Ulrich Matthes

© Arno Declair

 

Zwei gegensätzliche Mediziner streiten sich

Der wohlmeinende Regisseur Stephan Kimmig, sich in dieser Inszenierung stark zurücknehmend, hat in Katja Haß eine Frau, die gleichzeitig Bühnenbildnerin ist. Blickt man auf die Bühne, so fühlt man sich wie in einem Museum, besser: in einer bilderlosen Empfangshalle, einem Vestibül. In diesem provisorischen Halbpalast herrschen keine Dynamik und erst recht keine Häuslichkeit, als seien die Figuren vor der Zeit ins Museale entlassen worden. Eduard (Ulrich Matthes) und seine professionell Arien singende Gattin Charlotte (Anja Schneider) streiten sich gerne und viel, versöhnen sich auch wieder, ohne dass trotz aller Umarmungen das fundamentale Kuschelbedürfnis einer Seelengemeinschaft zu erkennen wäre. In diese fragwürdige Lebenskombination bricht Eduards einstiger Studienkollege Michael (Paul Grill) ein, dessen medizinische Aufgabe im "Krisengebiet" es war, teilweise amputierte Kriegsversehrte einigermaßen wiederherzustellen und vor der Verwesung zu bewahren. Ein Schönheitschirurg, der im Westen Berlins ein wohlsituiertes Leben führt, prallt auf einen humanistisch gesinnten Chirurgen, der sich berufsleidenschaftlich der Opfer der westlichen Gewalt annimmt. Plakativer könnte die Gegenüberstellung kaum sein, und so verhalten sich die Figuren – westliche Wohlstandseitelkeit gegen Armutsbekämpfung - in ihren aggressiven Disputen denn auch. Matthes, der sich am wenigsten umziehen muss, hat genug Gelegenheit, seinen mimischen und sprachlichen Fastperfektionismus zu manifestieren. Seine Figur Eduard lässt sich aus Erfrischungsgründen mit dem Jungbrunnen Lilly (Linn Reusse) ein, die aussieht wie eine 80er-Jahre Dance-Queen der New-Wave-Szene, aber zugleich mit metaphysischen und innerlichen Problemen zu ringen scheint.

 

Der satte Westen und seine Probleme

Nach der Pause der dreistündigen Inszenierung flacht das Niveau ab, Kimmig hat ein wenig zu viel Klamauk arrangiert. Es tauchen die Eltern von Lilly auf, etwas elitär und erhaben, aber ohne Geschmack. Birgit Unterweger, durch ihre Schönheitsschminke schwer zu erkennen, redet nur Englisch, während ihr Mann Marek (Andreas Pietschmann) affektiert von seiner künstlerischen Fluchtburg schwadroniert. Alle wollen sie Seelen retten, obwohl man keine eigene hat, bestenfalls eine angelegte. Die Gegensätze befruchten sich nicht und führen nicht zur inneren Einkehr, im Gegenteil, die Fronten werden verhärtet. Die Dialoge sind ihren besten Momenten espritreich und amüsant, fallen aber wieder ab und versanden in einer zähen Sprachbeliebigkeit, die zur unerquicklichen Streckung des Stückes führt. Geistige Verwahrlosung im Wohlstand? Nun, es gibt verstreut derartige Exponenten, aber das Ende des Westens ist das noch lange nicht. Immerhin, Moritz Rinke hat ein Problem der westlichen Saturiertheit angesprochen, die die Augen vor den Verwicklungen in der scheinbar abgehängten Welt verschließt. Bedauerlicherweise geht die Inszenierung nicht in die Eingeweide, nicht ins Herz auch, dafür ist sie zu oberflächlich. Aber gute Schauspieler-Leistungen sind das allemal.

 

Westend
von Moritz Rinke
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Dramaturgie: Bernd Isele.
Mit: Anja Schneider, Ulrich Matthes, Birgit Unterweger, Linn Reusse, Paul Grill, Andreas Pietschmann.
Deutsches Theater Berlin, Uraufführung vom 21. Dezember 2018
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

 

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