Plakat der Aufführung

 

Zerrupfte Zecher können sich nicht erinnern

Die Bühne sieht aus wie eine Mischung aus Leichenschauhaus, noblem Krematorium und Krankenhaus. Die Vorhänge wollen nicht so ganz in die Atmosphäre passen. Am Boden einer Leichenrutschbahn stehen Blumen herum, an der Wand ist ein großes Kreuz installiert und vor einem Vorhang sehen die unnummerierten Füße eines Toten hervor, eben wie in einem Leichenschauhaus. Drei mit Schwesternhauben ausgestatte Pflegekräfte (Christoph Franken, Wiebke Mollenhauer und Camill Jammal) entfalten eine hektische Betriebsamkeit, dabei verkörpern alle nur Lenglumés Hausangestellte Justine. Zu seinem nicht geringen Entsetzen hat Lenglumé einen Mann angeschleppt – hat er vielleicht über Nacht das Lager gewechselt und ist homosexuell geworden? Aber nein, das ist Mistingue, ein ehemaliger Schulkamerad, gespielt von Felix Goeser. Der ist aufgeschwemmt – unterm weißen Unterhemd ist ein Kissen angeschnallt – und kraft einer Perücke wirkt das Gesicht, als habe man es mit einem Blasebalg aufgepumpt. Auch Michael Goldberg als Lenglumé erweckt den Eindruck von Zerrupftheit, er hat schwarze Hände und Mistingue hat sogar einen Frauenschuh in der Hosentasche. Der Verdacht, dass man etwas eminent Gesetzwidriges angestellt hat, wird durch eine Figaro-Nachrichtenmeldung bestätigt: Ein Kohlenmädchen, Trägerin des schmutzigen Heizstoffes, wurde ermordet. Die beiden unfreiwilligen Kompagnons fühlen sich schuldig und machen sich daran, alle Spuren und potentiellen Zeugen zu beseitigen.

 

Ein Hausdrachen im Haus des Chaos

Die Handlung nimmt grotesk-absurde Züge, für Lacher im Publikum ist gesorgt. Allerdings ist das nur ein Oberflächenhumor, der von bescheidener Lustigkeit ist, egal wie sich die Schauspielerinnen und Schauspieler abrackern. Eine positiven Eindruck hinterlässt Anita Vulesica als Lengumés Gattin, die mit scharfem Zahn und leichtem Buckel einen spießigen, aber originellen Hausdrachen stemmt. Die Regisseurin Karin Henkel, die zuletzt 2009 im DT mit ihrer hochkarätig besetzten, zur Einweihung der neuen Sitze aufgeführten Inszenierung Gefährliche Liebschaften gescheitert ist, zieht alles in die Karikatur, aber nicht ins anprangernd Satirische. Kritisiert wird im Grunde nur der Egoismus der Exzessfreunde, die vor allem auf ihr gesellschaftliches Ansehen bedacht sind und selbst vor Vertuschungsmorden nicht zurückschrecken. Mistingue, in einen Brachialrausch geraten, beseitigt die Figuren von Franken und Mollenhauer, aber später feiern die beiden eine Wiederauferstehung. Im Zuge des Überlebenskampfs und der Zeugeneliminierung wollen sich die beiden Zecher sogar gegenseitig auslöschen, bis sie erfahren, dass die Zeitungsmeldung zwanzig Jahre alt ist und nichts Kriminelles passiert ist. Alles ist gut, sie wurden nur wegen Volltrunkenheit in einen Keller gesperrt. Das Geschehen ist nur etwas für Zuschauer, die sich besonders leicht amüsieren lassen, vielleicht auch von Christoph Frankens angeklebtem, buschigem Moustache-Bart, der einmal herabfällt. Dazu wird intervallartig gesungen, Camill Jammal tut sich durch eine ungewöhnliche Eunuchenstimme hervor. Kopflastigkeit kann man der Inszenierung am wenigsten vorwerfen. Eher das unwillkürliche Einfrieren der kognitiven Anstrengungen. Eine lange Lebensdauer dieser Inszenierung ist sehr fraglich.

Die Affäre Rue de Lourcine
von Eugène Labiche
Deutsch von Elfriede Jelinek
Regie: Karin Henkel, Bühne Henrike Engel, Kostüme: Nina von Mechow, Musik: Arvild Baud, Dramaturgie: Claus Caesar, Hannes Oppermann, Licht: Cornelia Gloth.
Mit: Christoph Franken, Anita Vulesica, Michael Goldberg, Felix Goeser, Camill Jammal, Wiebke Mollenhauer.

Deutsches Theater Berlin

Premiere vom 17. Januar 2016
Dauer: ca. 95 Minuten, keine Pause

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