Warum der Mensch so ist, wie er ist

Kriechbaum zufolge ist der Mensch das Produkt seiner psychoneuronalen Programme, der Umstände und seiner körperlich-seelischen Zustände. Das psychoneuronale Programm ist das Ergebnis der Erbanlagen des Menschen und der Erfahrungen, die der Mensch im Leben macht. Es steuert den Menschen und determiniert seine Eigenschaften. Dabei werden bestimmte psychoneuronale Programme bei bestimmten seelisch-körperlichen Zuständen von bestimmten Umweltreizen und Umständen mehr oder weniger stark aktiviert oder gehemmt. Das heißt: Was aus einem Menschen geworden ist, wie er ist, und was aus ihm werden wird, was er denkt, fühlt und tut, hängt sehr ab von seinen Programmen, den Umständen, seinen körperlichen und seelischen Zuständen und den Wechselwirkungen zwischen diesen Einflussfaktoren.

Kriechbaum spricht in diesem Zusammenhang auch von dem psychoneuronalen Autopiloten, der den Menschen entsprechend der installierten Programme, der "Software", steuert und in Abhängigkeit vom Zustand der "Hardware" (Körper) autonom auf Umstände und Ereignisse reagiert. Eine entscheidende Rolle spielen hier oft auch Zufälle und eigendynamische Prozesse wie Domino-, Schneeball- und Schmetterlingseffekte, die Prozesse aufgrund geringfügiger Vorfälle beträchtlich beschleunigen, aufschaukeln und außer Kontrolle geraten lassen.

Die Folgewirkungen destruktiver psychoneuronaler Programme

Kriechbaum verdeutlicht den engen Zusammenhang zwischen den spezifischen Eigenschaften, die den Menschen ausmachen, und der Politik an Hand der Ausbildung destruktiver psychoneuronaler Programme. Und zwar ist die Ausbildung eines destruktiven psychoneuronalen Programms eng verbunden mit einer Selbstwertstörung, also dem Fehlen eines positiven Selbstwertgefühls, das auf der Akzeptanz und Wertschätzung der eigenen Person beruht, wobei eine Selbstwertstörung mit spezifischen Formen der Störungs-Kompensation einhergeht.

Besonders bedeutsam ist – wie Kriechbaum zeigt - die narzisstoide Selbstwertstörungs-Kompensation. Dabei können eine aktive und eine passive Form der Kompensation unterschieden werden. Die aktive (phallische) Kompensation ist vor allem gekennzeichnet durch Selbstüberschätzung. Die passive (komplementäre) Kompensation beruht auf der Identifikation mit vermeintlich besonders tüchtigen Menschen, zu denen viele aktive Kompensierer gehören. Dadurch können die passiven Kompensierer ein künstliches Selbstwertgefühl gewinnen. Es handelt sich hier um Symbiosen, in denen Wirt und Parasit in einer sehr einseitigen Beziehung des Gebens und Nehmens zusammenleben. Und zwar sind diese Kompensations-Symbiosen deshalb so einseitig, weil der Parasit, der aktive Kompensierer, den Wirt, den passiven Kompensierer, erbarmungslos ausnutzt.

Die besondere Brisanz dieser symbiotischen Beziehung besteht nun darin, dass zum einen aktive Kompensierer mit Eifer nach Macht streben, und, wenn sie an die Macht gekommen sind, diese Macht zur Durchsetzung eigener Interessen missbrauchen, und dass es zum anderen die passiven Kompensierer sind, die ihnen zur Macht verhelfen. Gleichzeitig bedeutet dies, dass die passiven Kompensierer, die einem aktiven Kompensierer den Weg zur Macht ebnen, ein Kollektiv bilden, das in bestimmten Bereichen gemeinsame Programme besitzt, so dass von einem psychoneuronalen Kollektivprogramm gesprochen werden kann.

Selbstveränderung durch Selbstreflexion, Selbsterkenntnis, Selbstkontrolle

Aufgrund der Steuerung des Denkens, Fühlens und Handelns des Menschen durch den psychoneuronalen Autopiloten entsprechend der installierten Programme ist – so die erste Kernthese Kriechbaums – die Freiheit des Menschen begrenzt. Andererseits besitzt der Mensch die Fähigkeit zur Selbstreflexion, Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle und kann dadurch – so die zweite Kernthese Kriechbaums – den psychoneuronalen Autopiloten weitgehend deaktivieren, also die Grenzen seiner psychoneuronalen Programme erweitern und folglich ein Mehr an Eigenständigkeit, Kontrolle und Freiheit erlangen.

