Was ist, was kann Comic? Ist es Kunst?

Die kritische und obligate Ausgangsfrage lautet: Ist das Thema Judenvernichtung genretauglich?

Dazu muss man zunächst untersuchen, was wir unter COMIC (Cartoon) verstehen wollen. Ist es Kunst oder ist es nur triviale Unterhaltung? Ich denke, das Comic hat sich von seinem Ruf, lustig und nebensächlich zu sein, längst emanzipiert. Ralf Palandt, Ausstellungsleiter und Kommunikationsforscher, weist darauf hin, dass das Comic inzwischen von Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen gelesen wird. Unter der Marketing-Bezeichnung "Graphic Novel" erreichen die Zeichnungen längst auch Akzeptanz bei sehr anspruchsvollen Lesern. Vor allem die in letzter Zeit häufigeren Verfilmungen haben einen regelrechten Comic-Boom ausgelöst.

Wenn es sich also um wirkliche Kunst handelt, dann stellt sich die Tabufrage nicht. Kunst muss alles dürfen oder fast alles.

Zu verweisen ist vor allem auf den didaktischen Nutzen. Viele Menschen begreifen Sachverhalte hauptsächlich visuell. Der Cartoon bringt die Dinge auf den Punkt und weckt vor allem das Interesse für Sachverhalte (hier: einen historischen Prozess), die ansonsten eher ignoriert werden.

Für das seriöse Geschichts-Comic steht beispielhaft der Band "Die Suche" von Rol und Lies Schippers (2007 in Amsterdam veröffentlicht), der die Geschichte des holländisch-jüdischen Mädchens Esther in Bildern erzählt. Esther ist Überlebende des Holocaust, Jahrzehnte später begibt sie sich mit ihrem Enkel auf die Spurensuche, um mehr über ihre in Auschwitz getöteten Eltern zu erfahren. 

Der doppelte Adolf
Emmanuel Guibert: "Braun"

Emmanuel Guibert: "Braun" (Bild: Emmanuel Guibert, tz)

Jack Kirby: Er erfand auch Popeye
Captain America kämpft gegen Hitler

Captain America kämpft gegen Hitler (Bild: Jack Kirby)

Die Gefahr des Missbrauchs

Irgendwo muss sicher eine Grenze gezogen werden, eine strafrechtliche. Das Comic kann auch in böser Absicht instrumentalisiert werden, kann Kinder und Jugendliche manipulieren und hasserfüllte Feindbilder erzeugen. Schon in der NS-Zeit wurden rassistische und antisemitische Cartoons vertrieben. Der Jude als Weltverschwörer war das Hassbild Nummer Eins. Auch heute noch nutzen Rechtsextremisten das Potential, das im Comic liegt. Was den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt, landet auf dem Index. In leichteren Fällen erlaubt die Bundeszentrale für jugendgefährdende Medien nur den Verkauf an Erwachsene.

Die Dämonisierung Hitlers - eine historische Vereinfachung?

Einen Einwand will ich dennoch geltend machen. Er betrifft Adolf Hitler, der logischerweise die Zentralfigur bilden muss, der wahlweise als Teufel und Monstrum, als Affe oder Feigling oder als bösartige Maschine dargestellt wird. Der "Führer" ist die  absolute Unperson, die Inkarnation alles Schlechten. Ist die totale Dämonisierung Adolf Hitlers wirklich hilfreich? Künstlerisch sicher legitim, historisch gelangt man schnell auf Abwege, wenn man den "Führer" für alles Ungemach verantwortlich macht. Da drängt sich mir etwas das Bild des biblischen Sündenbocks auf, auf den man alles packen kann, um sich selbst reinzuwaschen. Der Nationalsozialismus bestand eben nicht nur aus einer bösartigen Person, sondern traf auf einen sehr fruchtbaren Boden, auf unzählige Mittäter und Mitläufer, auf politische Kräfte und Interessengruppen, die die Möglichkeit sahen und nutzten, vom Bösen zu profitieren.

 

Für Interessenten:

Die Ausstellung "Holocaust im Comic" findet in München, Prielmayerstraße 3 bis zum 19. August statt. Geöffnet ist montags bis donnerstags 8:00 - 17:00, freitags 8:00 - 15:00. Eintritt ist frei.

Autor seit 5 Jahren
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