Von Funktionären und Lobbyisten

Die öffentliche Meinung bei solchen Streiks klafft besonders dann weit auseinander, wenn nicht nur der Arbeitgeber, sondern auch die Allgemeinheit davon betroffen ist. Sobald Mediziner, Postmitarbeiter, der Einzelhandel oder eben Lokführer und Piloten streiken, mischen sich in der Bevölkerung Verärgerung und Verständnis. Proportional zur Streiklänge nimmt letzteres meist ab. Wer allerdings einmal die Gewerkschaftsorganisation und den Streikgrund getrennt voneinander betrachtet, könnte zu völlig neuen Sichtweisen gelangen.

Tatsächlich ist das Streikrecht ein hohes Rechtsgut. Auch das Anliegen verbesserter Arbeitsbedingungen lässt sich eben manchmal nur durch Streik erreichen. Allerdings nutzen die Gewerkschaften hierbei den Umstand aus, dass in der Regel nur sie vom Streikrecht Gebrauch machen dürfen. Denn im Prinzip sind hauptberufliche Gewerkschafter auch nur Lobbyisten und Funktionäre. Sie tun also das, was wir bei Politikern so gern ankreiden: Vorrangig im eigenen Interesse handeln.

Wenn eine Gewerkschaft beispielsweise höhere Löhne aushandeln will und dafür notfalls auch streikt, ist das nur die eine Seite der Medaille. Da solche Organisationen in der Regel ihre Mitgliederbeiträge prozentual zum Einkommen berechnen, bedeutet jede Lohnerhöhung also auch mehr Geld in den Kassen der Gewerkschaft selbst. All das Gerede von Verbesserung und Gerechtigkeit erscheint demnach vorgeschoben. Die Einkommensverbesserung der Arbeitnehmer ist somit nur ein positiver Nebeneffekt lobbyistischer Geldgier. Allerdings nicht für alle Arbeitnehmer, denn in schöner Regelmäßigkeit scheint jeder Tarifabschluss mit Stellenabbau einherzugehen. Die Arbeitgeberseite kompensiert so die gestiegenen Lohnkosten.

Um es noch einmal klarzustellen: Gewerkschaften sind für den sozialen Frieden einer westlichen Demokratie unverzichtbar. Aber sie arbeiten eben nicht aus so selbstlosen Motiven heraus, wie sie es manchmal vorgaukeln....

Das enttäuschte Gewerkschaftsmitglied: Warum ich ausgetreten bin

Als Jungspund war es für mich eher eine Formalität, mit Ausbildungsbeginn Mitglied der angeblich weltweit größten Einzelgewerkschaft zu werden. Warum auch nicht? Unternehmer organisierten sich schließlich auch in Kammern, Innungen und Arbeitgeberverbänden. Viele von ihnen waren sogar gesetzlich dazu verpflichtet. Logisch also, dass sich aus Gründen der Chancengleichheit auch Arbeitnehmer organisieren müssen. Der monatliche Beitrag für Azubis war zudem lächerlich gering.

Bald wuchsen meine Sympathien für die Organisation. Viele innovative Betriebe meiner ostdeutschen Heimat wurden damals einfach platt gemacht. In den Städten mehrten sich die Industriebrachen, während an jeder Ecke irgendein Billigdiscounter entstand. Politisch profitierte davon vor allem ausgerechnet die Partei, welche volle 40 Jahre lang erst den Nährboden für diese Misere vorbereitet hatte. Meine Gewerkschaft hingegen meckerte nicht grundsätzlich, sondern federte so manche soziale Härte gewaltig ab und konnte gelegentlich sogar allerhand Arbeitsplätze retten.

Den ersten Knacks erhielt mein Bild von dieser Gewerkschaft viele Jahre später durch die Mitgliederzeitung. Im besten Goebbels-Stil wetterte eines Tages eine fette Überschrift gegen den "Christen-Tarif". Diese an braune und dunkelrote Vorzeiten erinnernde Polemik war für mich sehr befremdlich. Erst der dazugehörige Text machte deutlich, dass es eigentlich gar nicht um Christen ging, sondern dass hier lediglich eine Konkurrenzorganisation aus dem Lager der so genannten Christlichen Gewerkschaften madig gemacht werden sollte. Ich brachte dennoch per Leserbrief mein Unbehagen über den Hetz-Artikel zum Ausdruck.

Fortan las ich die Ausgaben der Gewerkschaftszeitung aufmerksam und durchaus kritisch und stieß auf ein Phänomen: Offiziell gab sich das Blatt politisch neutral und behauptete, keine Wahlempfehlung abzugeben. Tatsächlich jedoch wurde ständig gegen CDU und FDP gewettert, oftmals extrem unsachlich. Für die SPD hingegen erwärmten sich die Redakteure offenbar deutlich. Natürlich wusste ich, dass zwischen Partei und Gewerkschaft sehr enge Verbindungen und personelle Schnittmengen bestanden. Dennoch ärgerte ich mich, dass mit meinen Mitgliedsbeiträgen Werbung für eine Partei finanziert wurde, die solche Figuren wie Gerhard Schröder hervorgebracht hatte.

Den letzten Anstoß zum Gewerkschaftsaustritt gab jedoch meine berufliche Situation. Wie die meisten Arbeitnehmer war ich stets in Unternehmen beschäftigt, die keinen Tariflohn zahlten. Während in den Tarifbetrieben nach und nach also selbst einfachste Tätigkeiten vergleichsweise hoch vergütet wurden, dümpelte ich, ungeachtet meiner Qualifikationen, Jahr für Jahr auf dem gleichen, niedrigen Niveau herum.

Meine Gewerkschaft interessierte das nicht. Sie kümmerte sich immer nur um Lohnsteigerungen in den großen Tarifbetrieben, durchaus auch zum eigenen Nutzen, siehe oben. Der Clou: Sobald höhere Löhne ausgehandelt waren, wurde mein Gewerkschaftsbeitrag automatisch angehoben, obwohl ich von den Tarifsteigerungen keinerlei Nutzen hatte.

Ein einfacher Rechenvergleich ergab schließlich, dass ich mir diese Gewerkschaft deshalb schlichtweg nicht leisten konnte. Für die Höhe meines monatlichen Beitrags konnte ich mittlerweile eine komplette Rechtschutzversicherung abschließen, während die Gewerkschaft dafür nur den Arbeitsrechtschutz absicherte. Fairerweise muss man natürlich erwähnen, dass mit den Mitgliedsbeiträgen der Gewerkschaft auch andere Leistungen finanziert werden. Doch diese waren für mich uninteressant oder betrafen mich schlichtweg nicht. Letztendlich mündeten meine Überlegungen in die Formel: Eine Organisation, die für mich nichts tut, hat auch von mir nichts zu erwarten. Keine Leistung – kein Geld. So einfach ist das manchmal.

Autor seit 5 Jahren
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