Den Dreckarzneien wurden Heilkräfte zugeschrieben. Die Hauptrolle spielten dabei Kot, Urin und Drüsensekrete von Mensch und Tier, z.B. Tauben-, Mäuse-, Hasendreck etc. Derartige Stoffe wurden  innerlich und zur äußerlich angewendet. Dazu kamen Armesünderfett, Speichel, Nasenschleim, Schweiß, Sperma, Ohrenschmalz, Menstrualblut, Nachgeburtsteile, Mumienpulver, pulverisierte Mäusezähne und Bettwanzen, Spulwürmer, Spinnen. usw. Dreck, als Medizin, um den bösen Geistern den Garaus zu machen.

Heute werfen Kritiker der chinesischen Medizin berechtigt vor, mit vergleichbaren Ingredienzien wirken zu wollen, vergessen aber die eigne europäische Geschichte.

Erst in der Neuzeit erwiesen sich Teile dieser "Therapien" als sensationell nutzbringend. Alexander Fleming, schottischer Bakteriologe, erhielt 1945 wegen der Entdeckung des Penicillins den Nobelpreis für Medizin. Er erzeugte den Wirkstoff aus verfaulten Melonen und anderen Inhalten der Abfallkübel.

Überlieferungen und ihr hinterfragenswerter Nutzen

Dazu fällt mir die "Mittelalterliche Dreckapotheke" ein. Im mittelalterlichen Volksglauben spielten Dämonen, ebenfalls wie noch viel früher in China, eine große Rolle und so wurden Praktiken zur Dämonenabwehr praktiziert. So auch in der Dreckapotheke, deren eklige Spezialitäten böse, krankmachende Geister abschrecken sollten. 

Schimmel, Grundstoff einer Arznei

Schimmel, Grundstoff einer Arznei

Den Dreckarzneien wurden Heilkräfte zugeschrieben. Die Hauptrolle spielten dabei Kot, Urin und Drüsensekrete von Mensch und Tier, z.B. Tauben-, Mäuse-, Hasendreck etc. Derartige Stoffe wurden  innerlich und zur äußerlich angewendet. Dazu kamen Armesünderfett, Speichel, Nasenschleim, Schweiß, Sperma, Ohrenschmalz, Menstrualblut, Nachgeburtsteile, Mumienpulver, pulverisierte Mäusezähne und Bettwanzen, Spulwürmer, Spinnen. usw. Dreck eben als Medizin, um den bösen Geistern in den Garaus zu machen.

Erst in der Neuzeit erwiesen sich Teile dieser "Therapien" als sensationell nutzbringend. Alexander Fleming, schottischer Bakteriologe, erhielt 1945 wegen der Entdeckung des Penicillins den Nobelpreis für Medizin. Er erzeugte den Wirkstoff aus verfaulten Melonen und anderen Inhalten der Abfallkübel. Das bedeutet aber dennoch, dass geschichtliche Erkenntnisse aus uralten Heilmethoden nicht 1 zu 1 übernommen werden können, sondern auf ihren Wirkungsgehalt umgesetzt werden müssen.

Die Dämonenmedizin Chinas

Vor etwa 4000 Jahren wurde in China das erste Kaiserreich, die Shang-Dynastie gegründet. Die Medizin der damaligen Zeit unterschied sich grundlegend von der heutigen Auffassung. Als Ursache von Krankheiten wurden "böse Geister" angenommen und diese von den Wu -Schamanen - bekämpft. Das geschah mit Verboten, so wurde u.a. beispielsweise in regelmäßigen Abständen die Malaria verboten. Einen besonderen Raum nahm ku, der bösartige Wurm-Geist ein. Der verleitete Menschen dazu, in ein Gefäß giftige Insekten, Würmer und Schlangen zu bringen und solange verschlossen zu halten, bis nur ein einziges Tier übrig blieb. Es wurde angenommen, dass es das Gift aller anderen Tiere in sich vereinte und dessen Ausscheidungen wurden einem anderen Menschen unter sein Essen gemischt. Im Körper des Opfers entwickelten sich nun Würmer, die an den Eingeweiden nagten, Schmerz, einen aufgeschwollenen Leib und fortschreitende Auszehrung und letztendlich den Tod verursachten. Der Beweis für einen Befall wurde darin gesehen, wenn einem Opfer nach dem Ableben Würmer aus allen Körperöffnungen krochen.

