Vorwort

Diese Seite behandelt die Gesellschaft des Absolutismus und wie sich die Lebensweise von damals wiederspiegelt im Schloss von Versailles, dem Sitz des Sonnenkönigs Ludwig XIV.

Grundlage des Referats ist neben anderer Literatur dabei vor allem das Werk des Soziologien Norbert Elias "Die höfische Gesellschaft".

Grundlegendes zur Gesellschaft des Absolutismus

Versailles war das Machtzentrum Frankreichs von der Zeit seiner Erbauung 1682 bis zur Französische Revolution. Es war Wohnsitz der französischen Könige und fast des gesamten bedeutenden Adels seiner Zeit. Die Gesellschaftsstruktur, die sich dort unter Ludwig XIV entwickelte, war seither Vorbild für alle absolutistische Herrscher der Welt, und bestimmte maßgeblich die Architektur des Bauwerks.

Hôtels

Norbert Elias führt die Grundform von Versailles zurück  auf die damals übliche Wohnform der Adeligen, die  städtischen Hôtels, an denen sich einige Grundparameter  der Gesellschaft deutlich ablesen lassen. (Behandelt  werden soll hier nur das funktionelle Grundschema der  Hôtels, das nötig ist, um die Herleitung des Grundrisses  von Versailles zu verstehen.)

Die U-Form der Hôtels gliedert den Bau in einen zentralen  Querriegel  und  zwei  Seitenflügel  mit  integrierten  Innenhöfen. Der Querriegel beherbergt die repräsentativen  Räume, entsprechend der gesellschaftlichen Stellung der  Bewohner.  In  den  Seitenflügeln  sind,  sich  gegenüberliegend, die privaten Wohnräume von Herr und Dame  des  Hauses  untergebracht,  während  in  den  kleinen  Innenhöfen hauswirtschaftliche Tätigkeiten und Wohnungen  der Dienerschaft Platz finden.

Diese Wohnstruktur zeigt deutlich die Trennung von Ehemann  und Ehefrau. Bemerkenswert ist, dass selbst die Fenster der  Wohnungen nach hinten orientiert sind, so dass nicht einmal  Blickkontakt  möglich  ist.  Der  Berührungspunkt  der  Lebensbereiche der Eheleute ist der repräsentative Teil  des Hauses, der ganz klar im Mittelpunkt des Lebens steht.  Die Ehe ist damals eine funktionelle Einrichtung aus  rationalen Gründen, die es den Eheleuten ermöglicht, sich  wenn erwünscht nur zu repräsentativen Zwecken zu sehen.  Ansonsten ist es möglich und auch durchaus üblich, dass  die Verheirateten sich in völlig voneinander getrennten  Gesellschaftskreisen bewegen und praktisch keinen Kontakt  haben. Ebenfalls zu beachten ist bei all dem, dass Mann  und Frau gleich große Appartements bewohnen, also in ihrer  gesellschaftlichen Stellung gleichberechtigt sind.

Auch das Verhältnis zur Dienerschaft zeigt sich deutlich  in  der  Architektur.  Die  Hauswirtschaftsräume  sind  abgetrennt von den Wohnbereichen der Hausherren, woraus  ersichtlich ist, dass sich die Herrschaft nicht mit der  Haushaltsführung beschäftigt. Diese Aufgaben sind komplett  dem Personal übertragen, die Herrschaft widmet sich ganz  der Repräsentation ihrer gesellschaftlichen Stellung.

Insgesamt macht diese Wohnform eher den Eindruck eines  Landsitzes als eines Wohnhauses in der Stadt. Es ist eine  in sich relativ autarke Einheit, die ebenso gut auch  außerhalb der Stadt funktionieren würde, die Umgebung ist  also auswechselbar. Tatsächlich wird hier deutlich, dass  sich die Adeligen nicht an ihre Wohnumgebung binden. Sie  wechseln häufig ihren Wohnort, ziehen auf ihren Landsitz  oder zu befreundeten Adeligen, jedes Mal mit dem Tross der  Dienerschaft. Das Entscheidende ist also nicht der  umgebende Wohnort, sondern die umgebende Gesellschaft, die  überall zugegen ist. Denn diese Gesellschaft, in der es  sich für den Adeligen zu positionieren gilt, liefert die  Legitimation für seine Existenz.

