Altes Wissen über tote und lebende Materie

Wer sich in das Denken einiger Naturvölker hineinversetzt, kann nachvollziehen, warum Pflanzen für sie eine Seele haben. In der westlichen Denkweise liegt jedem Wesen ein materieller Ursprung zugrunde. Manche Kulturen betrachten dies anders. Alles auf der Welt Existierende hat für sie einen geistigen Ursprung. Bevor etwas wird, muss es die Idee dazu geben. Nordamerikanische Naturvölker gehen von einem allumfassenden Geist aus, der sich in den Dingen manifestiert. Es existiert zuerst der Gedanke und dann wird aus diesem das tatsächliche Sein. Alles Stoffliche ist die Folge eines Zum-Sein-Gelangens von spiritueller Energie. Das ist eine Herangehensweise, die sich deutlich vom Materialismus unterscheidet. 

In anderen Kulturen findet man ähnliche Auffassungen. Aristoteles und einige Philosophen der Antike unterschieden zwischen der irdischen, chaotischen, ungeformten Materie und einer ordnenden, gestaltenden Lichtkraft, dem Kosmos. Sie gingen davon aus, dass die tote Materie verlebendigt und beseelt wird, wenn die kosmischen Kräfte das dunkle Chaos durchdringen. Betrachten wir Pflanzen unter diesem Gesichtspunkt, so sind sie Vermittler zwischen Chaos und Ordnung. Sie beleben mit Hilfe der Lichtenergie die leblosen Urelemente Feuer, Luft, Wasser und Erde, so dass diese auch Tieren und Menschen zur Verfügung stehen. Mit ihren grünen Blättern kann jede Pflanze als Lichtfalle gesehen werden. Sie verwandeln Sonnenlicht, Wasser und Kohlenstoff in organische Materie, konkret pro Jahr auf der Erde etwa 20 Milliarden Tonnen vom Kosmus durchdrungene, beseelte Masse.

Für die alten Inder waren Pflanzen hochentwickelte Wesen, die sich fest in der Erde verwurzelt den kosmischen Energien von Sonne, Mond und Sternen hingaben. Sie opfern sich später selbst als Nahrung für Mensch und Tier. Diese Sichtweise macht verständlich, warum es für Naturvölker so wichtig ist, Nahrungspflanzen ihrem Wesen nach anzubauen und sie als Speise mit großer Sorgfalt zuzubereiten. Hier geht es um mehr als Kalorienmenge und Vitamingehalt. Hier geht es um Religion, um Götter und Geister und sogar um die Verbindung mit den Ahnen.

Pflanzen schwingen auf individuelle Weise

Die Sonne als Lichtquelle strahlt je nach Jahres- oder Tageszeit und abhängig vom Ort des Betrachters eine andere Energie aus. Demensprechend hat jede Pflanze eine eigene charakteristische Schwingung inne, die sie auf den Menschen überträgt. 
Ob kühl oder heiß, schattig oder in voller Sonne, jede Pflanze gibt ihren inne liegenden Energiezustand weiter. Viele Nahrungspflanzen, zum Beispiel Getreide und Obst, wachsen im harmonischen Einklang mit dem Jahreszyklus der Sonne. Sie wirken auf den Menschen harmonisierend und aufbauend. Andere Pflanzen dagegen, wie Herbstzeitlose und Nieswurz, blühen entgegen diesem Zyklus im späten Herbst oder Winter. Solche Pflanzen sind oft giftig und stören den natürlichen Körperrhythmus des Menschen. Durch ihre spezifische Aufnahme von kosmischer Energie sind einige Pflanzen besonders als Heilmittel, andere besser als Nahrungsmittel und wiederum manche zum Färben geeignet. Die Medizinmänner der Indianer, die alten Inder oder auch die Schamanen der Naturvölker wussten um diese Eigenschaften. Sie wussten, dass sie durch eine abwechslungsreiche pflanzliche Nahrung im besseren Einklang mit der Natur lebten. Für sie war es selbstverständlich, das zu essen, was ihnen die Natur im Laufe des Jahresrhythmus in ihrem Lebensraum bot.

