzten Gebäude finden Filmabende, Kindergeburtstage und Kaffeekränzchen statt.

Weitere Gemeinschaftseinrichtungen sind eine Holzwerkstatt, die für die Kinder viel genutzt wird, eine Sauna, ein Fitnessraum und eine Fahrradwerkstatt.

Entwicklung von Projekt 14

Der lange Planungszeitraum von 1995 bis 1997 von Projekt 14 erklärt sich aus der enormen Komplexität des Projektes wegen des hohen Individualisierungsgrades, und der Tatsache, dass es sich hier um ein Pilotprojekt handelte. Von der Finanzierung und Abrechnung über organisatorischen Aufbau der Planungen bis hin zu neuen Rechtsformen musste alles erstmals bedacht und geklärt werden.

Die Interessengemeinschaft fand sich über Mund-zu- Mund-Propaganda, jeder der Bewohner kannte einen der anderen schon vor dem Baugemeinschaftsprojekt. Innerhalb der Gemeinschaft wurde eine vierköpfige Geschäftsführung gewählt, die zeichnungsbefugt war. Eines der Mitglieder der Baugemeinschaft war von Anfang an das planende Architekturbüro Ikarus, dessen Inhaber Andreas Stahl außerdem mit seiner Familie in eine der Maisonetten zog. Die besondere persönliche Nähe des Architekten zur Baugemeinschaft erwies sich als sehr positiv.

Zur Kostenkontrolle wurde der externe Projektsteuerer Ehring & Knies hinzugezogen. Alle die Gemeinschaft betreffenden Planungen wurden in Arbeitsgemeinschaften von den Bauherrn mitgestaltet. So gab es Planungsgruppen für Interessentenwerbung, Innenhof, Gemeinschaftsräume, usw. Mindestens jede zweite Woche trafen sich diese Arbeitsgruppen und oft auch alle Gesellschafter zu Gruppengesprächen.

Hinzu kamen häufige Einzelgespräche mit dem Architekten, da jeder Bauherr seine Wohnung in selbst zu bestimmendem Maß mitplante. Das Spektrum der Eigenbeteiligung reichte hier von Korrekturen der Innenausstattung bis hin zur weitgehenden Eigenplanung. Die Kosten der einzelnen Gewerke wurden nach einem komplizierten Punkteschlüssel auf die einzelnen Bauherren verteilt. Insgesamt wurde der finanzielle Aufwand durch weitreichende planerische Eigenleistungen so weit als möglich reduziert, was jedoch einen immensen Zeitaufwand zur Folge hatte.

Schwierigkeiten und Risiken bei Baugemeinschaften

Das große Risiko bei Projekt 14 wie bei fast allen Baugemeinschaften war die finanzielle Unsicherheit, die aus zwei Gefahrenmomenten erwächst. Erstens das Aussteigen einzelner Gesellschafter aus der Baugemeinschaft. Steigt einer der Bauherren aus, zieht er auch mit eingerechnetes Kapital aus dem Projekt zurück. Zur Sicherheit der anderen Gesellschafter kann er nicht all sein investiertes Geld abziehen. Dennoch hinterlässt ein solcher Vorfall Löcher in der Finanzierung, die geschlossen werden müssen.

Zweites Risiko ist das finden von Investoren für die geplanten Gewerbeflächen. Erst ab einer gewissen Prozentzahl von vergebenen Wohn- und Gewerbeflächen kann die Bauphase beginnen. Im Fall von Projekt 14 fand sich lange kein Investor für die Gaststätte. Um nicht den Baubeginn noch mehr zu verzögern übernahmen schließlich einige Bewohner die Gaststätte mit einem Immobilienfond und suchten selbst nach einem Pächter, ein nicht zu unterschätzendes finanzielles Risiko. Bei Projekt 14 war die Zögerlichkeit der Banken ein zusätzli- ches Hindernis. Da es noch keine vergleichbaren Projekte gab, scheuten sie die schwer einzuschätzende Investition. Inzwischen sind Kreditinstitute mit dem Bauen in Baugemeinschaften vertraut, so dass diese Schwierigkeit in den meisten Fällen nicht mehr besteht.