Das heißt: Die Menschen sind dann Produkte konstruktiver oder destruktiver psychoneuronaler Programme, glücklicher oder unglücklicher Zufälle, wenn ausschließlich der neuronale Autopilot steuert. Sie sind selber aktive Gestalter ihres Lebens, wenn Selbstreflexion, Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle dominieren, weil dadurch neuronale Aktivitäten und Prozesse in Gang gesetzt werden können, die Struktur-Änderungen im Nervensystem und damit Programm-Veränderungen bewirken. Als Therapie- und Trainingsmethode schlägt Kriechbaum in diesem Zusammenhang das Programm-Kontroll-System vor, mit dessen Hilfe die unerwünschten, negativen Programme und deren Folgewirkungen als solche erkannt, neutralisiert und umstrukturiert werden, wobei natürlich die Grenzen der Veränderbarkeit des Menschen berücksichtigt werden müssen.

Veränderungen des politischen Systems

Das politische System auch westlicher Demokratien ist für Kriechbaum immer noch so strukturiert, dass hier narzisstisch Gestörte, also Menschen mit destruktiven psychoneuronalen Programmen, ein ideales Betätigungsfeld finden. Das heißt: Narzisstisch Gestörten bieten sich hier nahezu optimale Bedingungen, um Machtpositionen zu erringen, wobei die Fähigkeit, an die Macht zu kommen, nicht selten im krassen Gegensatz zur Fähigkeit steht, ein Land im Sinne der Bürger gut zu verwalten, zu regieren, während umgekehrt unter den gegebenen Bedingungen Menschen, die über konstruktive psychoneuronale Programme verfügen und deshalb die "besseren Politiker" wären, weitaus seltener in hohe und höchste politische Ämter aufsteigen. Das politische System müsste deshalb – so die dritte Kernthese Kriechbaums – so verändert werden, dass hohe politische Ämter für Persönlichkeitsgestörte nicht mehr so attraktiv sind und dass möglichst nur noch wirklich geeignete Kandidaten Parlamentsabgeordnete und Regierungsmitglieder werden.

Wesentliche Komponenten einer solchen Veränderung wären deshalb, was die Auswahl des Führungspersonals betrifft, präzise, an bestimmten Kriterien orientierte Auswahl- und Kontrollverfahren, die eine Befähigung zur Selbstkontrolle durch Fremdkontrolle implizieren, was für Kriechbaum bei Menschen in Macht- und Führungspositionen wegen der Tragweite der Entscheidungen, die sie treffen, noch wichtiger wäre als bei Durchschnittsbürgern. Kriechbaum schlägt in diesem Zusammenhang das Konzept des Problem-Fehler-Controlling vor, das eine Strategie zur Fehlerbewältigung und -prophylaxe sowie zur Befähigung, individuelle und kollektive Bedürfnisse zu befriedigen, darstellt.

Fazit

Aus den Überlegungen Karl Kriechbaums kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass - weil der Mensch aufgrund seiner Lebenserfahrungen über destruktive psychoneuronale Programme verfügen kann, die sein Denken, Fühlen und Handeln in negativer Weise beeinflussen und ihn, vor allem, wenn er in Führungspositionen aufsteigt, zu einer Gefahr für seine Mitmenschen machen - es zwingend erforderlich ist, Personen, die sich um hohe Ämter bewerben, strengeren Auswahlverfahren zu unterziehen, und Personen, die hohe Ämter bekleiden, stärkeren Kontrollen zu unterwerfen, um sie damit auch zu stärkerer Selbstkontrolle zu veranlassen.

 

Bewertung

Ich habe in dem Buch endlich eine wirklich überzeugende Antwort auf die Frage gefunden, warum immer wieder Menschen in hohe und höchste Ämter gelangen, die für die Aufgaben, die sie hier zu erfüllen haben, in keinster Weise geeignet sind. Das krasseste Beispiel dafür ist sicherlich – trotz vieler anderer vergleichbarer Fälle – Adolf Hitler. Sein Aufstieg zählte bisher zu den größten Rätseln des 20. Jahrhunderts. Kriechbaum hat dieses Rätsel gelöst. Er hat gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Narzissmustheorie geleistet. Er hat verdeutlicht, was man sich unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung vorzustellen hat, wodurch diese verursacht wird und wie man sie erfolgreich behandeln kann.

Weitere Informationen zu dem Buch sind zu finden unter: http://www.kriechbaum.eu/dmme.html. Hier kann das Buch auch bestellt werden.

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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