Die Orientierung der Sonnenblumen an der Sonne

Sonnenblumen – ihre botanische Bezeichnung "Helianthus annuus" leitet sich von den griechischen Wörtern helios (Sonne) und anthos (Blume) ab - sehen nicht nur wie kleine Sonnen aus, weil ihre Blütenblätter wie Sonnenstrahlen leuchten, sie haben auch eine ganz direkte und innige Beziehung zur Sonne. Denn Sonnenblumen drehen ihre Blütenköpfe jeden Tag von Osten nach Westen, folgen also mit ihrem Blütenstand dem Lauf der Sonne. Aber vielleicht noch erstaunlicher ist es, dass die Sonnenblumen es in der Nacht schaffen, die Blütenköpfe nach Osten zurückzudrehen, damit bei Sonnenaufgang das Spiel von vorn beginnen kann.

Der Stoff, der die Orientierung der Sonnenblumen an der Sonne bewirkt, wird Auxin genannt. Bei Menschen und Tieren würde man hier von einem Wachstumshormon sprechen. Das heißt: Auxin wird in dem Teil des Blütenstandes gebildet, der weniger Licht erhält, und lässt die im Schatten liegende Seite des Blütenstandes schneller wachsen als die direkt von der Sonne bestrahlte. Auxin sorgt mit anderen Worten dafür, dass die Pflanze auf der beschatteten Seite schneller wächst, und durch dieses ungleichmäßige Wachsen wendet sich der Blütenstand der Sonne zu. Man kann auch sagen, dass nachts die westliche Seite der Blume stark wächst, so dass sich der Kopf nach Osten dreht, und am Tage die östliche, so dass sich der Kopf nach Westen dreht.

Die Bewegung der Blütenköpfe selbst wird von Motorzellen im Pulvinus, einem flexiblen Segment des Stamms unterhalb der Knospe, ausgeführt. Diese Eigenart der Pflanze, sich dem Sonnenlicht zuzuwenden, nennt man Heliotropismus. Der Heliotropismus ist bei der Sonnenblume die Basis für die sogenannte Photomorphose. Das heißt: Bei der Sonnenblume laufen durch den Umweltfaktor Licht bestimmte Entwicklungsprozesse ab, die zur Ausbildung ihrer typischer Merkmale führen. Durch Heliotropismus bzw. Photomorphose kann die Blume mehr Energie aufnehmen und deshalb besser wachsen. Bei ausgewachsenen Sonnenblumen, bei denen die Blüten ganz geöffnet sind, ist der Drehimpuls folglich nicht mehr erforderlich und kommt zum Erliegen. Die Sonnenblume kann also das Sonnenlicht besonders gut verwerten, aber für ein optimales Wachstum benötigt sie auch viel Licht.

Die Schwester der Sonne

Die Schwester der Sonne (Bild: geralt/pixabay.com)

Anbau und Nutzung der Sonnenblumen

Die Sonnenblume war ursprünglich in Nord- und Mittelamerika beheimatet. Spanische Seefahrer brachten Sonnenblumensamen im 16. Jahrhundert nach Europa, wo die Sonnenblume zunächst als Zierpflanze angebaut wurde. Bald fand man jedoch heraus, dass die Sonnenblume nicht nur schön aussieht, sondern auch eine wirklich nützliche Pflanze ist. Wahrscheinlich hatte man beobachtet, dass der Samen der Sonnenblumen, also die Kerne, die sich aus den braunen Röhrenblüten in der Mitte des Blütenkorbs entwickeln, von Vögeln sehr gerne verzehrt wird, hatte deshalb den Samen näher untersucht und dadurch seinen Nutzen für verschiedenste Zwecke entdeckt. So reicht das Spektrum der Verwendungszwecke von der Nahrungsmittelproduktion über die Verwendung in Medizin und Pharmazie bis zur Verwendung in industriellen Fertigungsprozessen.

Ich möchte hier nur einige Bereiche, die mir besonders wichtig erscheinen, herausgreifen. Und zwar gelten Sonnenblumenkerne, weil sie einen hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren und die Vitamine A, B, E und F sowie Karotin, Calcium, Jod, Lezithin und Magnesium enthalten, als wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung. Ferner bestehen Sonnenblumenkerne zu 20 Prozent aus Eiweiß, so dass in 100 Gramm Sonnenblumenkernen mehr Eiweiß steckt als in einem Steak. Deshalb ist auch die Verwendung des aus den Kernen gewonnenen Sonnenblumenöls sehr empfehlenswert. Hervorzuheben ist ferner die Giftbindefähigkeit des Sonnenblumenöls und der Sonnenblume selbst. So wird zum sogenannten Giftziehen ein Esslöffel Sonnenblumenöl in den Mund genommen, ein paar Minuten "gekaut" und dann ausgespuckt. Kontaminierte Böden werden durch den Anbau von Sonnenblumen entgiftet. Das heißt: Sonnenblumen haben die außergewöhnliche Fähigkeit, Giftstoffe aus dem Boden aufzunehmen, sie umzuwandeln und zu absorbieren. Ferner bindet eine große Pflanze pro Tag das in einem Raum von 100 Kubikmetern vorhandene Kohlenstoffdioxid.