Soziale Schichten

Für jede Position in der Gesellschaft gibt es im Absolutismus eine dem Stand angemessene Wohnform. Es wird genauestens darauf geachtet, dass keiner versucht, eine ihm nicht gebührende Stellung durch sein Verhalten, seine Wohnform, seine Kleidung o.Ä. zu suggerieren.

Der kleine Bürger wohnt im sogenannten "Maison Ordinaire", der einzigen Wohnform, die völlig ohne repräsentative Räumlichkeiten auskommt. Hier wohnen einfache Handwerker oder arme Kaufleute. Wohlhabendere Bürger, vor allem Kaufleute, die es zu Reichtum gebracht haben, bewohnen ein "Maison Particulière". Hier gibt es bereits einen Raum, der für Zusammenkünfte genutzt wird und nicht Wohnraum ist. Hauptteil des Hauses sind jedoch auch hier noch Wohn- und Arbeitsräume. Erst die Aristokraten benötigen keine Arbeitsräume mehr: ihr Beruf ist allein das Repräsentieren, das Darstellen der eigenen Position. So findet sich in den von ihnen bewohnten Hôtels ein hoher Anteil an zentral liegenden offiziellen Räumen, wie bereits zuvor besprochen. Neben den Hôtels gibt es noch die "Grand Hôtels", die Mitglieder des höheren Adels beherbergen. Alleiniges Vorrecht von Mitgliedern der königlichen Familie ist das Bewohnen eines "Petit Palais", das die Hôtels an Größe und Pracht übertrifft. An der Spitze dieser Pyramide schließlich steht das Palais, der Wohnsitz des Königs selbst. Es wird so in der Hierarchie schlicht als das Wohnhaus des Königs gesehen, als erster Haushalt des Landes.

Grundlegendes zu Versailles

Die Grundstücksgrenze des Besitzes begrenzt dabei in allen Hierarchieebenen zugleich die Herrschaftsgrenze des Bewohners. So besitzt der gemeine Bürger kein Land, während dem Monarchen ganz Frankreich gehört, was bedeutet, dass das ganze Land Frankreich als persönlicher Besitz des Königs eine Art Vorgarten von Versailles ist. Er regiert durch seinen Haushalt hindurch das ganze Land, sein Haus ist das Zentrum seines Wirkkreises. Damit wird aber automatisch jede seiner Handlungen in seinem Schloss zum Staatsakt.

Die Grundform von Versailles lässt deutlich den Aufbau des Hôtels erkennen: auch hier umschließt der Bau u-förmig einen zeremoniellen Innenhof. In den den Innenhof flankierenden Flügeln sind auch hier die Wohnräume der Hausherren untergebracht, während die zentralen repräsentativen Räume im Querriegel liegen.

Allerdings ergibt sich aus der außergewöhnlichen Stellung des Königs eine Besonderheit. Da er bei all seinen Tätigkeiten eine staatstragende, repräsentative Person ist, ist der offiziellste Raum der Anlage zugleich der persönlichste Raum des Herrschers: sein Schlafzimmer. Dieses liegt daher nicht in einem Seitenflügel, sondern im Zentrum von Versailles, in der Mitte des repräsentierenden Flügels.

Wie auch in den Hôtels sind die Dienerschaften untergebracht in den in diesem Fall weit ausladenden Seitenteilen des Gebäudes. Allerdings handelt es sich bei denjenigen, die den König bedienen, selbst um Adelige, so dass die ganze Hierarchie um eine Stufe nach oben verschoben erscheint.

Umsetzungen in der Architektur

Wie spiegeln sich nun die eben dargestellten Lebensweisen des Absolutismus in der Architektur von Versailles wieder?