Zu der finanziellen Unsicherheit, die man durch komplizierte juristische Regelwerke einzudämmen sucht, kommt der enorme Zeitaufwand der Gesellschafter. Je mehr Individualität sich die Bauherren einräumen, desto höher wird der Planungsaufwand und die damit verbundene Zeitinvestition. Mehrere der interviewten Bewohner sagten, hätten sie vorher diesen Zeitaufwand richtig einschätzen können, so hätten Sie sich nicht für eine Baugemeinschaft entschieden. Sicherlich ist Projekt 14 durch seinen Pilotprojektcharakter ein extremes Beispiel. Der planende Architekt Andreas Stahl lässt inzwischen genau aus diesem Grund bei aktuellen Baugemeinschaftsprojekten den Bauherren in ihrem eigenen Interesse weniger individuellen Freiraum.

Herr Stahl betonte bei unserem Gespräch auch ein Gefahrenmoment, dessen sich kaum ein Planer der an eine solche Aufgabe zum ersten Mal herangeht bewusst sein dürfte. Bei allem im Planungsprozess implizierten Gemeinschaftsgefühl darf der Architekt dieses soziale Miteinander bei seinem Entwurf nicht für das spätere Zusammenleben der Bewohner voraussetzen. Alle im Projekt 14 realisierten Gemeinschaftseinrichtungen sind rückbaubar oder umnutzbar, sollte sie ihrer angedachten Funktion nicht gerecht werden oder sich die Ansprüche der Nutzer ändern. In einem Negativbeispiel erzählte Herr Stahl von einer Eingangshalle einer Baugemeinschaft, die nach Wunsch der Bewohner als Spielraum für die Kinder funktionieren sollte. Dafür wurden die Kinderzimmer kleiner gebaut. Die Spielhalle stellt sich nun als zu laut und ungemütlich heraus, die Kinderzimmer sind jedoch zum Spielen zu klein, die Halle kaum umnutzbar. Im Projekt 14 hingegen wurde darauf geachtet, dass jede Wohnung völlig ohne Gemeinschaftseinrichtungen oder erzwungenes Gemeinschaftsgefühl auch autark als herkömmliche Wohnung funktioniert. Nur so ist gewährleistet, dass man auch einem späterem Bewohner mit mehr Bedürfnis nach Rückzugsraum gerecht wird. Bis heute lässt sich nur schwer voraussagen, wie sich das soziale Miteinander von Baugemeinschaften über die Jahre einpegelt, daher kann ein Baugemeinschaftsprojekt ein Gemeinschaftsgefühl, das über das normale Maß von Mehrfamilienbauten hinausgeht zwar ermöglichen und fördern, nicht aber voraussetzen.

Wesen von Baugemeinschaften - Gründe für eine Baugemeinschaft

Anders als man vielleicht vermuten könnte ist der erste Beweggrund, in einer Baugemeinschaft zu bauen für die meisten Bewohner nicht das Wohnen in guter Atmosphäre und Gemeinschaft, sondern der günstigere Preis. Tatsächlich ist trotz der individuell angepassten Wohnung und der Realisierung von eigenen Wünschen durch die planerische Eigenleistung das Bauen in Baugemeinschaften am Ende kostengünstiger als der Kauf einer vergleichbaren Wohnung.

An zweiter Stelle rangiert als Beweggrund die Möglichkeit, die Bleibe ganz nach eigenen Wünschen mitzugestalten. Die Baugemeinschaft bietet sich als einzige Möglichkeit hierfür in städtischer Umgebung an, da Einfamilienhäuser schon allein der Grundstückspreise wegen im städtischen Umfeld für die meisten nicht finanzierbar sind.

Erst als drittwichtigstes Entscheidungskriterium wird von den Bauherren von Projekt 14 das zu erwartende soziale Miteinander der Bewohner genannt. Dabei wurde einerseits die bessere Gemeinschaft im Vergleich zum üblichen Mehrfamilienhaus genannt, sondern auch die bewusst gewählte höhere Geselligkeit im Vergleich zum Einfamilienhaus. Interessant ist die Baugemeinschaft mit ihrer sozialen Nähe auch als Alterswohnsitz. Im Gespräch mit einer alleinstehenden Rentnerin betonte die Bewohnerin ihr Gefühl der Sicherheit "immer jemand in der Nähe zu haben". Die Gemeinschaft birgt durchaus das Potenzial, einen Teil des sozialen Netzes zu erset- zen, das Senioren oft fehlt, wenn Familienangehörige nicht erreichbar sind. Die Vertrautheit und damit auch die Unterstützung unter den Familien ist ungleich größer als in den allzu häufigen anonymen Mehrfamilienwohnblocks.

