Edgar Wallace als Mentor und erste Filme

Geboren wurde Carol Reed am 30.12.1906 in London und wurde in einer typischen englischen Privatschule unterrichtet. Er begann als Schauspieler beim Theater, wechselte aber nach und nach ganz zur Regie über. Sein erster großer Mentor wurde Edgar Wallace. Dann folgte der Produzent und Regisseur Basil Dean, der ihn als Regie-Assistenten arbeiten ließ und für den Reed 1935 seinen ersten eigenen Film "Midshipman easy" drehte. Es folgten eine Reihe weiterer Filme, die zumeist positiv von Publikum und Kritik aufgenommen wurden.

Sein erstes Meisterstück wurde 1938 "Die Sterne blicken herab" (The Stars look down) mit dem jungen Michael Redgrave als studiertem Bergarbeitersohn, der für die Verstaatlichung der Kohleindustrie kämpft. Carol Reed bemühte sich hierbei um Authentizität bis ins letzte Detail. Besonders in Erinnerung bleibt das langsame, stille und heroische Sterben von eingeschlossenen Bergleuten am düsteren Ende des Films.

Director Carol Reed Sitting on the Set of His Movie "Odd Man Out" (Bild: Ian Smith / AllPosters)

Kriegspropaganda

Nach Filmen, die thematisch in die Kriegszeit passten und auch der moralischen Aufrüstung dienten, wandte er sich mit "The way ahead" (1943) dem Geschehen selbst zu. Dieses unterhaltsame Werk demokratischer Propaganda thematisiert die Probleme von eingezogenen Zivilisten angesichts der eher unkomfortablen, militärischen Disziplin. Nach den ersten Kampfhandlungen werden die eben ausgebildeten Soldaten im Nebel in eine ungewisse Zukunft entlassen. "The Beginning" steht folgerichtig am Ende des Films. Die Gemeinschaftsarbeit "The true Glory" (1944) ist eine Dokumentation der alliierten Invasion.

„Der dritte Mann“ – Die Nachkriegsmeisterwerke

Nach dem Krieg folgten direkt hintereinander die drei Meisterwerke, die die Basis der internationalen Berühmtheit Reeds darstellen. "Ausgestoßen" (1947) zeigt durch das in den Straßen Belfasts umherirrende, angeschossene Mitglied der IRA, Johnny MacQueen, eine der verlorensten und einsamsten Figuren der Filmgeschichte. Kameramann und Lichtexperte Robert Krasker schuf auf Wunsch von Reed die ausweglose, düstere, vom deutschen Filmexpressionismus und vom französischen, poetischen Vorkriegsrealismus beeinflusste Atmosphäre. Bei "Kleines Herz in Not" (1948), in dem zum ersten Mal bei Reed ein Kind ganz im Mittelpunkt steht, arbeitete er zum ersten Mal mit Graham Greene zusammen. Diese Kooperation wurde für "Der dritte Mann" (1949) wiederholt. Dieser Film ist Reeds allgemein bekannter und größter Klassiker. Allerdings verbindet sich der Titel dieses Films ebenso mit Orson Welles, dem, abgesehen von einer Veränderung seines Sprechtextes, manchmal auch eine technische Mitarbeit unterstellt wird. Dies entspricht sicher Wunschdenken und fehlender Anerkennung von Reeds Fähigkeiten. Denn auch der stilistisch ähnliche Film  "Ausgestoßen" entstand ohne Welles, der im Gespräch mit Peter Bogdanovich betont: "Es ist Carols Film."