Wir haben bereits gehört, dass ganz Frankreich als Vorgarten von Versailles betrachtet wird. Dementsprechend ist das Schloss auch kein Gebäude, das in eine Landschaft gesetzt wurde. Vielmehr wurde eine ganze Landschaft erschaffen, um das Bauwerk hervorzuheben und zur Geltung zu bringen. Tatsächlich entspricht auch die gesamte für den Bau umgeplante Fläche der damaligen Fläche der Stadt Paris! Dennoch ist die gesamte Anlage mit einem Blick zu erfassen, woraus deutlich der Symbolcharakter ersichtlich ist, der Hauptzweck von Versailles. Der wesentliche Sinn des Bauwerks ist, zu zeigen: "Hier ist das Zentrum der Welt."

Erreicht wird dieser Eindruck vor allem durch die Erschaffung einer gewaltigen Symmetrieachse, an der sich alles ausrichtet. Diese Achse mit einer Gesamtlänge von 13,5km, die exakt durch das königliche Schlafzimmer selbst geht, weißt den Weg der Macht, vom Monarchen hin zur Stadt Paris, hinein nach Frankreich und in die ganze Welt.

Ankunft in Versailles

Den Auftakt des Palais bilden drei Alleen, die sternförmig auf sein Zentrum zulaufen, wobei die mittlere die erwähnte große Achse nach Paris ist. Wo sich die Achsen der Straßen schneiden, steht genau am Eingang des "Cour des Ministres" eine Statue von Louis XIV. Diesem vorgelagert befindet sich der "Place d´Armes", ein riesenhafter Platz, der wie der Name schon sagt vor allem für Paraden und militärische Aufmärsche zur Demonstration von Macht und Größe genutzt wird. Der dahinter liegende "Cour des Ministres" ist der Ankunftsplatz für die Staatskarossen der Repräsentanten, die jeden Tag in das Schloss strömen. An ihn schließt sich der "Cour Royale" an, von dem aus man das Gebäude betritt, um zum König zu gelangen.

Danach folgt der vierte und innerste Hof, der "Cour de Marbre" (Marmorhof) auf den die königliche Familie von ihren Zimmern aus hinunter blickt.

Empfang beim König

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten, beim König vorgelassen zu werden. Einerseits gibt es den offiziellen Empfang im Thronsaal, zum Beispiel von Abgesandten anderer Nationen, andererseits die täglichen Zeremonien, die die Bewohner von Versailles involvieren, in deren Zentrum sich das Schlafgemach des Königs befindet. Für beide Anlässe gibt es einen jeweils eigenen Weg.

Offizielle Staatsempfänge

Der Eingang in das Schloss für offizielle Staatsempfänge befindet sich auf der nördlichen Seite des Cour Royale. Der Besucher tritt durch ein Vestibül und steigt anschließend über eine Treppe hinauf in den ersten Stock, wo sich alle Räume von zeremonieller Bedeutung befinden. Es folgt eine Reihe von Räumen, die durch eine Enfilade verbunden sind. Der erste, der "Salon de l´Abondance, ist der Schauplatz der festlichen Bufets der Adeligen. An ihn reihen sich drei Säle, jeder benannt nach einem Planeten, der um die Sonne kreist. Dabei befindet sich jeweils der nachfolgende Saal in einer näheren Umlaufbahn um die Sonne. So gelangt man durch Salon de Vénus, Salon de Diane und Salon de Mars folgerichtig in den Salon d´Apollon, den Saal der Sonne. Dieser ist der Thronsaal Frankreichs.

Mit der Annäherung an den Thron des Sonnenkönigs nimmt die Pracht und Ausstattung der Gemächer zu. Das Vordringen zum Herrscher erfolgt in langsamen, inszenierten Schritten stufenweise von Raum zu Raum. Durch die Enfilade wird jeder Raum durchquert, während man zugleich zu jeder Zeit die eigen Position im Schloss und damit in Relation zum Machtzentrum nachvollziehen kann.