Bewohner

Kommt der Ursprung von Baugemeinschaften aus der linken Szene von ökologischen Idealisten bis hin zur radikalen Hausbesetzerszene, so hat sich heute das Bild der Nutzer dieser Bauform grundlegend geändert. Wie schon beschrieben ist Hauptgrund für eine Bauge- meinschaft nicht mehr eine Ideologie, sondern oftmals Pragmatismus. Entsprechend finden sich inzwischen die verschiedensten Typen von Menschen aus den unter- schiedlichsten Milieus in Baugemeinschaften wieder. Die wenigsten der Bewohner sind besonders links orientiert, die Mehrzahl gehört wohl dem modernen bürgerlichen und dem modernen Arbeitnehmermilieu an. Dennoch gibt es unabdingbare Gemeinsamkeiten.

Wer einer Baugemeinschaft beitritt, hegt mit Sicherheit von Anfang an den Wunsch nach Selbstbestimmung soweit möglich. Diese Menschen sind es gewohnt und in der Lage, ihre Interessen selbst in die Hand zu nehmen. Mit der Selbstbestimmung geht auch immer ein gewis- ses Maß an Selbstverantwortung einher, so dass von diesen Bauherren eine Eigeninitiative ausgeht, ohne die ein solches Vorhaben nicht realisierbar wäre.

Ebenfalls allen Bewohnern gemeinsam ist das Bedürfnis nach sozialen Kontakten innerhalb der Nachbarschaft. Wer den Wunsch nach Anonymität hegt und Kontakte meidet wird sich kaum zu einer Baugemeinschaft ent- schließen. Erst diese Aufgeschlossenheit ist der Grund- stein für das Funktionieren des Zusammenlebens in der späteren Gemeinschaft. Inwieweit diese soziale Grund- haltung bei späteren Generationen von Nutzern vorhan- den ist, wird später noch näher erörtert werden müssen.

Erhalten geblieben von dem ursprünglichen Idealismus der Baugemeinschaften ist bis heute das hohe Maß an ökologischer Verantwortung. Projekt 14 wurde auf Wunsch der Gesellschafter mit sehr hohem ökologischen Standard realisiert. Es wurden bevorzugt natürliche Baustoffe eingesetzt, Brettstapeldecken, Ziegeldecken und Zellulosedämmung kamen zum Einsatz ebenso wie Wärmeschutzverglasung. Der Grund für diese ökologi- sche Orientierung der Bauherren ist wohl in deren Milieu zu suchen. Unter Menschen, die besonderen Wert legen auf soziales Miteinander und Nachbarschaft auf der einen Seite und auf Eigeninitiative und Selbstverantwor- tung auf der anderen Seite ist der Anteil an ökologisch verantwortlich Denkenden überdurchschnittlich hoch.

Bei aller Gemeinsamkeit der Bewohner gibt es doch auch weitreichende Unterschiede, die der Planer beson- ders berücksichtigen muss. Der Bedarf nach Intimität und Rückzugsraum variiert stark und ändert sich auch bei den Personen selbst mit der Zeit. Vor allem Senioren haben in der Regel größeren Bedarf nach Ruhe und Abgeschiedenheit als jüngere Menschen.

Das Maß an Eigenengagement ist bei jedem der Bau- herren unterschiedlich und reicht vom lediglich selbst ausgewählten Bodenbelag und der Küchenausstattung bis hin zur komplett selbst entworfenen Wohnung. Ebenso breit gefächert ist der Detaillierungsgrad der eigenen Vorstellungen. Während mancher sehr genaue Bilder im Kopf hat und diese möglichst verwirklicht sehen will braucht der Andere umfangreiche Gespräche, um seine eigenen Bedürfnisse erst herauszufinden.

Auch in den Arbeitsgruppen ist nicht von allen Beteiligten das selbe Maß an Engagement zu erwarten. Die Gründe sind vielfältig, nicht jeder Bauherr kann gleich viel Zeit und Arbeit einbringen oder verfügt über dieselben organisatorischen und planerischen Fähigkeiten.

Soziales Miteinander

Der Hauptbeweggrund für mich, gerade Projekt 14 zu untersuchen war die Tatsache, dass die Baugemeinschaft eine der ältesten und zugleich eine der größten im Süddeutschen Raum ist. Der Komplex wird seit nunmehr sieben Jahren bewohnt. Dadurch ergibt sich hier die Möglichkeit, allmählich auch längerfristige Aussagen über eine größere Gruppe zu treffen bezüglich der Entwicklung des sozialen Klimas und des Zusammenlebens.

