© Arno Declair

 

 

Die Nachtseite des Lebens

Das Publikum, die ganze Zeit von Nebel umwabert, fühlt sich in ein Atelier oder Mal-Studio versetzt. Ein großformatiges Bild von Tilo Baumgärtel wird auf eine mehrteilige Leinwand projiziert und von den Schauspieler*innen immer wieder übermalt. Ganz altmodisch tragen die Künstler schwarze Anzüge nebst Hut, als sei eine noble Beerdigungsgemeinschaft zusammengekommen. Leitern stehen bereit, damit die Akteur*innen auch an die oberen Stellen gelangen können. Die Zuschauer*innen werden Zeuge eines nie enden wollenden Schaffensprozesses, dessen Ziel der Weg ist, weil die Teilhabe am Malvorgang, an der überschäumenden Produktion vielversprechender als das Endergebnis ist. Peter René Lüdicke, der einmal buchstäblich im Regen steht, erweist sich als dilettierender Equilibrist und löscht sein eigenes Abbild. Tolle optische, gleichsam magische Effekte kommen dabei zustande, ein neues Kunstwerk entsteht im alten! Das ist noch das Beste an diesem Abend: Die Fähigkeit, Atmosphäre zu schaffen. Visuell wird gewissermaßen Leben erzeugt – und ist nicht alles Schaffen Leben? -, aber konterkariert wird das Ganze durch die Düsternis der ausgesuchten Texte, die nach einem vorgegebenen Rahmen in jeder Aufführung frei improvisiert werden. Die von den Figuren vorgebrachten Themen, jeder ist für eins zuständig, bleiben die gleichen, nur die Wortwahl ändert sich. Fragen werden aufgeworfen, wer wir sind und was wir hier wollen, aber immer mit einer finsteren Dimension im halb vorgefassten Urteil. Die Nachtseite des Daseins ist es, die Hartmann in klaren Konturen zu greifen sucht. "Wie, wenn ich selbst in Dunkelheit aufgelöst und eins mit ihr würde?"

 

Abenteuer, wahre und erdachte

Die Frage ist nur, ob sich die halb-philosophische Beschäftigung mit existentiellen Dingen bei einem Drama lohnt und zu wichtigen Erkenntnissen führt. Permanente Assoziationsketten, Bewusstseinsströme, Gedankensplitter, Wahnsinn und Wortspielereien machen noch keinen gelungenen Theaterabend aus. Weil es der Titel nahelegt, sucht man beinahe automatisch nach Ähnlichkeiten zwischen den beiden Hochstaplern. Klar, der Journalist irrt durch die Straßen von Oslo und lebt trotz einiger (erbärmlicher) Erlebnisse hauptsächlich innerlich, während Gynt, der Enge des Milieus überdrüssig und sich alles schönredend, in die Welt zieht und ein buntes Abenteurerleben führt. Beide flüchten vor der Realität, jeder auf seine Weise. Gynt landet als wohlhabender Mann in Marokko – der freie Mitarbeiter einiger Blätter befindet sich in Gedanken im Schloss der Prinzessin Ylajali, umgeben von zahlreichen Kostbarkeiten. Auch hat Hamsuns Antiheld einige Glücksgefühle, Zustände inneren Gehobenseins, ja der Allmacht, und dem wird im Text auch zart Rechnung getragen. Almut Zilcher hingegen hat sich mehr auf den Tod in all seinen Aspekten spezialisiert. Die Inszenierung ist ein angenehm vorbeirauschendes Kunstwerk, eine Aneinanderkettung ephemerer ästhetischer Befriedigungen – Anregungen liefert sie keine.

 

Hunger. Peer Gynt
nach Knut Hamsun und Henrik Ibsen
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Bild/Installation/Video: Tilo Baumgärtel, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Linda Pöppel, Almut Zilcher, Manuel Harder, Marcel Kohler, Cordelia Wege, Peter René Lüdicke, Linn Reusse, Natali Seelig, Elias Arens,

Edgar Eckert.

Deutsches Theater, Premiere vom 19.Oktober 2018.
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

 

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