Es existierten zwar verschiedene Riten mit denen der Wurmgeist vertrieben werden konnte, die aber den Nachteil hatten, finanziell sehr aufwendig zu sein. In dieser Situation machte man sich die Beobachtung zu nutze, dass Hundertfüßer Würmer fressen und setzte die getrocknet als Heilmittel ein.

Hundertfüßer existieren in den Tropen und Subtropen, also südlich der Alpen. Sie werden bis etwa 30 cm lang, sind sehr aggressiv und schnell. Als Gifte können Acetylcholin, Serotonin sowie Histamin aber auch Blausäure vorkommen. Die Wirkung ist für einen gesunden Erwachsenen nicht lebensgefährlich, jedoch sehr unangenehm und äußerst schmerzhaft. Die Bissstelle schwillt in der Regel sehr stark an, es kommt zu sehr intensiven Schmerzen. Quelle: Wikipedia

Peking - Kräutermarkt 1995

Der Besuch des Kräutermarktes gehört zur Pflicht eines medizinisch interessierten Chinabesuchers. Ins Augen fallen zunächst Unmassen an Ginseng, die zwar sehr teuer angeboten werden aber weitgehend wirkungslos sein sollen, weil es sich um nachgezüchtete Pflanzen handelt. Es werden aber nicht nur Kräuter, sondern auch andere unappetitliche Dinge, wie getrocknete Plazentas, Hundepenisse etc. angeboten.

Auf die an einen Verkäufer gerichtete Frage, wogegen sein angebotener Artikel wirksam sein soll, erhält man überwiegend die Antwort: "Keine Ahnung, ich verkaufe das hier nur." An einem Stand, werden Bündel  dunkelbrauner, bleistiftähnliche Stangen angeboten, erhalte ich Auskunft: "Das sind getrocknete Hundertfüßer ohne Beine und die sind gut gegen Wurmerkrankungen". 

Der falsche Schluss

Ohne Kenntnis der Vorgeschichte eine Aussage, die hingenommen und geglaubt werden kann. Mir ist nicht bekannt welche Stellung Hundertfüßer in der Rezepturen der chinesischen Medizin einnehmen, kann mir aber vorstellen, dass sie wegen ihrer überlieferten, angeblichen Wirkung in alle Welt exportiert werden.

Aus dem Bereich der Akupunktur gibt es jedoch Vergleichbares. Aus der Zeit des beginnenden Konfuzianismus, also etwa 500 v. Chr. stammen Akupunkturpunkte mit den bezeichnenden Namen "Dämonenlager", "Dämonenruhestatt", "Dämonenhalle", "Dämonenherz". Die Nadeln, die in das "Dämonenherz" gestochen wurden, entsprachen Speeren und waren Werkzeuge zum Exorzismus. Das sich allerdings in der heutigen Zeit einige Therapeuten bemühen, darüber Heilung bei Psychosen zu erreichen, sollte zu denken geben. Die könnten mit gleichem Erfolg ein Feuerwerk abbrennen, dessen chinesischer Sinn ja ebenfalls in der Vertreibung der bösen Geister liegt.

Obwohl sich das hier angeführte Beispiel auf China bezieht, sollte bedacht werden, dass vergleichbare "Geschichte" auch bei uns vorkommen kann. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den "Hexenschuss", dem Beweis für die Existenz deutscher Dämonenmedizin.

Die historischen Begebenheiten stammen von Professor Dr. Paul U. Unschuld, geboren 1943. Er studierte Pharmazie, promovierte in Sinologie (Sprachwissenschaftler der chinesischen Sprache) und wurde Professor mit seiner Arbeit über die "Pharmaziegeschichte und Geschichte der chinesischen Heilkunde". Neben Medizingeschichte unterrichtete er an der Universität in München chinesische Medizin.

Klaus_Radloff, am 17.09.2010
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