Das ostdeutsche Lagersystem nach dem Vorbild GULAG

Gegen Kriegsende 1945 begann die UdSSR in den von ihnen besetzten Gebieten mit der Internierung missliebiger Personen. Offiziell diente dies der Entnazifizierung, der Aufarbeitung politischer Verbrechen sowie der Feststellung individueller Schuld. Die Haftorte unterstanden dem sowjetischen "Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten" NKWD (später: Ministerium für Innere Angelegenheiten MWD) und waren in das System GULAG eingegliedert. Darunter verstand man die Hauptverwaltung der gefürchteten Straflager der UdSSR.

In Ostdeutschland, der so genannten sowjetischen Besatzungszone (SBZ), gehörten zu diesem System unter anderem zehn (nach anderer Zählweise elf) so genannte Speziallager. Eines dieser Lager, Landsberg, wurde auf polnischem Gebiet errichtet. In den anderen Fällen handelte es sich um bestehende Haftanstalten (Bautzen, Militärgefängnis Torgau), Industriesiedlungen (Hohenschönhausen, Ketschendorf), ehemalige Kriegsgefangenenlager (Fünfeichen, Mühlberg) sowie im Fall der Torgauer Seydlitz-Kaserne um eine Militäreinrichtung. Besonders makaber jedoch war die Weiternutzung der nationalsozialistischen Konzentrationslager Jamlitz, Sachsenhausen und Buchenwald.

Die Speziallager erhielten eine von eins bis zehn durchlaufende Nummerierung, welche jedoch (unter anderem aufgrund von Lagerschließungen) zum Teil wechselte. Nach derzeitigem Erkenntnisstand starben in diesen Speziallagern mehr als 43 000 Menschen. Dies entspricht rund einem Drittel aller Insassen.

Die Lebensbedingungen in den kommunistischen Speziallagern

Eine der schlimmsten Stätten war hierbei das Lager Jamlitz. Bis zu 40 Tote waren täglich zu verzeichnen. Angesichts dieser durch Hunger, Krankheit und mangelnde Hygiene verursachten Opferzahlen schien selbst die sowjetische Besatzungsmacht in Sorge zu geraten, denn nach rund 19 Monaten wurde dieses Lager im April 1947 geschlossen. Doch die Zustände von Jamlitz waren kein Einzelfall. Ähnliche Erscheinungen gab es in allen Lagern, hervorgerufen durch Notstand, Sadismus oder auch einfach die organisatorische Überforderung der Besatzungsmacht. Die meisten Häftlinge litten zudem, besonders im Winter, unter erzwungener Untätigkeit und der Isolation von der Außenwelt. In den Lagern geborene Kinder galten wegen der Nahrungsknappheit offiziell als nicht vorhanden...

Als Grund der Inhaftierung diente meist der Vorwurf, ein Kriegsverbrecher zu sein. Dieser Begriff konnte allerdings sehr weit ausgelegt werden und traf selbst auf städtische Bürgermeister zu. Ein beträchtlicher Teil der Gefangenen befand sich aufgrund von Willkür, Verwechslung oder Denunziation (selbst nach sowjetischem Rechtsverständnis) völlig unschuldig in den Lagern. Mühlberg diente außerdem als Zwischenstation für die Rückführung bestimmter Sowjetsoldaten. Diese galten als Verräter, weil sie aus deutscher Zwangsarbeit und Gefangenschaft kamen oder in der so genannten Wlassow-Armee gekämpft hatten. Jene wollte den Krieg für einen Sturz Stalins nutzen.

Die Auflösung der Speziallager und das Schweigen danach

Ab 1948 begann die systematische Auflösung der Speziallager, was allerdings nicht automatisch zur Freilassung aller Häftlinge führte. Viele wurden entweder in die Sowjetunion verschleppt oder mit Güterzügen (eine weitere Parallele zum Dritten Reich) in andere Lager deportiert. 1950 erfolgte die Schließung der letzten drei Lager. Ihre Insassen überstellten die Sowjets zur weiteren "Strafverbüßung" an die seit wenigen Monaten existierende DDR. Mit deutscher Gründlichkeit meisterte der junge Staat anschließend das Vorhaben, die Geschichte der sowjetischen Speziallager zu tilgen. Ehemalige Insassen wurden zum Schweigen verpflichtet, Massengräber durch militärisches Sperrgebiet, Aufforstung oder möglichst unauffällige Umbettungen vertuscht.

Wo die Erinnerung dennoch wach blieb, half eine Lüge: Es seien nur Verbrecher des Nazi-Regimes inhaftiert gewesen. Obwohl selbst dies die Menschrechtsverletzungen in den Lagern nicht gerechtfertigt hätte, wirkt das propagandistische Gift bis heute. Opferinitiativen und Gedenkstätten geraten ins Visier dubioser Vereine oder selbst ernannter "Antifaschisten". Die Erinnerung daran, dass dem braunen Terror rote Verbrechen nachfolgten, wird somit in die rechte Ecke gedrängt.

Quellenauswahl:

Dokumentation von Jochen Lang zu: Margret Bechler, "Warten auf Antwort", Ullstein Verlag, 2009

Der Stacheldraht, Ausgaben 7/2009 und 8/2009

Informationsdienst Wissenschaft

Welt online

Dachverband UOKG verschiedener Opferinitiativen mit weiterführenden Links

Hubertus Knabe: Honeckers Erben, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2009

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