Die Vielfalt der Düfte ... genießt man am besten in der Natur

Das Gefallen an Wohlgerüchen machen sich erfinderische Parfümeure zunutze und kreieren aufregende Duftkompositionen für – fast – jede Gelegenheit und jeden Geschmack. Da die ätherischen Öle, die Trägersubstanzen der Blumendüfte, sehr flüchtig sind, ein Parfüm aber mindestens ein paar Stunden vorhalten soll, reichern sie ihre Mixturen mit den Drüsensekreten verschiedener Tiere an wie Ambra, Zibet und Moschus. Dazu kommen synthetisch hergestellte Duftkreationen. Die Ergebnisse dieses olfaktorischen Erfindungsgeistes fallen höchst unterschiedlich aus. Noch größer wird die Vielfalt durch die Kombination von Parfüm mit den natürlichen Körperausdünstungen der Trägerin.

Von Kleopatra sagt man, sie habe bei einem geplanten Liebesabenteuer stets ein besonderes Verführungsparfüm getragen. Da sie der Überlieferung nach auf diesem Gebiet einige Erfolge zu verzeichnen hatte, müssen ihr ausgezeichnete Parfümeure zur Seite gestanden haben, die wirklich alle Aspekte der jeweiligen Situation und den Geschmack der beteiligten Personen bei der Duftauswahl berücksichtigt haben. Denn mit einer Duftaura kann man nicht nur Menschen anziehen, sondern auch in die Flucht schlagen.

Wenn zwei sich nicht riechen können ...

Und nun stellen wir uns ein modernes Großraumbüro vor. Die Schreibtische sind zu kleinen überschaubaren Inseln gruppiert, um die Kommunikation der Angestellten zu erleichtern, die am selben Projekt arbeiten. Für manche Projekte ist nicht genügend Platz vorhanden, oder es herrscht ein Mangel an Tischen und Stühlen – wie auch immer, manchmal müssen zwei Kolleginnen dicht nebeneinander am selben Schreibtisch arbeiten. Die eine leidet unter der Hitze im Büro und erstickt fast aus Mangel an frischer Luft, die andere umgibt sich mit penetranten Parfümwolken.

Die Frischluftfanatikerin ist durchaus keine Duftverächterin. Sie liebt den frischen Geruch von Lavendel und Geißblatt, sie hat sogar eine Sammlung von winzig kleinen Parfümprobefläschchen zu Hause, an denen sie hin und wieder schnuppert. Sie besitzt mehrere Duftlampen und eine Sammlung von Aromaölen. Parfüm, vor allem komplizierterer Art, trägt sie jedoch nie. Denn schon immer hat sie bemerkt, dass sich der Duft aus den Fläschchen auf der Haut verändert, meist zu seinem Nachteil. Und dann gibt es auch Düfte, die auf Dauer schwer erträglich sind, so durchdringend verpesten sie die Luft. Schon der Geruch von Veilchen ist nicht jedermanns Geschmack, noch schlimmer wird es bei Exoten wie Patschuli und Sandelholz, und völlig unzumutbar findet sie undefinierbare chemische Mischungen der süßlichen Richtung. Sie erinnern an Verwesung, lautet das Urteil der Frischluftfanatikerin.

Die Parfümliebhaberin hat lange gebraucht, bis sie die Duftnote gefunden hat, die perfekt zu ihr passt. Diese zarte süß-liebliche Komposition hat nicht jeder. Damit sie ihr Parfüm nie vergisst, hat sie sich gleich Seife, Duschgel, Haarshampoo, Bodylotion und Handcreme in derselben Duftnote besorgt. Dieser Duft gehört einfach zu ihr, sie fühlt sich erst so richtig als sie selbst, wenn sie von ihrem Wohlgeruch umgeben ist. Da die Geruchsnerven gegen Substanzen, denen sie ständig ausgesetzt sind, leider allzu schnell abstumpfen, gönnt sie sich auch schon mal eine großzügigere Portion ihres Lieblingsparfüms. Mit dieser Duftaura kündigt sie, wo sie geht und steht, ihre unverwechselbare Gegenwart an. Auch da, wo sie sitzt.

Im Büro geht's heiß her

Sie sitzt im Büro in kaum dreißig Zentimetern Abstand neben der Frischluftfanatikerin und treibt diese zur Verzweiflung. Die Parfümhasserin atmet nur noch sehr flach, sie dreht den Kopf in die entgegengesetzte Richtung, starrt sehnsüchtig die geschlossenen Fenster an, hält sich eine Hand vor Mund und Nase, wendet sich schließlich ganz von der Parfümquelle ab. Aber es hilft alles nichts, atmen muss sie schließlich, ihren Arbeitsplatz verlassen kann sie nicht, ihre Umgebung ist auf mehrere Meter von süßlichem Verwesungshauch durchtränkt. Ihre Konzentrationsfähigkeit leidet ganz entschieden, sie kann an nichts anderes mehr denken als an die Ignoranz der wandelnden Duftwolke. Soll sie ihren Job kündigen? Aber so leicht ist es heutzutage nicht, etwas anderes zu finden, und sie braucht das Geld dringend. Sie weiß nicht mehr ein noch aus. Am Anfang war sie nett und hilfsbereit zu der duftenden Kollegin, inzwischen hat sie jeden Anschein von Höflichkeit fallen lassen und spricht nicht mehr mit ihr. Aber die Stinkbombe merkt es immer noch nicht oder will es nicht merken, oder es ist ihr egal. Oder sie fühlt sich im Recht, das ist am wahrscheinlichsten.

In jedem Bewerbungsratgeber steht der kluge Satz, man solle beim Vorstellungsgespräch kein aufdringliches Parfüm tragen. Was für das Vorstellungsgespräch gilt, gilt auch für den Arbeitsplatz. Die Menschen sind verschieden. Wat den eenen sin Uhl‘, is den annern sin Nachtigall, heißt es in Norddeutschland. Also zwingen wir den lieben Kolleginnen doch nicht unnötig unser Eulengeschrei auf. Dann haben wir gute Chancen, dass sie auch lieb bleiben.

Federspiel, am 05.09.2011
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