Ein Fallbeispiel

Karl W. ist 85. Sein ganzes Leben lang war er fit und erfreute sich robuster Gesundheit. Auch geistig war er nicht "auf den Kopf gefallen", er hatte einen scharfsichtigen Verstand. Sehr zur Freude seines Arztes waren seine Werte bis ins hohe Alter optimal - bis plötzlich bei einer Routineuntersuchung ein erhöhter Blutdruck festgestellt wurde. Ein leichtes Medikament zur Blutdrucksenkung wurde verordnet. Es blieb jedoch ohne Wirkung, der Blutdruck stieg weiter an. Die Dosis wurde erhöht, trotzdem sank der Blutdruck nicht, sondern stieg weiter. Verantwortlich dafür waren möglicherweise familiäre Spannungen. Inzwischen hatten die Werte die bedrohliche Höhe von 185 erreicht, und Patient und Hausarzt waren alarmiert. Ein zusätzliches Medikament wurde gegeben, dennoch stieg der systolische Wert auf 200, zeitweilig sogar bis auf 220, trotz inzwischen hoher Medikamentengabe.

Wenige Tage später bemerkte sein Sohn (63), dass der Vater sich plötzlich anders verhielt - von einem Tag auf den anderen. Er sprach nur noch in einfachen Sätzen, wiederholte sich ständig, sprach völlig aus dem Kontext gerissene Sätze. Mehrfach begann er Sätze und war nicht in der Lage, sie zu Ende zu sprechen. So war es ihm beispielsweise nicht möglich, den Inhalt eines Telefonates mit einem Freund am Vortag wiederzugeben. Fragen nach der Vergangenheit konnte er nicht beantworten. Auf Fragen nach seinem Befinden versuchte er verzweifelt, Worte zu finden und war kaum in der Lage, sich konkret dazu zu äußern. Immerhin schien er geistig noch so klar zu sein, um zu spüren, dass mit ihm etwas ganz und gar nicht stimmte.

Sein Sohn bekam es mit der Angst zu tun. Die Veränderung, die er so plötzlich an seinem Vater wahrnehmen musste, verunsicherte ihn zutiefst. Das war nicht mehr der geistig fitte, schlagfertige Mensch, der er bis vor kurzem noch gewesen war. Eine Unterhaltung mit ihm war nur noch eingeschränkt möglich. Geistig erschien er um Jahrzehnte gealtert - innerhalb weniger Tage.

Alles deutete auf eine Demenz hin. Stutzig machte den Sohn aber die Tatsache, dass die demenziellen Erscheinungen sich nicht schleichend entwickelt hatten, sondern im Verlauf von nur ein bis zwei Tagen, und zwar ziemlich genau nach der starken Erhöhung der Medikamenten-Dosis.

Also forschte der Sohn im Internet nach Zusammenhängen zwischen Medikamenten und Verwirrtheitszuständen. Tatsächlich wurden dort Fälle berichtet, die ähnlich gelagert waren. Und auch aus dem Bekanntenkreis berichtete man ihm von solchen Begebenheiten, die sogar bei Krankenhausaufenthalten passiert waren. 

Die Lösung

Der Hausarzt von Karl W. stimmte glücklicherweise einem Wechsel der Medikamente zu. Karl W. durfte auf ein anderes Medikament umsteigen, das als nebenwirkungsarm gilt. Schlagartig verschwanden seine Verwirrtheitszustände. Schnell war er geistig wieder ganz der alte. Bisweilen erinnert er sich mit Grauen an die Zeit, als er sich völlig in seinem Innersten gefangen fühlte und es nicht artikulieren konnte. Sein Blutdruck hat sich inzwischen bei einem guten Wert von etwa 140 eingependelt.

Das Fazit

Die oben geschilderte Begebenheit hat sich tatsächlich kürzlich genau so zugetragen. Sie soll dafür sensibilisieren, dass oftmals vorschnell die Diagnose "Demenz" gestellt wird, obwohl in Wirklichkeit nur eine Medikamentenunverträglichkeit vorliegt. Vielleicht handelt es sich bei den beschriebenen Symptomen nicht um eine Demenz im medizinischen Sinne, vielleicht sind es "nur" demenzielle Erscheinungen oder "nur" Verwirrtheitszustände. Aber die Problematik reicht aus, um den Betroffenen und ihren Angehörigen das Leben sehr schwer zu machen, mit all den bekannten fatalen Folgen einer Demenz.

Beachtet werden sollte auch die oftmals zu geringe Flüssigkeitsaufnahme. Gerade bei alten Menschen ist dies gefährlich. Aufgrund des nachlassenden Durstgefühls trinken sie zu wenig, was ebenfalls Verwirrtheitszustände begünstigen kann. 

Ein Wort zum Schluss:

Hier sollen keine blutdrucksenkenden oder sonstigen Medikamente verteufelt werden. Ihre Einnahme ist wichtig und kann lebensrettend sein. Es lohnt sich aber, genau hinzusehen, wenn ein (alter) Mensch unter neuer oder ungewohnt starker Medikation plötzlich Wesensveränderungen und demenzielle Erscheinungen zeigt.

Autor seit 5 Jahren
40 Seiten
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