Sonnenblumenöl (Bild: Benjamin Klack/pixelio.de)

Sonnenblumenkerne (Bild: Lichtbild Austria/pixelio.de)

Die Sonnenblume und die Mathematik

Die braunen Röhrenblüten der Sonnenblüte sind spiralförmig angeordnet, wobei die Anzahl der Spiralen einem mathematischen Gesetz folgt, das von dem italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci (etwa 1170 bis 1240) erdacht worden ist. Das heißt: Die Anordnung der Röhrenblüten richtet sich nach den Gliedern der sogenannten Fibonacci-Folge 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, ..., bei der jedes Glied die Summe der beiden vorangehenden ist. Und bildet man nun das Verhältnis zweier aufeinanderfolgender Fibonacci-Zahlen, so nähert sich diese Zahl dem Verhältnis des sogenannten Goldenen Schnitts, der der Aufteilung einer Fläche oder Strecke im Verhältnis von etwa 3: 5 entspricht. Der Goldene Schnitt impliziert also ein asymmetrisches Teilungsverhältnis, und der Mensch empfindet ein solches Teilungsverhältnis erwiesenermaßen als sehr harmonisch aber auch als natürlich, also in Übereinstimmung mit der Natur. Ferner hat sich gezeigt, dass die Pflanze durch die spiralförmige Struktur des Blütenstandes gemäß den Prinzipien des Goldenen Schnitts die beste Lichtausbeute erzielt.

Die Sonnenblume als Symbol

In alten Kulturen hatten die Sonne und die Sonnenblume als ihre "Schwester" eine große Bedeutung als religiöse Symbole. So galt bei den Inkas und Mayas die Sonnenblume als Abbild ihres Gottes, und auch die Azteken verehrten die Sonnenblume. Die Priesterinnen ihrer Sonnentempel wurden als Zeichen dieser Verehrung mit Sonnenblumen gekrönt. Bei den Babyloniern, Ägyptern, Griechen und Römern gab es ebenfalls Sonnengötter. Spuren einer religiösen Verehrung der Sonne und der Sonnenblume gibt es aber auch im Christentum. So gilt im Christentum die Sonnenblume als ein Symbol der Lebenskraft. Ostern, eines der ältesten Feste der Christenheit, hat seinen Ursprung in einem Sonnenfest! Das Wort "Ostern" geht zurück auf den Ostpunkt, an dem die Sonne zu Frühlingsanfang aufgeht. Man kann auch sagen: Die aufgehende und strahlende Sonne steht für Ostern und Auferstehung. Und selbst die Geburt Jesu Christi hängt kalendarisch mit einem Sonnenfest zusammen. Denn die Christen erkoren den "Geburtstag der Sonne", nämlich den 25. Dezember und damit den Tag der Wintersonnenwende, zu seinem Geburtstag. Letztlich wird Jesus Christus selbst mit der Sonne verglichen. Aber auch in den asiatischen Religionen und im Islam symbolisiert das Sonnenlicht Göttliches und Schöpferkraft. Genau genommen gibt es also in den meisten Religionen und damit auch noch in den modernen Kulturen Sonnengötter und die Verehrung der Sonnenblume als deren Abbild. In modernen Gesellschaften hat die Sonnenblume aber auch eine große Bedeutung als politisches Symbol. So haben die internationale Umweltbewegung und die aus dieser hervorgegangenen "grünen Parteien" die Sonnenblume zu ihrem "Erkennungszeichen" erkoren, und zwar deshalb, so könnte man vermuten, weil die Sonnenblume eine intakte Natur symbolisiert und Heiterkeit und Optimismus ausstrahlt.

Die Sonnenblume und die Liebe

Ich möchte hier über ein Drama aus der griechischen Mythologie berichten, über das der römische Dichter Ovid ein Gedicht verfasst hat. Und zwar geht es hier um die tragische Geschichte der schönen Clytie. Diese hat sich nämlich in den Sonnengott Apollon verliebt, aber Apollon erwidert ihre Liebe nicht, er liebt ihre Schwester Leucothoe. Schweren Herzens setzt sich Clytie daraufhin nackt auf einen Felsen, isst und trinkt nichts mehr und beobachtet neun Tage lang Apollon, wie er die Sonne täglich in seinem goldenen Wagen von Osten nach Westen zieht. Schließlich verwurzelt ihr tiefer Liebesschmerz sie fest mit dem felsigen Boden, sie verfärbt sich gelb und braun und wird zur Sonnenblume, die ihre Blüte stets nach der Sonne dreht und so ihre tiefe Liebe zu Apollon bewahrt. Diese Geschichte offenbart die Bedeutung der Sonnenblume als Zeichen ewiger oder verschmähter Liebe.

Fazit

Ich habe versucht, die Geheimnisse der Sonnenblume zu lüften, um zu zeigen, dass sie eine wirklich einzigartige Pflanze ist. Und zwar ist es die Verbindung bestimmter biologischer Merkmale mit Schönheit und Nützlichkeit und mit ihrer Bedeutung als Symbol, die die Sonnenblume zu etwas ganz Besonderem macht.

Bildnachweis

  • Benjamin Klack/pixelio.de
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Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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