"Als er ging, war er ein Fremder…"

Sieben Bundestagsabgeordnete standen zuletzt bei den Auftritten in Berlin auf der Bühne. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrike Mehl, ein Temperamentbündel, war unter den Akteuren die treibende Kraft. Politikrentner Eckart Kuhlwein, auch ein Sozi, zeichnete für die meisten Texte verantwortlich. Die "Wasserwerker" sangen zur Schunkel-Melodie "An der Nordseeküste" ihr Spottlied: "In Berlin im Reichstag, direkt an der Spree - was die einen im Kopf haben, haben die andern im Tee". Natürlich nahmen sie auch die in jenen Monaten bekannt gewordenen Kokain-Funde im Reichstag aufs Korn: "SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Struck (den sie schon früher als den 'kahlen Peter' besungen hatten) war bei seiner letzten Rede nicht gedopt". Er stehe für einen Haartest bereit. Als sich das Kabarett in Bonn verabschiedete und der Bundestag in den Berlin-Umzug startete, sang die Parlamentarier-Truppe den Song vom unbekannten Hinterbänkler: " ...Als er ging, war er ein Fremder, und er glaubte nicht daran, dass ein Mensch, der viel verloren, einmal neu beginnen kann". Sie haben zeitweise, auf begrenzte Zeit, erfolgreich an neuem Ort begonnen.

"Lovely Rita" hatte den Anstoß gegeben

Das Lied vom umziehenden unbekannten Hinterbänkler war ursprünglich 1992 dem Bonn-Umzug des Bundestags aus dem Provisorium Wasserwerk in den neu gebauten Plenarsaal gewidmet. Seinerzeit, bei diesem Standortwechsel über eine Distanz von 300 Metern, hatte "lovely Rita" Süßmuth, die amtierende Bundestagspräsidentin, eine Idee: Sie ermunterte Manfred Richter, den damaligen FDP-Fraktionsgeschäftsführer und Amateurkabarettisten bei den Bremerhavener "Müllfischern", eine interfraktionelle Truppe auf die Beine zu stellen. Zur kabarettistischen Untermalung des Umzugs mit selbstgemachter, handverlesener Abgeordnetenkultur.

Die Pointen kamen aus dem Papierkorb

Die Truppe stand schnell - überparteilich und interfraktionell: Gerlinde Hämmerle, der Plenarbau-Experte Peter Conradi, der nordisch-linke Kuhlwein, Jürgen Koppelin, Jella Teuchner - und Ulrike Mehl. Ihr Startlied: "Wir sind die Wasserwerker aus Ritas Parlament, wir sind die Wasserwerker und liegen voll im Trend...". 33 Auftritte haben sie in Bonn lebend überstanden, und dann ging es in Berlin weiter. Wenn die Wasserwerker auf Pointensuche gingen, dann brauchten sie nur den Schreibtisch auszumisten oder den Papierkorb umzudrehen. Unmögliche Wortverdrehungen, unerreichten Anekdoten, unsinnige Anträge, wortklauberische Geschäftsordnungsan- und beiträge: Der Bundestag bot und bietet alles frei Haus.

Lust und Frust des Parlamentariers besungen

Die Wasserwerker besangen Lust und Frust des Parlamentariers, interfraktionell - und wenn bösartig, dann mit einem Augenzwinkern. Den Kollegen von CDU und CSU brachten die "Sozen" bei, wie gut man Arbeiterlieder auch grölen kann; die Linken lernten von den Rechten, wie man Steuerreformen finanziert: "Dann verkaufen wir fünf Liegenschaften, die der Waigel noch nicht verscherbelt hat; nämlich Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen...".

Berlin war nicht mehr der rechte Ort

Insgesamt betrieben die Wasserwerker mit jedem Auftritt ein gut Stück Selbsttherapie zum Nutzen des Parlaments. Als sie 1992 starteten, gab es hinhaltenden Widerstand aus der Union. Mit dem Ergebnis, dass die Eröffnungsveranstaltung im Fraktionssaal der CDU/CSU stattfand. In Berlin aber gingen ihnen bald die Pointen aus. Der Ort war nicht danach, die Zeitenläufte auch nicht mehr.

 

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