Eine künstliche Straße

Eine künstliche Straße (Bild: © Birgit Hupfeld)

Unfähig, mit Literatur Geld zu verdienen

Dass man von seiner Dichtung auch leben muss, hat er anscheinend nicht begriffen. Mech (Veit Schubert), eine klebrige Figur in feinem Anzug, ist von Baals Qualitäten und seinem literarischen Talent überzeugt und geriert sich als Förderer, der dem jungen Dichter auch finanziell unter die Arme greifen will. Doch der weist seinen Gönner und Mäzen schroff zurück und beleidigt ihn überdies. Als der abgerückt ist, macht sich Baal (Stefanie Reinsperger) ungestüm an dessen Frau Emilie (Anna Sophie Schindler) heran, als sei Plumpheit ein Garant für Erfolg. Ein anderes Beispiel: In einer Szene, die spät gespielt wird – Regisseur Mondtag hält nicht viel von Chronologie –, engagiert der Wirt John (Johannes Meier) Baal für einige als fulminant eingeplante Auftritte. Trotz Trinkverbots schreit der Künstler nach Alkohol, und das Engagement platzt. Seine Unfähigkeit, mit Literatur Geld zu verdienen, hindert Baal nicht daran, mit seinem Werk und den kommenden Honoraren zu bramarbasieren, obwohl sich noch alles im Küken-Status befindet. Stattdessen hält er es lieber mit Frauen, die er sogleich wieder satt hat. Quasi en passant kommt es zu einer Defloration von Johanna, ohne Rücksicht auf Verluste, und ähnlich ergeht es anderen jungen Frauen bzw. Dienstmägden, die auf seinem Weg liegen und bald für immer liegenbleiben. Ekart (Kate Strong), kein Mann der großen hehren Worte, legt eine dermaßen hohe Anhänglichkeit an den Tag, dass Baal nichts anderes übrig bleibt, als ihn ebenfalls zu beseitigen. Alles, was Baals Freiheit in irgendeiner Form einschränkt, wird als Störfaktor betrachtet.

 

Torben Appel, Stefanie Reinsperger, Ensemble

© Birgit Hupfeld

 

Einzelkämpfer und Egomanen

In Mondtags Inszenierung wird das Personal oftmals gegen den Strich gebürstet, d.h. Frauen spielen Männerrollen und umgekehrt. So treten beispielsweise Männer mit Busen in engen, fleischangepassten Hautanzügen auf. In der Mitte der Bühne steht eine mit Penis und Busen ausgestattete große Plastikfigur, der Stefanie Reinsperger irgendwann das Genitalsystem wegrupft. Wie bei Mondtag üblich, fühlt man sich in eine Phantasielandschaft eingetaucht, die mit gleichsam magischen Reizen gesättigt ist. Die Künstlichkeit des Projekts ist wieder einmal auffällig, die Figuren tragen gepflegte, bizarre Kostüme, an eine vergangene Zeit erinnernd. Wollte Mondtag das Drama nicht auf seinen aktuellen Gehalt hin überprüfen? Rein optisch sieht das Ganze nach einem Rekurrieren aus, einer Berufung auf Vergangenes. Nun, fürs Auge ist es zuweilen ein Vergnügen, zumal die Installation zweier Häuserfronten mit enger Gasse dazwischen eine besondere Aura ausstrahlt, wobei die Figuren wie Statuetten wirken. Es mag mitunter scheinen, als handele es sich beim kulissenhaften Ensemble (der Gesellschaft) um eine solidarische Phalanx, die sich gegen Baal in Stellung bringt. Doch nichts wäre verfehlter. Es sind Einzelkämpfer und Egomanen, wenn auch in Kleinformat, auf schmalen Pfaden des Durchwurstelns agierend. Sofern dieses Unterfangen eine Bestandsaufnahme der westlichen Gegenwart sein soll, so hat sich wenig geändert. Stefanie Reinsperger macht ihr Sache gut, doch ist alles zu sehr auf sie zugeschnitten, der "Rest" leidet unter Farblosigkeit. Obwohl es ihr an übersteigerter Virilität gebricht, ist sie ein Vorposten, ein Vollweib mit gespielter Rustikalität, die sich am Busen der Poesie nährt. Die Inszenierung ist gelegentlich sehenswert, in Abständen nur sehbar, unter Durststrecken kränkelnd, gerade im zweiten Teil, wo allerdings mehr Brecht drinsteckt.

 

Baal
von Bertolt Brecht

in einer Fassung von Clara Topic-Matutin
Regie und Bühne: Ersan Mondtag, Mitarbeit Bühne: Marcel Teske, Kostüme: Ersan Mondtag, Annika Lu Hermann, Musik: Eva Jantschitsch, Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin, Licht: Ulrich Eh, Chorleitung: Jonas Grundner-Culemann.
Mit: Stefanie Reinsperger, Judith Engel, Kate Strong, Veit Schubert, Anna Sophie Schindler, Paul Zichner, Peter Luppa, Owen Peter Read, Emma Lotta Wegner, Torben Appel, Yanina Cerón, Jonas Grundner-Kulemann, Johannes Meier.

Berliner Ensemble, Premiere vom 6.September 2019
Dauer: 180 Minuten, eine Pause

 

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