Die Enfilade hat den Sinn, die Größe und Pracht des Baus und damit des Königshauses überall erfahrbar zu machen. Dabei bleibt ein Teil der Räume durchaus uneinsichtig, die Fläche jedes Zimmers teilt sich auf in Verkehrszone und bewohntem Bereich. Sichtbar ist nur die Flucht der Erschließung durch alle Zimmer.

Obwohl diese Reihe von Räumen nach der Funktion des Grundrisses die Wohnräume des Hausherren sind (siehe  Hôtels), hat der König nie in diesen Räumen gewohnt. Sie dienen lediglich offiziellen Empfängen und sind häufiger Aufenthaltsort der Adeligen, die sich hier die Zeit z.b. mit Spielen vertreiben. Für große Festivitäten und Staatsempfänge schließt sich an diese Raumfolge der beeindruckendste Raum von Versailles an, der Spiegelsaal. Flankiert von zwei weiteren Sälen, dem Salon de Guerre und dem Salon de Paix, nimmt er mit 70 Metern die gesamte Länge des Querriegels ein. Er bietet einen grandiosen Ausblick auf die Gartenanlagen.

All diese Räume sind ohne Gänge aneinandergereiht, um das Vordringen zum König durch die verschiedenen Räume hindurch zu erreichen. Die wenigen Korridore, die existieren, dienen lediglich der Andienung durch Bedienstete. Um Wegstrecke zu sparen konnten sie die Zimmer durch enge Gänge und Tapetentüren erreichen.

Persönlicher Empfang

Gegenüber des Eingangs zu den Paraderäumen liegt auf anderen Seite des Cour Royale der Eingang zum Wohnräumen des Louis XIV. Auch in diese Räume gelangt durch ein Vestibül und über eine Treppe. Diese Treppe, Escalier de la reine, ist der Dreh- und Angelpunkt Schlosses in seiner Funktion als Eingang zu Appartements von König und Königin.

Auch der Weg ins Schlafzimmer des Herrschers ist eine Abfolge von zu durchquerenden Räumen. Der erste ist der Salle des Gardes, in dem sich die Leibgarde des Königs aufhält. Darauf folgt das erste und das zweite Vorzimmer, die Antichambres.

Die Antichambre finden sich in allen Wohnsitzen der Aristokraten vor bedeutenden Zimmern wie Schlafzimmern und Speisesälen. Hier warten die Diener auf Anweisungen und sind so ständig präsent. In der Regel sind die Antichambres nicht beheizt und ohne Komfort. Hier zeigt sich deutlich das Verhältnis von Herr und Dienerschaft im Absolutismus. Es gibt keine Berührungsängste von Seiten der Aristokraten, wie wir sie heute gegenüber sozial schwächeren Gruppen kennen. Dies liegt vor allem daran, dass die soziale Distanz zwischen den Schichten im 17. Jahrhundert unüberwindbar groß ist, die Bediensteten kaum als gleichwertige Menschen gesehen werden. Sich mit ihnen abzugeben beinhaltet also nicht die Gefahr, dadurch selbst herabgestuft zu werden. Diese Gleichzeitigkeit von räumlicher Nähe und sozialer Distanz ist charakteristisch für die damalige Zeit und ein wesentlicher Grund für die fehlende Privatheit der oberen Schichten. Die Dienerschaften waren immer und überall mit anwesend, selbst noch am Fußende des Betts von Louis XIV nächtigte der erste Kammerdiener um immer zur Stelle zu sein.

Im Falle des Sonnenkönigs war das Antichambre das "Zentrum der Höflinge, Sammelbecken der Eitelkeiten, Mißgunst und Oberflächlichkeiten, ein Ort für Plauderei, Klatsch und Tratsch, Hauptbeschäftigung dieser Müßiggänger"(Champigneulle, 1971, 82).

