So entstand die Freikörperkultur, Nacktfotos erschienen in diversen Magazinen und die ersten Sexualfilme wurden gedreht. Die Mode für Damen wurde schlicht, bequem und sehr unweiblich. Die kurzen, locker geschnittenen Kleider wurden schnell zu einer einheitlichen Sackmode und alle Frauen sahen im Prinzip gleich aus: Mit kurzen Haaren, rote Lippen und dunkel geschminkten Augen kopierten sie fast alle ihre prominenten Vorbilder, die den Typ "Vamp" verkörperten. Brav und hübsch waren passe, leider stand der Einheitslook nur den wenigsten.

Le Costume Royal, Magazine Plate, USA, 1914 (Bild: AllPosters)

Ein radikaler Wandel in der Mode

 

Bis zu Beginn des 1. Weltkrieges war die Damenmode noch sehr zugeknöpft. Die schmalen, langen Röcke mussten die Knöchel bedecken und die hochgeschlossenen Blusen ließen das Ganze sehr streng wirken. Dokoletee war nicht mehr gefragt, ebenso wenig verspielte Kleider. Zwar pressten sich nicht mehr alle Damen in ein Korsett, doch wurde immer noch kräftig geschnürt, um der modischen Form zu entsprechen. Große Hüte und lange weite Jacken verstärkten das nüchterne Erscheinungsbild. Die Unterwäsche bestand aus mehreren Teilen und war noch sehr steif.

Der modische Umbruch im 1. Weltkrieg

Im Krieg änderte sich das fast schlagartig: Da viele Frauen nun auch Männerarbeiten verrichteten - bei der Müllabfuhr, in Fabriken, der Bahn und in Krankenhäusern - musste die Kleidung bequem und praktisch sein. Das Korsett wurde schnell abgelegt und die Röcke gekürzt.

 

Die ersten Hosen

Einige Arbeiterinnen trugen sogar Hosen, was den Modedesignern und eingen Moralaposteln ein Dorn im Auge war. Gesellschaftlich stellten Hosen für Frauen ein absolutes Tabu dar, weshalb sie sich modisch auch nicht durchsetzten und mit Ende des Krieges verschwanden.

 

Kurze Kleider - der Kampf um die Rocklänge der 20er Jahre


Die Damen hatten sich an angenehme lockere Kleidung, in der man sich bewegen konnte, gewöhnt  und kamen nicht im Traum auf den Gedanken, diesen Komfort aufzugeben. 1920/1921 waren die Kleider relativ kurz, sie reichten bis knapp übers Knie. Zu Beginn der 20er Jahre versuchten die Designer noch, eine weibliche Linie und lange Röcke durchzusetzen. Da sich die Damen nicht im geringsten davon beeinflussen ließen, gaben die Modeschöpfer auf und brachten Creationen im Sinne des neuen Zeitgeistes auf den Markt.

 

Nur ganz kurz, 1923, wurden knöchellange Kleider mit einer sehr tief angesetzten Taille getragen, um ein Jahr später wieder gekürzt zu werden. Die Frauen wollten nicht mehr auf ihre bequemen, kurzen Kleider verzichten. 1927 lag der Saum sogar 5 cm über dem Knie!

 

Jackenkleider und Selbstgestricktes

Anstelle von Kostümen trug man Jackenkleider. Die Jacken reichten bis unter die Hüften und waren gerade geschnitten. Rock und Bluse verschwanden und wurden durch Rock und Pullover (Jumper) ersetzt.

 

Auch die knitterfreien Jumper erfreuten sich schnell großer Beliebtheit. Die bequemen Pullover wurden von Damen aller Gesellschaftsschichten getragen, so dass man weiterhin selbst strickte. Und das sah man den Jumpern auch sehr häufig an.

20er Jahre Mode für Damen (Bild: wikimedia commons, gemeinfreies Bild)

Fast das ganze Jahrzehnt über war die Damenmode vollkommen gerade. Weder die Brüste noch der Po wurden in irgendeiner Form betont. Eine gerade, knabenhafte  Linie war das modische Idealbild vieler Frauen. - Genauer gesagt glichen die Kleider eher unförmigen Säcken.