Heute ist Obst und Gemüse anders als früher

Vergleicht man unsere heutigen Essgewohnheiten mit den früheren, ist nicht zu übersehen, wie sehr sich diese verändert haben. Im Supermarkt liegen Chinakohl aus Ostasien, Tomaten und Bohnen aus Südamerika, Topinambur aus Nordamerika, Auberginen aus Indien und Okra aus Schwarzafrika. Viele dieser Pflanzen sind zu Riesen gezüchtet, Bitter- und Giftstoffe wurden heraus selektiert, Dornen und Stacheln sind nur noch an den Wildformen zu finden. 

Wolf-Dieter Storl stellt in seinem oben genannten Buch die provokatorische Frage, ob sich der Mensch die Pflanzen unterworfen hat. "Doch vielleicht waren es die Pflanzen, die den Menschen überlistet haben, für sie zu sorgen und sie großflächig anzubauen?" Ist der Gartenbau wirklich ein Fortschritt gegenüber dem Wildbeutertum? Kulturanthropologen und Ethnobotaniker betonen, dass sich die primitiven Jäger und Sammler und sogar Wildbeuterstämme aus kargen Steppen und Wüsten mit weniger Arbeit ausgewogener ernährten als der Mensch heute. "Die ganze Landschaft ist ihr Garten, die Götter und Naturgeister sind die Gärtner." Trotzdem kehren wir nicht zum Wildbeutertum zurück. Rund sieben Milliarden Menschen können sich nicht wie Jäger und Sammler ernähren. Angesichts zahlreicher Krankheiten, die auf falsche Ernährung zurückgehen, lohnt es jedoch nachzudenken, wie sich altes Wissen mit gegenwärtigen Notwendigkeiten verbinden lässt. Rund 90 Prozent der Weltbevölkerung ernähren sich von nur 20 verschiedenen Pflanzenarten. In Amerika werden im Durchschnitt etwa 30 Pflanzen verzehrt, obwohl das Land circa 15.000 essbare Gewächse aufweist. Wie unsere Nahrungspflanzen produziert werden, dürfte der Pflanzenhölle entsprechen. Im schlimmsten Fall erhalten Salat, Erdbeeren oder Tomaten nur noch künstliches Licht. Das Urelement Erde wird durch Kunststoff ersetzt und Wasser mit Dünger angereichert exakt dosiert. Den menschlichen grünen Daumen haben Computer abgelöst. Nach altem Glauben dürften sich die Seelen dieser Wesen nach früheren Zeiten sehnen.

Der Gärtner kann mit seinen Pflanzen reden

Am einfachsten haben es all jene, sich auf altes Wissen zu besinnen, die ein eigenes Stück Scholle bewirtschaften können. Sei es noch so klein, für einige Kräuter und Gemüse reicht es. Erschreckend nur, wenn auch hier entgegen dem Wesen der Natur gehandelt wird. Der Bauernphilosoph Arthur Hermes (1890 bis 1986) schildert es so: "Die mit Kunstdünger aufgepäppelten Gemüse sind schwerer, wässriger, sie saugen sich mit Materie voll, … sie enthalten weniger Lichtkräfte. Licht wiegt zwar nichts, macht aber die Qualität aus, die Haltbarkeit, die Nährkraft, die Fortpflanzungskraft. Kunstdüngergemüse … ist den ordnenden, kosmischen Lichtkräften gegenüber abgestumpft und macht uns eher dumpf und chaotisch." Es liegt in der Hand des Gärtners, wie er mit seinen Pflanzen umgeht. 
Für diesen und den bewusst essenden Menschen hat Wolf-Dieter Storl 50 Gartengemüse porträtiert, darunter Guter Heinrich, Portulak, Feldsalat, Pastinak, Taglilie und viele andere. Storl sammelte alte Mythen, Sagen, Bräuche, ethnobotanisches und kulturhistorisches Wissen. Aber auch neueste medizinische Erkenntnisse fließen mit ein. Ergänzt werden seine Ausführungen durch schmackhafte Rezepte des Kochkünstlers Paul Silas Pfuhl.

Autor seit 5 Jahren
128 Seiten
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