Das Schlafzimmer des Monarchen, genannt das Chambre du Roi, folgt den Antichambres nach und liegt damit wie bereits erwähnt im absoluten Zentrum der gesamten Anlage. Hier finden die zuvor beschriebenen Zeremonien des Lever und Coucher statt, hier empfängt der König Günstlinge zu vertraulichen Konferenzen. Direkt von diesem Raum aus hält der Herrscher die Fäden in der Hand, die Aristokraten mit seinen Gunstbezeugungen und Degradierungen zu steuern.

Bemerkenswert ist der am Beispiel von Lever und Coucher sichtbarer Selbstzweck des Zeremoniells. Schon Louis XV, der Sohn des Sonnenkönigs, mochte die fehlende Privatheit nicht ertragen und ließ sich unweit der königlichen Gemächer wirkliche Privaträume einrichten. Nach dem offiziellen Schlafengehen, dem Coucher, im Chambre du Roi stand er auf, und begab sich in sein wirkliches Schlafzimmer nicht weit davon entfernt.

Wenn der Herrscher sich zur Ruhe begeben hat, steht Versailles still. Alle ziehen sich zurück und begeben sich in ihre Gemächer. Der ganze Apparat des Schlosses macht keinen Sinn ohne den König, um den er kreist.

Der letzte Raum des Königs, der anschließt an das Chambre du Roi, ist das Chambre du Conseil, das Arbeitszimmer Ludwigs XIV. Hier arbeitet er viele Stunden am Tag nach einem festgelegten Plan. An jedem Wochentag stehen Gespräche mit seinen Ministern und Fachleuten aus anderen Bereichen auf dem Plan. Nur selten lässt sich der König während des Tages bei den Adeligen sehen, die sich meist die Zeit beim Spiel vertreiben. Dies widerlegt deutlich de gängige Auffassung, Louis XIV sei vergnügungssüchtig gewesen, einzig bedacht auf seine Unterhaltung und Zerstreuung. All die Möglichkeiten der Zerstreuung waren für ihn Machtinstrument um die Adeligen zu beschäftigen und zu kontrollieren. Er selbst nahm all das nicht all zu oft in Anspruch und arbeitete sehr viel. Zeit seines Lebens war er ein fleißiger und gewissenhafter Herrscher.

Gemächer der Königin

Ebenfalls über die Escalier de la reine gelangt man zu den Wohnräumen der Königin. Der Aufbau der Räumlichkeiten gleicht denen der Empfangsräume des Königs. Auch hier findet sich ein Salle des Gardes und ein Antichambre, allerdings nur eines statt zwei. Es folgt dann der Salle de la Reine, der Thron- und Audienzsaal der Hausherrin. Hinter diesem liegt das Chambre de la Reine.

Im Chambre de la Reine spielte sich immer wieder ein Schauspiel ab, das viel von der Atmosphäre der absurden Zeremonielle spüren lässt. Es gab die Regelung, dass bei der Geburt eines potentiellen Thronfolgers alle Aristokraten anwesend sein durften, um diese zu bestätigen. So drängten sich auch bei einer Niederkunft von Marie-Antoinette alle Angehörigen des Hofes aus purer Neugier in das Chambre de la Reine. Manche stiegen gar auf die Möbel, um eine bessere Sicht auf die gebärende Königin zu haben. Man konnte kaum atmen, geschweige denn sich bewegen in der Menschenansammlung, mit dem Resultat dass die geschwächte Königin beinahe gestorben wäre, weil man sie nicht richtig medizinisch versorgen konnte. Um zu verhindern, dass Marie-Antoinette verbluten würde, mussten Kammerdiener die Schaulustigen mit roher Gewalt aus den Zimmer werfen. Daraufhin wurde diese unsinnige Regelung abgeschafft.