Was passiert mit einer ehemalige Baugemeinschaft, wenn sie zur Eigentümergemeinschaft geworden ist, nachdem die Euphorie des gemeinsamen Bauens, die gemeinsamen Besprechungen und Unternehmungen abgeebbt sind?

Wie entwickelt sich das Zusammengehörigkeitsgefühl in einem solchen Projekt, wenn nach und nach neue Bewohner einziehen, die die Zusammenfindungsphase der ehemaligen Bauherren nicht erlebt, den Integrationsprozess nicht mitgemacht haben?

Wird ein in Baugemeinschaft gebautes Objekt in der zweiten und dritten Nutzergeneration zu einem ganz "normalen" Mehrfamilienhaus?

Bisherige Entwicklung

In Gesprächen mit Bewohnern von Projekt 14 betonten alle das gute Funktionieren der Gemeinschaft. Die Tatsache, dass ein großer Teil der Bewohner junge Familien sind, scheint hierzu entscheidend beizutragen. Die Gleichartigkeit der Lebenssituation, in der sich die Bewohner befinden fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl und führt so zu guten Kontakten. Vor allem bei der Beaufsichtigung der Kinder helfen sich die jungen Eltern oder unternehmen Dinge gemeinsam. Die Vertrautheit unter den Bewohnern generell ist spürbar größer als in anderen Mehrfamilienbauten. So finden ganz selbstverständlich Gespräche im Innenhof statt, werden Haushaltgeräte ausgeliehen und Besuche gemacht.

Zusätzlich zu diesen Kontakten gibt es obligatorische Zusammenkünfte, die sich aus der gemeinsamen Verantwortung für die Gemeinschaftsbereiche ergeben. Der Innenhof muss gepflegt, das Gemeinschaftshaus gewartet, der Fitnessraum neu ausgestattet werden. So finden immer wieder Treffen aller Bewohner statt, um diese Punkte zu besprechen oder zu erledigen. Ein mal im Jahr wird ein großes gemeinsames Aufräumen und Wiederherstellen des Hofes veranstaltet, dem sich ein Hoffest mit gemeinsamem Abendessen anschließt. Gleichzeitig bestätigen die Bewohner aber auch, dass die gemeinsamen Treffen und Aktivitäten weniger ge- worden sind verglichen mit der Anfangsphase der Baugemeinschaft. Fand während der Bauphase noch einen ganzen Bausommer lang eine "Kneipe auf der Baustelle" statt, die mit Konzerten und improvisiertem Gaststättenbetrieb zum kulturellen Treffpunkt des Viertels avancierte, so sind die Zusammenkünfte inzwischen spärlich und vor allem zweckgebunden geworden. Inzwischen ist spürbar der Alltag der anfänglichen Begeisterung gewichen. Auch die Gemeinschaftseinrichtungen sind nicht mehr ganz so gepflegt wir zu Anfangs, was natürlich auch an den normalen Abnutzungsspuren liegt. Das emotionale Verhältnis zu den Mitbewohnern beschrieben Bewohner mit Ausdrücken wie "es sind eher gute Be- kannte als Freunde". Dennoch ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit ausgeprägt und das Klima entsprechend vertraut.

Insgesamt hat sich offensichtlich eine hilfsbereite, freundliche Nachbarschaft entwickelt, in der die ein- zelnen Bewohner nach wie vor ihre freundschaftlichen Kontakte außerhalb der Baugrenzen haben und deren Grenze zur Privatsphäre die eigene Haustüre geblieben ist. Für einen Mehrfamilienkomplex dieser Größe im städtischen Raum ist dies jedoch eine Errungenschaft, die durchaus als außergewöhnlich zu bezeichnen ist. Immerhin kommt das Projekt damit dem Idealbild vieler Menschen nach Wohnen in der Stadt bei dem gleichzei- tigen "dörflichen" sozialen Umfeld sehr nahe.