"Der dritte Mann " (Trailer)
"Der dritte Mann" auf DVD
Der dritte Mann

Ein ungleiches Werk

Sein folgendes Werk stieß immer wieder auf vielstimmige Kritik. Die Joseph-Conrad-Verfilmung "Der Verdammte der Inseln" (1951) wurde als zu emotionslos kritisiert. Das Berlin-Spionagedrama "Gefährlicher Urlaub" (1952) schwächelt durch ein verworrenes Drehbuch und überzeugt vor allem durch die eingefangene Atmosphäre der geteilten Stadt. "Voller Wunder ist das Leben" (1954) aber ist ein gelungenes, rührendes Gegenwartsmärchen um einen kleinen Jungen. Das Zirkus-Melodram "Trapez" (1956) wurde zwar auch kein Kritiker-, dafür aber ein umso größerer Publikumserfolg. Trotz einer etwas zähen Liebesgeschichte wird der Film durch den visuellen Stil äußerst lebendig. Reed verstand es, das Breitwandbild besonders bei den Manegeszenen in allen Ebenen mit Leben zu erfüllen. "Der Schlüssel" (1958) überzeugt vor allem durch die Authentizität der Szenen auf hoher See. Der beste Film dieser Zeit ist der oft unterschätzte, ironische Spionagefilm "Unser Mann in Havanna" (1960), bei dem Reed noch einmal mit Greene zusammenarbeitete. "Der zweite Mann" (1963) (eigentlich: "The Running Man") bleibt trotz Krasker an der Kamera und gelungener Farbdramaturgie oberflächlich. "Michelangelo – Inferno und Ekstase" (1965) ist ein technisch perfekter Monumentalfilm. Mit dem Dickens-Musical "Oliver!" (1968) erreichte Carol Reed noch einmal den früher von ihm gewohnten Grad der Perfektion. Ein letztes Mal stellte er seine Fähigkeit unter Beweis, die vielen verschiedenen Teile einer Produktion zu einem brillanten, einheitlichen Ganzen zu vereinen. Es ist sicher eine der am wenigsten düsteren Oliver-Twist-Adaptionen. Fagin und der Dodger ziehen am Schluß frei und singend davon, denn: Verbrechen lohnt sich doch. Reed drehte noch zwei Filme: "Der Indianer" (1970) und "Ein liebenswerter Schatten" (1972).

"Unser Mann in Havanna" (Trailer)
"Unser Mann in Havanna" auf DVD
Unser Mann in Havanna

Kritische Bewertung

Rückblickend wird Reeds Werk durchaus unterschiedlich beurteilt, was auch an der jeweiligen Erwartungshaltung des Kritikers liegt. Da der Auteur-Begriff, d.h. die Frage nach dem persönlichen Stil und inhaltlichen Konstanten im Gesamtwerk, heutzutage eine große Rolle spielt, ist eines der größten Argumente gegen Reed seine Unpersönlichkeit. Michael Powell nannte ihn einen Uhrmacher. Natürlich finden sich auch in Reeds Filmen sich wiederholende inhaltliche und technische Elemente, denn er hatte Kontrolle über die technischen Details, kümmerte sich um Dekor, Licht, Schnitt und wählte, abgesehen von den ersten Jahren seiner Karriere, seine Stoffe selbst aus, so wie er an der Erstellung des Drehbuchs eng beteiligt war. Doch es hätte seiner innersten Überzeugung widersprochen, willentlich etwas von sich selbst preiszugeben. Ihn interessierte auch keine Politik, er wollte keine Aussagen treffen. Ebenso lehnte er es ab, sich zu wiederholen, betrachtete es fast als eine Aufgabe und Pflicht, sich in allen Genres und Stilarten zu versuchen. Er wollte technisch perfekte Unterhaltung schaffen, was ihm unbestreitbar gelungen ist mit seinem Werk, wobei mehrere unvergessliche Filme darunter sind. Für manche Engländer ist er der größte englische Regisseur. Einer der größten ist er sicherlich.

"Michelangelo - Inferno und Ekstase" (Trailer)

Wesen und Arbeitsweise

Carol Reed brauchte für sein Leben und Wohlbefinden die kontinuierliche Arbeit für den Film. Dann führte er ein konzentriertes, geregeltes Leben. Auf dem Set hatte er mit seiner ruhigen Art alles unter Kontrolle und arbeitete unaufgeregt mit Technikern und Schauspielern. Diese Wesensart (Zitat Orson Welles: "Britisch und nett") prädestinierte ihn übrigens für die Arbeit mit Kindern.

In den Intervallen zwischen den Filmen hingegen war er plan- und ziellos. Eine gewisse Schüchternheit und Zurückhaltung dem Gesellschaftsleben gegenüber zeichnete ihn aus. Seine Lieblingsbeschäftigung war das Beobachten von Menschen, um von ihren Eigenheiten für die Filmarbeit zu lernen. Überhaupt lebte er eigentlich nur für den Film und mochte auch über nichts anderes sprechen. Michael Redgrave meinte, dass er Kino esse, schlafe, trinke.

Carol Reed starb am 25.4.1976. Mit seiner zweiten Frau Penelope "Pempie” Dudley Ward hatte er eine Stieftochter und einen Sohn.

Bilder von den den Dreharbeiten zu "Oliver!"
Bei den Dreharbeiten zu "Kleines Herz in Not"

Director Carol Reed with Child Actor Bobby Henrey, Star of Michael Korda's Movie "The Fallen Idol" (Bild: AllPosters)

Director Carol Reed with Child ...

Director Carol Reed with Child Actor Bobby Henrey, Star of Michael Korda's Movie (Bild: AllPosters)

Director Carol Reed with Child ...

Director Carol Reed with Child Actor Bobby Henrey, Star of Michael Korda's Movie (Bild: AllPosters)

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