Direkt neben den zeremoniellen Räumen der Königin liegen ihre privaten Schlaf- und Wohnzimmer. Vielmehr als ihr Ehemann hatte die Hausherrin die Möglichkeit, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Besonders zu beachten sind die zwei Gänge, die links und rechts vom Bett der Königin hinter Tapetentüren beginnen. Der eine führt direkt zum Schlafzimmer des Königs, der andere über eine Treppe ins darunter liegende Geschoss, wo der Dauphin wohnt. Diese Wege ermöglichen, ohne vom Hofstaat gesehen zu werden, Kontakt zu den Familienmitgliedern zu haben. Dies sind die einzigen Gänge, die von dem Königspaar benutzt werden, und dienen typischerweise eben nicht als Verteiler, wie heute meist üblich, sondern nur um direkt und ungesehen von einem Punkt zum anderen zu gelangen.

Andere Räume

Über die Unzahl der anderen Räumlichkeiten von Versailles lässt sich vor allem eines sagen: sie sind meistens viel zu klein. Versailles wurde gebaut mit der Idee, die Adeligen bei Hofe zu halten. Der Grundriss wurde aus dem bestehenden Jagdschloss von Louis XIII heraus durch eine Übersteigerung der bekannten Funktionsstrukturen entwickelt. Dass das System, die Aristokraten an den Hof zu binden jedoch so gut funktioniert, war wohl gar nicht eingeplant.

In Spitzenzeiten leben in dem dreigeschossigen Schloss allein 15.000 bis 20.000 Menschen. Als bei Ausbruch der Französischen Revolution die Summe der Räume in Versailles ermittelt wird, stellt man fest, dass von 1800 Zimmern über 600 nicht beheizbar sind. Bei damaligen technischen Baustandards bedeutet unbeheizt jedoch im Winter praktisch unbewohnbar. Die Wohnflächen sind notorisch zu knapp im Schloss, ständig kommen neue Bewohner hinzu, werden neue Flächen benötigt. Die Folge ist, dass immer wieder die ursprünglich großzügigen Räume unterteilt werden. Es werden Zwischenwände und Zwischengeschosse eingezogen, bis schließlich ein wahres Labyrinth aus Räumen und Treppen entsteht. Die Zimmer die so entstehen sind meist nicht mehr als düstere Kämmerchen, völlig unter dem Niveau der Adeligen Bewohner. Trotzdem versucht wer kann, ein Appartement in Versailles zu ergattern. Dies zeigt deutlich, wie hoch das Prestige der Nähe zum König eingeschätzt wird. Adelige, die wenige Kilometer entfernt in der Stadt riesige luxuriöse Hôtels besitzen, ziehen es vor, düstere enge Kammern in Versailles zu bewohnen.

Zum genauen restlichen Aufbau des Schlosses soll hier weiter wenig gesagt werden, da es in dieser Arbeit vor allem um das Zeigen eines gesellschaftlichen Struktur anhand des Grundrisses geht, weshalb die Ausführungen über die königlichen Gemächer im Wesentlichen reichen sollen.

Die Gärten

Die Gärten von Versailles sind zur Zeit von Louis XIV viel mehr als nur eine Möglichkeit zur Zerstreuung. Sie sind vor allem ein weiteres Mittel der Machtinszenierung. Sie sind Schauplatz von Festen und Aufführungen mit oftmals gewaltigen Ausmaßen. Zudem sind all die Anlagen, übrigens auch die Innenräume, für die Öffentlichkeit zugänglich. Jeder gemeine Bürger soll sich ein Bild von der Größe und Herrlichkeit des Hauses Frankreich machen können. Zudem sind die Grünanlagen ein wichtiger Ort für die höfische Konversation. Hier finden konspirative Treffen statt, werden Intrigen gesponnen und Bündnisse geschlossen. Für all das Taktieren der Hofleute bieten die Gärten eine hervorragende Bühne.

Allée Royale

Wer aus dem hinteren Teil des Schlosses heraustritt, betritt eine große Terrasse, das Mittelstück der 580 Meter langen Rückfassade. Die gesamte Fassade wirkt für die Außenanlagen wie eine Theaterkulisse, was durchaus beabsichtigt ist, da sie die Theaterkulisse für das tägliche höfische Leben bildet.