Entscheidend bei der Änderung des Zusammenlebens in Projekt 14 ist die Altersstruktur der Bewohner. Durch den hohen Anteil an etwa gleichaltrigen jungen Familien ist inzwischen Beispielsweise die Nutzung des Innenhofes deutlich verändert. Nach sieben Jahren spielen im Hof weniger Kleinkinder, der Anteil an Grundschulkindern bis hin zu Jugendlichen ist höher. Damit ist nach Berichten der Bewohner der Lärm wesentlich geringer, dauert jedoch abends länger. Die Spielgeräte des Innenhofes werden weniger benutzt, nun gewinnen die Sitzmöglichkeiten und das Gemeinschaftshaus zunehmend an Bedeutung. Hier zeigt sich die wohlüberlegte Planung von Projekt 14, die diese Nutzungsverschiebung ermöglicht und unterstützt.

Ebenso tauglich wird sich der Hof vermutlich erweisen, wenn Kinder sich dort kaum noch aufhalten und stattdes- sen die zu Senioren gewordenen Eltern hier zusammen- treffen. Abzuwarten hingegen bleibt wohl die Tauglichkeit der Wohnungen selbst als Alterswohnsitz. Zum Teil können die Maisonetten von drei auf weniger Geschosse reduziert und die abgetrennten Stockwerke als Wohnun- gen mit separaten Eingängen umfunktioniert werden.

Zukünftige Entwicklung

Wie aber wird sich dieses Umfeld weiterentwickeln, wenn neue Nutzer einziehen, die nicht durch den ge- meinsamen Planungsprozess in die Gruppe integriert wurden, die nicht die Gemeinschaftseinrichtungen als eigene Errungenschaft sehen und pflegen? Ein interessantes Gespräch führte ich mit einer Bewohnerin, die die erste Nutzerin der zweiten Generation in Projekt 14 ist. Sie war sehr angetan von der offenen Atmosphäre innerhalb der Gemeinschaft, und fühlte sich sehr schnell völlig integriert. Bezeichnenderweise ist auch sie Mutter in einer jungen Familie und hat den Anschluss primär über Kontakte zu den anderen jungen Eltern gefunden.

Neben der langen Bau- und Planungsphase, in der die jetzigen Bewohner sich zu einer Gemeinschaft entwik- kelten, trägt vor allem die gemeinsam entwickelte sehr kommunikationsfreundliche Architektur entscheidend zum Klima des sozialen Gefüges bei. Der zentrale Innenhof führt die Bewohner fast unweigerlich zusammen. Wer sich dort aufhält, wird von den Anderen gesehen, es entstehen schnell spontane Grüppchen und Gespräche.

Es ist zu erwarten, dass die nachbarschaftliche Atmosphäre auch in weiteren Nutzergenerationen aufgeschlossen bleibt, solange die Nutzerwechsel einzeln geschehen. Einzelne Neuankömmlinge werden in einer funktionierenden toleranten Gruppe auch durch den Innenhof als Begegnungsort integriert, wie in dem Beispiel der ersten neuen Familie geschehen. Lediglich die ho- mogene Altersstruktur der Bewohner könnte einen Strich durch diese Rechnung machen. Im ungünstigsten Fall würden viele der jetzigen jungen Eltern in etwa 35 Jahren innerhalb weniger Jahre ausziehen. Ist der Anteil der Neuankömmlinge zu hoch, kann das Klima der Gruppe kippen, weil der Integrationsaufwand zu groß erscheint. Lediglich die kommunikationsfördernde Architektur könn- te diesem Szenario dann noch Einhalt gebieten.

In einigen Baugemeinschaften haben die Mitbewohner ein Vetorecht bei der Entscheidung, einen neuen Bewohner in ihr Projekt einziehen zu lassen. Dies scheint im ersten Moment fast selbstverständlich, sollen doch vor allem aufgeschlossene und kommunikationsfreudige Menschen sich in die Gemeinschaft einfügen. Dennoch hat dieses Verfahren auch eine Kehrseite, die den ganzen sozialen Anspruch der Idee einer Baugemeinschaft kippen könnte.

Problem der sozialen Durchmischung

Die ursprüngliche Zielsetzung bei Projekt 14 war, eine hohe soziale Durchmischung zu erreichen. Alle Altersschichten sollten vertreten sein, möglichst auch Menschen aus verschiedensten Milieus. Heute wird das Grundstück überwiegend von jungen Familien aus modernem bürgerlichen und modernem Arbeitnehmermilieu bewohnt. Jede Gruppe strebt bewusst oder unbewusst nach Homogenität, da sich ein Individuum unter gleichartigen in der Regel wohler fühlt. Eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam beschließt ein Haus zu bauen und zusammen zu wohnen wird im Normalfall eine eher homogene Gruppe sein. Im Falle eines Vetorechts der Bewohner bei Neueinzug von Mitbewohnern würde dieser Effekt sogar noch langfristig verstärkt.

