Als Dank lebendig begraben

Klaus wird zu Weihnachten 1972 in die Sekte hineingeboren, wächst in Kindergruppen auf und fängt an, am System zu zweifeln, als er merkt, dass der Sektengründer Paul Schäfer die Bibel predigt, aber unredlich handelt. Tapfer sprach das Kind Schäfer auf dessen Verfehlungen an und wurde darauf, um den Teufel in sich zu töten, lebendig begraben.

Obwohl er sich in allem auf die Bibel berief, gab es für Paul Schäfer nur eigene Regeln und für seine Opfer eine allen menschlichen und christlichen Werten widersprechende Pseudo-Moral.

Keine Hilfe in Sicht

An der Tagesordnung waren Denunziationen auch zwischen den Kindern. Einen Rückhalt bei den Erwachsenen gab es nicht, weil den Kindern nicht bekannt war, wer ihre Eltern waren. Ihnen kam nicht in den Sinn, dass die Erwachsenen die Kinder schützen könnten. Hilfe wäre von diesen auch nicht gekommen, weil sie nach Chile gekommen waren, um eine Gemeinschaft, bei der Erwachsene und Kinder in getrennten Gruppen leben, aufzubauen.

Keinen Rückhalt durch die Erwachsenen

Der Autor erreicht eine intime Nähe zum Leser durch die arglos wirkenden Beschreibungen des jungen Klaus. Er weiß zum Beispiel nicht, wer mit ihm verwandt ist. Erst kurz vor der Gerichtsverhandlung, 1989, im Zuge der polizeilichen Ermittlungen, erklärt ihm sein Vater dies. Klaus ist bestürzt, weil er erkennt, dass er selber unwissentlich zum Verräter an seinem Bruder wurde und sein ärgster Widersacher Paul Schäfer von seinem Vater und seiner Mutter unterstützt wird.

Geboren im Schatten der Angst (Bild: Amazon)

Schellenkamp rebelliert und beschließt, auszusteigen und aufzuklären

Klaus Schellenkamp entwickelt ein eigenes Schuldbewusstsein und ahnt, dass auch bei ihm selbst Opfer- und Täterrolle nicht klar zu trennen sind.

Wie er im Vorwort bekennt, ist es nicht sein Anliegen, mit seinem Buch die Welt zu verbessern. Er will Menschen zeigen, dass sie auch unter den widrigsten Lebensumständen ihre Hoffnung auf Besserung nicht verlieren dürfen. Er will ein Zeichen der Liebe setzen und aufzeigen, wie sich ein Unrechtssystem im Namen Gottes aufbauen konnte. Schellenkamp erkennt, dass die COLONIA DIGNIDAD, später in Villa Baviera, bayerisches Dorf umbenannt, eine Kolonie der Versuchskinder war. Er kommt aus dieser und hat sich entschlossen, darüber ohne Skrupel Zeugnis abzulegen. Erst später, als Schäfer wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern und illegalem Waffenhandel zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde, bekamen Außenstehende erstmals Einblick in den von Angst und Misstrauen zusammengehaltenen Mikrokosmos der Sekte.In einem Interview im Artikel: Opfer, vom Straftäter Paul Schäfer, im Interview, berichtet Klaus Schnellenkamp von seiner Kindheit in der COLONIA DIGNIDAD,

Das System wurde vom Diktator Pinochet geschützt

Das System konnte sich halten, weil der damalige chilenische Militärdiktator Augusto Pinochet die Gemeinschaft schützte. Der Deal: Dem Geheimdienst standen, wie von Klaus Schnellenkamp belegt, als Gegenleistung die Bunkeranlagen – zur Folterung an Oppositionellen – zur Verfügung.

Klaus Schnellenkamp: Geboren im Schatten der Angst. Herbig Verlag 2007. Gebunden, zahlreiche Fotos, 238 Seiten. Euro 19,90.

Was geschah nach der Buchveröffentlichung?

Seither konnte Klaus Schellenkamp mit seinem Buch dazu beitragen, dass in Chile Untersuchungen in der COLONIA DIGNIDAD stattfanden. Diese führten, zu seinem Bedauern, nicht zum Verbot der Gemeinschaft. Es wurden brisante Einzelheiten zu Umweltskandalen, Waffengeschäften und Schwarzgeldquellen auf- und schnellstens wieder zugedeckt. Klaus Schnellenkamp gelang es, wichtige Beweismittel zu sichern. Er kann Ross und Reiter nennen. Besonders eine 1998 erfolgte Durchsuchung von der Investigaciones (Geheimpolizei) und Carabineros (Polizei) in der Colonia Dignidad, bei der nach Bunkern gesucht wurde, blieb ihm genau in Erinnerung.
Es wurde eine lang gesuchte, sehr massive Tür gefunden. Beim Versuch, sie zu öffnen, sagte der Polizeichef, dass beim Öffnen derselben entweder alle augenblicklich sterben würden oder alle ihren Job verlören. Die Tür ist, so Klaus Schnellenkamp, bis heute verschlossen.

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