Der Ausblich von der Terrasse wird ermöglicht durch die angrenzenden Flächen, die alle möglichst flach gehalten sind. Den Auftakt bilden zwei Wasserbassins, die Parterres d´Eau, mit den angrenzenden flachen Grünflächen Parterre du Nord und Parterre du Midi.

Direkt dahinter beginnt die Allée Royale, das Zentrum der Gartenlandschaft. Sie bildet einen Teil der großen Symmetrieachse durch die Anlage und führt den Blick weiter zum Grand Canal. Die Allée Royale ist eine breite Straße, an deren Enden jeweils große Brunnen liegen. Den Auftakt bildet das Bassin Latone, der Abschluss ist das prächtige Bassin d´Apollon, das Bassin des Sonnengottes. Dieses ist, wie der Name schon vermnuten lässt, das Herzstück des Gartens. Im Bassin d´Apollon steht eine große Statue des Sonnengottes, wie er in seinem Sonnenwagen stehend aus den Schäumenden Fluten emporsteigt. Obwohl das ganze Bassin tiefer liegt als die größten Teile des Garten (dies war nötig zur Unterstützung der Hydraulik für die Fontänen des Brunnens), ist der göttliche Streitwagen von überall auf Sinnbildlich zeigt dies der großen Achse sichtbar. natürlich die überall spürbare Präsenz des Sonnenkönigs bei Hofe.

Die Allée Royale selbst ist flankiert von langen Reihen von Statuen und überdimensionalen Vasen. Längst nicht alle von ihnen sind von ausgesprochener künstlerischer und handwerklicher Qualität. Größeres Augenmerk wurde hingegen gelegt auf die Homogenität der Kunstwerke. Denn deren Sinn ist nicht, aus der Masse der Skulpturen herauszustechen und den Blick des Flanierenden festzuhalten, sondern ganz im Gegenteil, eine Allee zu bilden, die den Blick fasst und in die Ferne lenkt, in die Perspektive der großen Achse.

Die Bosquets

Umgeben ist die Allée Royale von einer großen Ansammlung von sogenannten Bosquets, meist kleine Plätze, Örtchen und Rondells. Sie sind häufig umgeben von Hecken, oder gefasst von Bäumen oder Skulpturen. Verbunden sind sie durch ein kompliziertes streng geometrisiertes System von heckenbegrenzten Wegen und Pfaden, oft auch von Laubengängen. Insgesamt ist das Areal einem Labyrinth nicht unähnlich. (Labyrinth in diesem Fall im ursprünglichen Sinn von endlos umherlaufen zum Vergnügen, nicht jedoch verirren.) Immer wieder tun sich überraschend neue Wege auf, gibt ein Öffnung der hohen Hecken einen genau definierten Ausblick frei. Diese Bosquets sind der wichtigste Schauplatz für die Konversationen und Treffen der höfischen Gesellschaft. Sie bieten mit ihrer meist versteckten, uneinsichtigen Lage viel Raum für Heimlichkeiten und arrangierte Besprechungen, für Feste und Zerstreuung.

Petit Parc

Verknüpft durch das Bassin d´Apollon schließt an den Bereich der Bosquets der Petit Parc an. Dieser mitnichten kleine Park ist im Grunde ein weitläufiges Waldgebiet, durchzogen von großzügigen Alleen und Wegen. Da die Wege hier lang sind und weit entfernt vom Schloss liegen, kann man im Petit Parc selbst in den geschäftigsten Zeiten des Hofes recht ungestört flanieren. Im Zentrum des Parks liegt der Grand Canal, der riesige künstliche See in Kreuzform auf der großen Achse. Er ist Schauplatz viel beschriebener Seefeste mit atemberaubenden Feuerwerken (die riesige Summen kosteten) und ganzen Orchestern, die auf Flößen über den See fahren.

Am nördlichen Ende des Seitenarms befindet sich das Trianon, ein alternatives Schlösschen in das sich der König zurückziehen konnte, wenn er sich der Öffentlichkeit und dem ewigen Zeremoniell entziehen wollte.