Illustration of Women in 1920s Fashion (Bild: AllPosters)


Die Tageskleider - 20er Jahre Sackmode

Die Kleider waren weit und lose geschnitten, mit überweiten Ärmeln, so dass sie einen sackartigen Eindruck machten. Die Taille wanderte nach unten zu den Hüften, das Oberteil wurde gebauscht, was den formlosen Eindruck nur noch mehr unterstrich. Wobei man hier nicht mehr von Taille sprechen kann.

Garconne

Die Mode für Damen wurde nicht nur bequemer sondern auch männlicher. Als besonders schick galt der Garçonne Stil: Darunter verstand man ein Smokingkostüm mit Krawatte oder einen Herrenmantel mit Filzhut. Die Herren waren von dieser modischen Richtung allerdings wenig begeistert.

Charlestonkleider

 

1924 entstand das, was wir heute als  20er Jahre Mode bezeichnen: Die Charlestonkleider. Das Oberteil war dabei ganz gerade geschnitten, der an den Hüften angesetzte Rock mit Plissees bzw. im Glockenschnitt reichte bis kaum zu den Knien und war zum Saum hin leicht ausgestellt. Die Kleider wurden in der Regel nach diesem Einheitsschnitt gefertigt und unterschieden sich lediglich in den Details. Meist hochgeschlossen, wurden sie mit Krawatten, Krägen, Blenden, Schleifen oder Gürteln verziert.

Norma Talmadge, Mid-1920s (Bild: AllPosters)

Das Stilkleid

Für alle Damen die trotzdem etwas weiblicher wirken wollten, gab es das sogenannte Stilkleid. Auch hier wurde der Rock weit unten an den Hüften angesetzt, wurde jedoch weit ausgestellt, wie eine Krinoline. Auch war es länger als die üblichen Tageskleider. Das Stilkleid entstand bereits einige Jahre zuvor, als Alternative zu den strengen, schmalen Röcken, wurde damals aber nur als Sommer-  und Abendkleid getragen. Eine weitere modische Ausnahme bildete der Taschentuchrock.

Abendkleider

Die Abendkleider hatten den gleichen Schnitt wie die Tageskleider, jedoch mit einem tiefen Ausschnitt oder Spaghettiträgern. Es gab sie aus teuren Stoffen, verziert mit Fransen, Perlen und engen Stoffteilen, die Ärmel vortäuschen sollten. Während tagsüber Schlichtheit angesagt war, durfte es am Abend richtig bunt, auffällig und verspielt sein. Lange Ketten, die bis zum Bauchnabel reichten, Haarbänder mit Federn und viel Glitzer gehörten zu den typischen Accessoires.

Alice Joyce, 20er Jahre (Bild: Library of congress, U.S.)

1927 wurden die Abendkleider länger, teilweise mit einem zipfeligen Saum und die Taille rutschte wieder nach oben. Sehr zur Freude viele Männer und Frauen, die nicht über eine knabenhafte Figur verfügten.

Die Unterwäsche der 20er Jahre

Eine weibliche Figur kam gänzlich aus der Mode. Da sich - wie so oft - der Körper der Mode anpassen musste, griffen die Frauen zu einem Leibgürtel, mit dem der Bauch, Po und oft sogar die Brüste platt gedrückt wurden. Auch von dieser modischen Eigenart waren die Männer nicht wirklich begeistert. Trugen die Damen dann noch Abendkleider mit tiefen Ausschnitten vorne und hinten, kamen ihnen nicht selten scherzhafte Bemerkungen  wie "man erkenne nicht mehr, wo bei den Frauen vorne und hinten ist" über die Lippen. Genauer gesagt wurde diese Aussage auch in einigen Zeitschriften abgedruckt.

Unterwäsche Anfang der 20er Jahre (Bild: wikimedia commons, gemeinfreies Bild)

Damenunterwäsche 1922 (Bild: wikimedia commons, gemeinfrei)

Die Frisur der 20er - der Bubikopf

Ein Aufschrei ging durch die Männerwelt – die Frauen allen Alters schnitten sich ihre langen Haare ab! Über viele Jahrhunderte war das Abschneiden der Frauenhaare eine gerichtliche Bestrafung - wurde in den 20er Jahren ein absolutes Muss für jede modische Dame. Poiret ließ bereits 1911 seine Mannequins mit einer Kurzhaarfrisur auftreten, dies fand aber keine Nachahmung. Lediglich die französische Tänzerin Carytathis erregte durch ihre kurzen Haare Aufsehen.