Lediglich eine ideologische Zielsetzung und eigene Vorgaben können innerhalb einer Baugemeinschaft eine soziale Durchmischung fördern. Ansonsten ist gerade die Baugemeinschaft eine ideale Rechts- und Bauform für sozial eher abgegrenzte Gruppen. So könnten schnell scharfe Trennung entstehen, die die Gruppe zur starken Gemeinschaft macht, jedoch ihre Integration innerhalb eines Quartiers sehr erschwert. Vor allem in Anbetracht der aktuellen Diskussionen zum Thema Integration von ausländischen Mitbürgern und der zu beobachtenden Gettoisierung in Großstädten muss man sich fragen, mit welchem Recht man die rein muslimische Baugemeinschaft mit integrierter Koranschule verbieten wollte. Ein Themenbereich, auf den ich hier nur aufmerksam machen möchte, den ich jedoch um den Rahmen nicht zu sprengen nicht weiter diskutiert werde.

Auch der idealistische Gedanke, in der Bauform der Baugemeinschaft fast alle sozialen Gruppen und Milieus des städtischen Raumes zusammenbringen zu können, erweist sich bei näherer Betrachtung als illusorisch, wie meine Überlegungen zu notwendigen Gemeinsamkeiten der Bewohner gezeigt haben. Das erforderliche hohe Maß an Selbstverantwortung und Eigeninitiative kann nicht in allen Bevölkerungsgruppen vorausgesetzt werden. Gerade sozial und intellektuell schwache Bürger werden diesem Anspruch oftmals nicht gerecht und scheiden damit und wohl auch aus finanziellen Gründen aus der Reihe der potenziellen Bauherren für Baugemeinschaften aus.

Der Architekt

Mit der Wandlung der Baugemeinschaft vom linksorientierten ideologischen Vorhaben zur massentauglichen Bauform eröffnen sich damit auch neue Aufgabenfelder für den Architekten. Das Entwerfen verliert in diesen Projekten eher an Bedeutung und weicht neuen Inhalten. So muss sich der Architekt eines Baugemeinschaftsprojektes vielmehr als Moderator verstehen, der die Interessen der Bewohner, der Gewerke und Investoren zusammenführt. Er wird zum Projektsteuerer und Berater für die engagierten Laien.

Wie auch das für Projekt 14 zuständige Architekturbüro Ikarus gibt es inzwischen immer mehr Büros, die sich auf Baugemeinschaften spezialisieren, und dabei ihr Betätigungsfeld vor allem in der Projektsteuerung und Moderation sehen. So bietet Ikarus an, als Projektsteuerer hinzugezogen zu werden, während ein anderes Architekturbüro für das klassische Entwerfen zuständig ist. Das Moderieren der Wünsche und Anforderungen zusammen mit den finanziellen Möglichkeiten der Bauherren ist in dieser Intensität ein neues Betätigungsfeld des Architekten, das ein ganz neues Berufsbild ermöglicht.

Zukunft von Baugemeinschaften

Ich persönlich sehe das große Potenzial von Baugemeinschaften darin, Menschen in der Stadt die Möglichkeit des Individuellen Bauens zu eröffnen. Die bisher realisierten Projekte zeigen, dass eine menschen- und kommunikationsfreundliche Wohnarchitektur entstehen kann, die dem Dilemma der anonymen Stadt in Zeiten der multimedialen Welt entschieden entgegenwirkt.

Besonders hervorheben möchte ich die Tatsache, dass Bewohner der Stadt sich durch die Beteiligung an einer Baugemeinschaft oft erstmals mit Architektur, Stadtbild und dessen Auswirkungen intensiv beschäftigen. Dies fördert meines Erachtens enorm das Interesse und wohl auch das Engagement bezüglich neuen Bauprojekten. Hier könnte durchaus ein selbstbefruchtender Prozess in Gang gesetzt werden. Bewohner entwickeln Interesse für Architektur und Städtebau, dies führt zu einem besseren Architektonischen Umfeld, und damit zu einer Umgebung, die sozial integriert und Toleranz fördert. In dieser Umgebung interessieren sich wiederum mehr Menschen für die Fortführung der positiv wirkenden Bauweise.

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