Plakat der Aufführung

 

Nachbessern der Wirklichkeit

Es ist Weihnachten, aber nicht bei Pucher. Da Torvald (Bernd Moss) in einer Woche zum Bankdirektor aufsteigt, überbetont der Regisseur den exklusiven Lebensstil eines Karrieristen und parodiert damit gewisse Zuschärfungen in aktuellen Yuppie-Kreisen. Diese Überzeichnung hat allerdings keine komische Wirkung. Helmers modefixierte Frau Nora (Katrin Wichmann) wechselt ständig die Kleidung, als wolle sie sich ständig eine neue Note verleihen und eine neue Nuance auspacken. In dieser Warenwelt werden auch die Menschen zu Waren. Angesichts der Verdinglichung des Individuellen ist kein Platz für hehre Gefühle. Man lebt mehr für die Außenwelt, die nicht glitzerhaft genug sein kann. Stefan Pucher hat seinen unauslöschlichen Hang zur Verpoppung diesmal mit einem elitären Guss ohne Feinschmeckerqualitäten überzogen. Klar, dass die um sozialen Aufstieg bemühten, den gesellschaftlichen Absturz fürchtenden Figuren zum Retuschieren und Nachbessern der Wirklichkeit neigen. So Nora, die ein Darlehen Krogstads mit einer gefälschten Unterschrift ihres Vaters erhält, und so Krogstad selber, der in jener Bank, in der Helmer Direktor wird, ebenfalls fleißig fälschte und deshalb entlassen werden soll. Krogstad, von Moritz Grove hingelegt und mit einer lockigen Katastrophenperücke versehen, ist ein recht unappetitlicher Mensch, der seine Klebrigkeit nicht durch feine Anzüge übertünchen kann.

Zwischen BWL-Duktus und infantilisiertem Englisch

Was soll man zu Petras' Text sagen? Er verwendet gern Anglizismen, die viele BWL-Studenten auch nach ihrem Uni-Abschluss nicht ablegen, um ihre mediokren Sätze geistig aufzuplustern, wie es bei Marketing-Strategen üblich ist. Leider gerät Helmers Sprache gelegentlich in ein infantilisiertes deutsch-englisches Gebräu, das heute 15-jährige Schüler für besonders cool halten. Wenn man unter sich ist, wird es auch mal etwas rotzig und derb, etwa beim Kulminationspunkt des Abends. Nach der Offenbarung von Noras Urkundenfälschung gerät Bernd Moss in einen veritablen Wutanfall, der zu seiner stärksten Leistung gehört. Eine hypertrophe Dreckschleuder, angefüllt mit Gram und unheiligem Zorn. Katrin Wichmann, mal Venus im Pelz, mal hochgezüchtetes Hausweibchen mit verstreut tragischen Blicken, lässt's an sich abprallen und verduftet in zweifacher Hinsicht. Daniel Hoevels als todgeweihter Doktor Rank irrlichtert wie verstrahlt durch die Szenerie und Frau Linde scheint aus dem verordneten Selbstoptimierungszwang am meisten für sich herausgeholt zu haben. Tabea Bettin, vom uferlos verschmockten Regisseur gern und häufig eingesetzt, trägt zumeist die Sinne affizierende Kurzhöschen unterm eleganten Ledermantel und steht auf unverlorenem Posten. Bei einem solch kunterbunt angelegten Abend dürfen die Frauen mit großer Geste wiederholt Mainstream-Songs singen, die sich gar nicht einmal schlecht anhören. Auf der Rückwand sind Videobilder projiziert, ganz in schwarz-weiß gehalten: "Nora" in seiner historischen, klassischen Version als Kontrapunkt zur brandneuen Fassung. Katrin Wichmann ist zurechtgemacht wie Hanna Schygulla in einem Fassbinder-Film und Moss ist ein Ausbund an aalglatter Seriosität. Stefan Puchers Inszenierungen leben von permanent wechselnden Bildsequenzen, von der Dauerbespülung und versuchten Betörung des Sinnesapparats. Mitunter kommt ein Halbrausch zustande. Hier also die Ökonomisierung der Liebe. Romantik in einer bescheidenen, aber anheimelnden und beschaulichen Kerzenschein-Hütte gibt es nicht mehr. In derart obsessiven, konsumbefeuerten Zirkeln existiert nur eine exklusive Marktromantik. Liebe mit Warencharakter eben. Zum Glück ist das nur eine überschaubare Gesellschaftsszene. Verschenkt ist Puchers verkrampft versuchte Aktualisierung nicht. Sie ist jederzeit sehbar, aber nicht sehenswert.

Nora
von Henrik Ibsen

für die Bühne neu eingerichtet von Armin Petras
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Meika Dresenkamp, Licht: Matthias Vogel, Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Katrin Wichmann, Tabea Bettin, Bernd Moss, Moritz Grove, Daniel Hoevels.

Deutsches Theater Berlin

Premiere vom 4. Dezember 2014
Dauer: 75 Minuten, keine Pause

 

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