Verletzte Gefühle

Letzter Platz für Deutschland. Schon wieder. Lediglich 11 Punkte gab es für die 18 jährige Jamie-Lee Kriewitz. So klein das Endergebnis daherkommt, desto stärker fühlen sich viele Deutsche in ihrem persönlichen Stolz angegriffen, dass sich das "Produkt made in Germany" auf den europäischen Markt nicht gut verkaufen ließ.

Wie bei allen internationalen Veranstaltungen mit Wettbewerbscharakter kommt ein Patriotismus auf, der zu einem gewissen Maße auch gesund und förderlich für die Stärkung des Wir-Gefühls ist, aber durch die starke emotionale Verbundenheit vieles in den Hintergrund schiebt.

Die Kunst der Objektivität

Dem Eurovision Song Contest sollte man besonders mit einem entgegentreten - mit subjektiver Objektivität. Das heißt: Ein Song sollte nur für das bewertet werden was er ist, ein Song, den man entweder mag oder nicht, deswegen lassen sich subjektive Aspekte auch nicht vermeiden.

Anders ist es beim Fußball, wo Ergebnisse durch Tore und Leistung deutlich vor Augen geführt werden. Die Leistung des Einzelnen spielt eine ganz andere Rolle. Die Teilnehmer des Song Contestes bringen ihre Leistung, mal mit mehr, mal mit weniger Show und dann liegt es an den Zuschauern den besten Song zu wählen. Bei seinem eignen Land ist man dennoch machtlos und wenn andere abweichend denken als man selbst, ist die Aufregung groß. "Was, kein Punkt von den Niederlanden? Wir sind doch Nachbarn! Und kein Punkt von Österreich, die sprechen doch auch deutsch!" Solche Sätze sind bei der Finalbewertung gewiss öfters gefallen.

Gewisse Erwartungen bezüglich seines Heimatlandes zu haben können genauso falsch sein wie Vergleiche zu ziehen. Geschmäcker sind verschieden und können nur in Maße gezügelt werden, deswegen gibt es hier und dort auch mal einen Punkt für Deutschland. Die Meinungen werden nicht immer nachvollzogen, aber man muss sie zumindest respektieren. Außerdem sollte man aufpassen, dass man vom Patriot, der andere Nationen achtet, nicht zum Nationalisten wird, der sein Land über all die anderen stellt und die anderen missachtet.

Ungünstige Bedingungen im Vornherein

Im Fall Jamie-Lee muss gesagt werden, dass die Grundstimmung im Vorfeld nicht optimal war, es gab früh kritische Stimmen, die sich zwischen den positiven Zeitungsberichten hervortaten und ihr kein großes Ergebnis profizierten. Dafür spricht auch der nationale Erfolg oder eben Nichterfolg. Zwar gewann Jamie-Lee die Castingshow The Voice Of Germany sowie mit 45% den Vorentscheid, aber ihr Song "Ghost" konnte in den Charts nicht höher als Platz 11 angetroffen werden. Die Grundvoraussetzung bei einem internationalen Wettbewerb mithalten zu können, ist die totale Unterstützung seitens der eignen Bevölkerung. Die zwar im Patriotismus vorhanden ist, aber unter einem Schein, da die Überzeugung teilweise fehlte.

Deutschlands letzte Siegerin Lena wurde Vollkommens akzeptiert, die Grundstimmung war überaus positiv und das strahlte sie auch in Oslo aus. Gerade mit erst 18, so alt wie auch Jamie-Lee jetzt ist, überzeugte sie mit ihrer natürlichen Art Europa. Das Manga Mädchen Jamie mit ihrer etwas exotischen Art hat sich vielleicht gerade damit bessere Bewertungen verspielt.

Jamala - die umstrittene Siegerin des Song Contestes (Bild: D!FF / Flickr)

Übereinstimmende und fragwürdige Bewertungen

Deutsche interessieren sich nicht nur für die Platzierung des deutschen Beitrags sondern auch für die andere Seite der Liste: für den Erstplatzierten. Gewinnerin wurde die ukrainische Sängerin Jamala mit ihrem bewegenden geschichtlich begründeten Song 1944. Viele sehen darin einen politischen motivierten Song, der Anspielungen auf die gewaltsame Krim Annexion macht. Wenn man den Text außer vor lässt, hat ein Frau gewonnen, die sowohl gut singen sowie eine gewisse Atmosphäre mit diesem Song erzeugen kann. Wie vorher schon angesprochen: Geschmäcker sind verschieden und Streitpotenzial ist immer geboten, aber nicht über Texte o.ä. Denn eins sollte immer im Vordergrund stehen: die Musik. Das zeigt sich auch darin, dass Jury und Zuschauer bei der Bewertung von 1944 im Einklang waren, anders wie bei Polen bspw. Polen mit Teilnehmer Michał Szpak bekam nur 7 Punkte seitens der Jury und ganze 222 Punkte von den Zuschauern. Auch der Russe Sergey Lazarev musste mit seinen insgesamt 130 Punkten von der Jury einbüßen, während er als Publikumsliebling die meisten Punkte (361) bekam. Wo sich Ärgernis finden lässt, kommt auch ein Gefühl von Ungerechtigkeit auf. Die russischen negativen Medienstimmen über den dritten Platz sind vielleicht sogar noch gewaltiger als die der deutschen Medien über den letzten Platz.

Nüchtern gesehen ist das eindeutige Verlieren Deutschlands leichter zu verkraften: 30 Punkte von dem Vorletzten Tschechien entfernt, 1 Punkt von der Jury und 10 Punkte von den Zuschauern und somit die zweit schlechteste Bewertung seitens der Zuschauer bekommen.

 

Man verliert nichts von seiner Heimatliebe wenn man frei raus sagt, dass es mal wieder nicht gut für uns gelaufen ist, noch charakterstärker ist es sich einzugestehen, dass es fair und gerecht ist, weil man den Song nicht gut genug fand. Bestimmt hat der Eine oder Andere während des Wettbewerbes bessere Songs gefunden und genau darum geht es: Sich treu bleiben und gleichzeitig die Ohren für andere offen halten. Sonst könnte man einige tolle Songs verpassen.

Autor seit 5 Jahren
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