Der Bundesadler von Gies war aus Gips

Das Wort von der "fetten Henne” haben in den 1950er Jahren natürlich die Rheinländer mit ihrem schnoddrigen Mundwerk in die Welt gesetzt. Und weil sie es waren, hat auch niemand den Ausdruck für besonders despektierlich gehalten. Dieser Adler war in der Tat auch so, wie sich die Deutschen Wirtschaftswunder-Entwicklungen erhofften. Von der "fetten Henne” zu Ludwig Erhard war der Weg nicht weit. Das voluminöse Wappentier war von Ludwig Gies im Jahr 1953 entwickelt worden, als der zu eng gewordene Plenarsaal in Bonn um sechs Meter zum Rhein hinunter erweitert wurde. Er war aus Gips und ist jetzt im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn ausgestellt. Und im alten Plenarsaal, der heute Kongreßzentrum ist, findet der Besucher eine Aluminium-Version, die nach dem Entwurf von Gies von Günther Behnisch gezeichnet worden ist. Also in anderer Konsistenz ebenfalls eine "fette Henne”.

Im Bundestag eine etwas schlankere "Henne”

Am 2. September 1998 nun beschloss der Ältestenrat des Deutschen Bundestags, im Plenum des Reichstags eine Version des Bundesadlers aufzuhängen, die sich eng anlehnt an den 45 Jahre alten Entwurf von Gies, nicht aus Gips, ein bisschen schlanker, aber sonst wie gewohnt. Der Ältestenrat blieb beim Traditionellen. Als er enthüllt wurde, sagte der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse: "Der Adler ist so friedlich und unaggressiv, wie ein Adler nur sein kann”. Seitdem meinen viele, das Wappentier im Berliner Plenum schmunzele dauernd vor sich hin.

Sir Norman Foster wollte Kraft und Eleganz bündeln

Vielleicht deshalb, weil der Ältestenrat 1998 mit seiner Entscheidung nicht den Mut gefunden hatte, etwas Neues, Elegantes durchzusetzen. Denn es gab den Entwurf zu einem schlanken, fein ziselierten, zugleich athletisch wirkenden Bundesadler. Architekt Norman Foster hatte sich in die Gestaltung nachgerade gekniet. Das war seine selbst gestellte Aufgabe: "Er soll schlank und geschmeidig wirken, stark und athletisch, er soll den Eindruck vermitteln, aufmerksam, wachsam, involviert und direkt zu wirken; zeitlos, würdevoll und reif”. Dabei war ihm zugleich die Aufgabe gestellt, einen Aar zu entwickeln, der sich nicht flach und zweidimensional präsentieren konnte, sondern "rundum sichtbar” sein mußte. Also versuchte er, eine dreidimensionale Skulptur zu entwickeln; nach seinen Worten eine, "die sowohl nach Westen wie nach Osten blickt”. Bei der Auswahl des Materials favorisierte Foster perforierte Metallschichten, die dem Adler den Anschein von Durchsichtigkeit geben sollten. Aber auch Leichtigkeit, damit er nicht zu dominierend im Plenarsaal wirkte.

Foster hat sich seinerzeit nachgerade mit Leidenschaft an diese Aufgabe gemacht. Aber die biederen Parlamentarier versagten ihm nach mehr als zweieinhalb Jahren Entwicklungsarbeit die Zustimmung.

 

 

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