Am gegenüberliegenden südlichen Ende des Seitenarms befindet sich ein kleiner Zoo mit Tieren aus den neu entdeckten Teilen der Welt. Man kann sich wohl nur schwer die Faszination vorstellen, die bis dahin völlig unbekannte afrikanische Raubkatzen, Nashörner oder andere Tiere auf die Menschen der damaligen Zeit ausgeübt haben müssen.

Am dem Schloss zugewandten Ende des Grand Canal liegt Petit Venice, eine kleine venezianische Kolonie, nachdem die Republik Venedig Ludwig XIV mehrere venezianische Gondeln mitsamt Gondolieri gesandt hat, die daraufhin eine kleine Kolonie gründen. Sie bauen sogar eine kleine Galeere für den König mitsamt Takelwerk aus purpurroter Seide, mit der dieser auf dem Canal herumfährt.

Beendet wird der Grand Canal mit einem großen kreisrunden Platz, dem Etoile Royale, von dem aus zehn Achsen in Form von Alleen nach allen Seiten in den Park laufen. Die größte von ihnen ist natürlich die damit weiter verlängerte große Achse.

Sie reicht noch mehrere Kilometer weiter, hinein in den Grand Parc, der sich dem Petit Parc anschließt. Dieses im Wesentlichen naturbelassene Waldgebiet ist das 600 ha große Jagdrevier des Königs.

Perspektive

Immer wieder begegnen uns in Versailles lange Fluchten, perspektivisch aufgereihte Säulen, Statuen und Alleen, die den Blick ins Unendliche zu ziehen scheinen. Wo liegt der Grund für diese Bauweise, die so stark im Kontrast steht zu den abgegrenzten Räumen und Anlagen des Mittelalters?

Die Antwort ist vor allem im Weltbild der Zeit zu suchen. Bis ins 16.Jahrhundert ist man der festen Überzeugung, die Erde sei eine Scheibe und der Mittelpunkt der Schöpfung. Damit versteht man den Raum als endlich. Alles was sehr weit entfernt ist, rückte bedrohlich nahe an den Rand der Erdscheibe, hinter der nur Ungewissheit lauert. Man ist also geneigt, nicht weiter in die Ferne zu gehen und zu schauen als nötig.

Im 17.Jahrhundert reift die Erkenntnis von der Erde als Kugel im Weltall (Galilei 1610). Damit revolutioniert sich jede Sicht von Raum und Raumgrenzen. Der Mensch steht zwar in seiner Bedeutung, nicht jedoch geometrisch im Mittelpunkt der Schöpfung. Die bekannten Grenzen zu durchbrechen und neue Länder zu entdecken wird zum Zeichen neuen modernen Wissens. Entfernung ist nicht mehr bedrohlich, sondern fortschrittlich. Damit ist nun auch das Fixieren des Horizontes attraktiv.

Deutlich sichtbar wird dieses Motiv im Spiegelsaal. Dieser 70 Meter lange Raum bietet selbst eine beeindruckende Perspektive und könnte sich damit begnügen, den König in den Mittelpunkt des Raumes zu stellen, um ihn hervorzuheben. Aber er öffnet im rechten Winkel zu diesem Blick eine zweite Perspektive, den Blick hinaus durch den Garten in den Park über die gesamte Länge der Achse. Man sieht also nicht nur den König im Mittelpunkt des einen Raumes, sondern man sieht ihn im Mittelpunkt eines Raumes, der wiederum im Mittelpunkt der Umgebung steht. Erst der Blick in die Unendlichkeit macht die Bedeutung des Herrschers klar.

Der Mensch sieht sich irgendwo im Raum der Endlosigkeit gegenüber. Inmitten dieses unendlichen Raums steht Versailles, gleichsam befestigt durch den Schnittpunkt der riesigen Achsen, und vermittelt mit einer gewaltigen Symbolik "Hier ist der Mittelpunkt der Welt".

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