Wir haben uns einer erbarmungslosen Tyrannei ausgeliefert

Naturwissenschaften, Philosophie und Religion haben sich intensiv mit der Zeit beschäftigt. Der Ertrag ist überschaubar. Wir bekommen die Zeit nicht in den Griff, es ist vielmehr umgekehrt, Das Informationszeitalter hat uns nicht etwa von der Diktatur der Zeit befreit, sondern uns ihr noch mehr unterworfen. Sich in seiner Allmacht sonnend, lässt der Tyrann seine Muskeln spielen. Nur wenige wagen es, gegen ihn aufzumucken.

Die Internettechnologie lässt inzwischen Rechner rund um die Welt im gleichen Rhythmus ticken. Die gute alte Uhr verschwindet allmählich aus unserem Alltagsleben. Die musste man noch stellen. Die konnte auch mal stehen bleiben. Dann musste man nach der Zeit fragen, mit realen Menschen kommunizieren. Nun haben wir das Mobile. An das wir uns klammern, um ja nichts zu verpassen. Das uns bei jedem Blick auf den Bildschirm digital daran erinnert, was die Stunde geschlagen hat.

Auch unser Denken nähert sich dem digitalen 0-1-0-1 an. Es fällt uns immer schwerer, unser Denken und Fühlen von dem erbarmungslosen Fortschreiten der Sekunden und Minuten zu lösen. Unsere ganze Existenz ist zeitgebunden und nur in der Zeit vorstellbar. Wie also könnten wir die Zeit in Frage stellen? Eher könnten wir Gott zur Disposition stellen als die Zeit.

Oder ist die Zeit nur eine Illusion?

Dabei wird von der Zeit zu sprechen, der Sache nicht gerecht. Nicht nur hat jedes Individuum seine eigene Zeitvorstellung, es gibt auch unterschiedliche Zeitqualitäten: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft sind die gebräuchlichsten. Aber es gibt auch den Zeitpunkt und die Zeitlosigkeit. Die Langeweile und den Stress. Wir können Zeit totschlagen und unter Zeitdruck stehen. Es gibt einen Zeitplan und Zeitmanagement. Den Zeitraum und die Hochzeit. Es gibt die verlorene Zeit und die Teilzeit. Das Kurzzeit- und das Langzeitgedächtnis.

Sein Verhältnis zur Zeit hat der Mensch exklusiv. Tiere und Pflanzen haben kein Zeitgefühl. Sie haben allenfalls ein Gedächtnis. Die Idee, dass Zeit vergeht, plagt sie nicht. Um die Zukunft scheren sie sich nicht. Sie würde ihnen auch nur Angst machen. Die Esoteriker versuchen uns davon zu überzeugen, dass wir nur im Moment leben und uns darauf voll konzentrieren müssen. Aber wie soll das gehen mit einem randvollen Terminkalender? Mit Partnern, die einem die Ohren voll jammern, was man gestern - oder war es vorgestern? - wieder alles verkehrt gemacht hat.

Was also ist die Zeit? Ein Wesen? Ein Ding? Ein Prinzip? Vielleicht bilden wir sie uns nur ein und sie ist eine Schimäre.

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