 

1916 wurde diese Frisur auch von Chanel vorgeschlagen, in Deutschland legte sich 1920 die Schauspielerin Asta Nielsen für ihre Rolle des Hamlet eine Pagenfrisur zu. Viele Schauspielerinnen ahmten daraufhin die Frisur nach, die entweder gerade geschnitten oder mit einem Pony getragen wurde und bis zu den Ohrläppchen reichte. Man konnte sie auch im Garçonne-Stil streng nach hinten kämmen.

Jahrelang wurde von Seiten der Männer, des Staates und der Kirche heftig gegen den Bubikopf protestiert. In Europa konnte man sich dazu durchringen, sie für junge Mädchen gelten zu lassen, für reifere Frauen auf keinen Fall! Viele Frauen sollen ihre Arbeit verloren haben, als sie sich von ihren langen Haaren trennten. Sie bekämen ihren Job zurück, wenn die Haare wieder länger sind. Doch sogar Frauen, die anfangs noch ihre Haare hochsteckten, entdeckten die Vorzüge und Bequemlichkeiten des Kurzhaarschnittes, der bis 1930 vorherrschte.

Freda Dudley Ward, 1919 (Bild: AllPosters)

Der erste Pyjama für Frauen

Die Männer hatten den Schock über die kurzen Haare der Damen noch nicht ganz verdaut, schon sorgte die nächste modische Revolution für Aufregung: Der Pyjama für Frauen. Heutzutage ist es für jede Frau normal, in kühlen Nächten einen Pyjama zu tragen. Damals kannte die Empörung keine Grenzen.

Hüte der 20er Jahre

Optisch verstärkt wurde diese eigenwillige Mode noch durch die Hüte der 20er Jahre, die in ihrer Form ausnahmslos umgedrehten Töpfen glichen, wie man auf dem Bild unten sehr schön erkennen kann. Falls Sie sich jetzt fragen: Das sind nicht Jack Lammon und Tony Curtis in "Manche mögen`s heiß" -  es handelt sich tatsächlich um vier Frauen in damaliger, Top-moderner Kleidung.

Damenmode Ende der 20er Jahre

Damenmode Ende der 20er Jahre (Bild: wikimedia commons, State Library of NSW)

Die goldenen 20er - eine Illusion?

Warum immer von den goldenen 20er Jahren gesprochen wird, ist nicht ganz  nachvollziehbar, wenn man sich diese Zeit genauer betrachtet. Arbeitslosigkeit, Inflation, politische Unruhen und die Nachwehen des Krieges waren alles andere als glänzendes Edelmetall.

Die Frauen genossen ihre neue Freiheit nur zum Teil, in Wahrheit verzichteten viele Menschen aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen und politischen Situation auf Ehe und Familie. Auch nach dem Krieg war es für eine Frau leichter eine Arbeit zu finden, da man sie viel schlechter bezahlen konnte. Die Männer waren meistens arbeitslos und blieben zu Hause bei den Kindern. Was für die Arbeiterschicht eine zwingende Notwendigkeit war, nahmen die finanziell besser gestellten Damen als neue Modeerscheinung an: Familie und Kinder waren nicht mehr das Thema - es ging um das Absprengen alter Zwänge und Rollenklischees. Sie lebten die Freie Liebe, gingen auf Partys, in Nachtlokale und fuhren Auto.

Echtes Lebensgefühl oder gesellschaftlicher Zwang?

Das einzig Goldene an diesem Jahrzehnt waren schlicht und einfach die vielen Möglichkeiten für ausgelassene Vergnügungen. Jazzspelunken, Cabarets und Nachtclubs schossen an jeder Ecke aus dem Boden. Was vorher zum Luxus und den Privilegien der Oberschichten gehörte, war auf einmal für jeden erreichbar und bezahlbar.

 

Man wollte den Krieg so schnell wie möglich vergessen und suchte die Abwechslung. Da die Frauen das Geld verdienten und gelernt haben, für sich selbst zu sorgen und eigene Entscheidungen zu treffen, wollten auch sie sich das Vergnügen nicht mehr entgehen lassen.

Grace, am 02.03.2012
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