Anfänge als Komödienregisseur

Dabei hatte Ringo Lam Anfang der 80er mit Komödien begonnen, die zu der Zeit den Markt beherrschten. Nach fünf praktischen Lehrjahren beim Hongkong-Fernsehen und einem abgebrochenen Studium in Kanada, in dem er sich mit den theoretischen Seiten des Filmemachens beschäftigt hatte, war er 1981 wieder nach Hongkong zurückgekehrt und konnte froh sein, ab 1983 überhaupt Arbeit zu haben. Die Wende brachte dann die Action-Komödie "Aces go places IV" (1986), der vierte Teil der legendären "Mad Mission"-Reihe, die in den 80ern weltweit eine ganze junge Generation auf das Hongkong-Kino aufmerksam machte. Die Reihe ist auch Teil des Übergangs zur Vorherrschaft des Action-Films. Trotz Auseinandersetzungen mit Karl Maka, dem Hauptdarsteller, Studiochef und geistigen Vater der Reihe, der dafür sorgte, dass hier noch die Komödie die Oberhand über den Realismus behielt, durfte Ringo Lam nach diesem Erfolg einen Film ganz nach seinen Wünschen drehen.

New York Asian Film Festival 2015

NYAFF2015_HK_PressConference_0626201509 (Bild: ChairWomanMay / Flickr)

NYAFF2015_HK_PressConference_0626201503 (Bild: ChairWomanMay / Flickr)

Hong Kong Skyline Restitch - Dec 2007

Hong Kong Skyline Restitch - Dec 2007 (Bild: Diliff)

Eine Welt in Flammen

So konnte dann "City on Fire" (1987) mit Chow Yun-Fat entstehen, einem Freund aus Hongkonger Fernsehtagen. Der spielt einen nur nach außen immer heiteren Undercover-Polizisten, dem sein Job zusetzt, da er das letzte Mal einen Verrat an einem Freund begehen musste. Auch die Beziehung zur Verlobten, die ihn schließlich verlässt, leidet unter dieser Arbeit. Der Polizist wird gezwungen, seine Tätigkeit fortzusetzen und infiltrtiert eine Gangsterbande, die einen Juwelenraub plant. Wieder steht er zwischen Loyalität und Berufspflicht. Lams Menschen müssen sich in der realistisch gezeigten Großstadtwirklichkeit ohne Aussicht auf Erlösung durchschlagen. Romantisierung findet nicht im Stil oder der Handlung statt, sondern höchstens in den Figuren und ihren Gefühlen.

"Prison on Fire" (1987) wurde direkt anschließend schnell geschrieben und gedreht und war ein weiterer Erfolg. Ein Durchschnittsbürger landet wegen fahrlässiger Tötung im Gefängnis, wo er sich an die Regeln und ungeschriebenen Gesetze gewöhnen muss. Anfangs bekommt er viel Ärger wegen seiner Aufrichtigkeit. Dann findet er einen Freund in Chow Yun-Fat, der als gleichzeitig lustiger, harter, melancholischer und brutaler Insasse eine Paraderolle hat. Auch hier gibt es wieder eine Mischung aus Realismus und, durch Chow, eine Idealisierung von Freundschaft und Solidarität. Er ist der beste Freund, den der gute Bürger je haben wird, weshalb die Entlassung am Ende bei diesem ein sichtlich komisches Gefühl erzeugt. Es ist, als hätte er ein schlechtes Gewissen.

"School on Fire" (1988) zeigt ein von Brutalität infiziertes Schulsystem. Das gab Probleme mit der Zensur, die unzählige Schnitte verlangte, wenn der Film nicht ganz verboten werden sollte. Die hemmungslosen Schlägereien unter Schülern, der Einfluss der Triaden, Drogen, Schülerinnen als Prostiuierte, das Versagen der Polizei und der Autoritäten, das war einfach zu viel Wirklichkeit. Dass Lam den Film dann in einer Gewaltorgie enden ließ, macht den Wahnsinn des Films perfekt. Hier gibt es nicht einmal mehr Freundschaft und Loyalität.

Mit dieser sogenannten "On fire"-Trilogie zeichnete Lam nicht nur ein düsteres Bild der Gesellschaft, ob auf der Straße, in der Schule, im Gefängnis. Auch er selbst war zu der Zeit eher düster und bekannt für Wutanfälle am Set. Die verschafften ihm den Spitznanem "Dark-faced God", "dunkelgesichtiger Gott". Die politische Radikalität machte ihn auch in gewissen Kreisen sehr unbeliebt. In der Folge verzichtete er auf solche deutlichen, wütenden filmischen Statements.

City on Fire (Trailer)
Prison on Fire (Titellied von Maria Cordero)
School on Fire (Trailer)

Zwischen Auftrag und Anspruch

Lam drehte immer wieder auch solide Auftragsarbeiten, die das nötige Geld einbringen sollten. Dazu gehört die Fortsetzung "Prison on Fire 2" (1991), die auf Wunsch des Produzenten entstand. Mit Tsui Hark teilte Lam sich die Regie bei dem amüsanten Jackie-Chan-Film "Twin Dragons" (1992), in dem der Star eine Doppelrolle spielt. Mit Chans Kumpel Sammo Hung hatte Lam zuvor "Touch and Go" (1991) gedreht, auch eine Action-Komödie, bei der die komischsten Szenen die wettsüchtige Mutter des dicken Helden hat, die die angehende Schwiegertochter gymnastische Verrenkungen ausführen lässt, um zu sehen, wie gebärfähig diese ist. Auch den historischen Martial-Arts-Film fügte Lam mit "Burning Paradise" (1994), der von Altern, Tod und der Flucht ins diabolisch Böse handelt, seiner Filmografie hinzu. Im Ganzen sind dies alles unterhaltsame, technisch gut gefilmte, immer wieder auch sehr interessante Filme, doch heimisch war Lang weiterhin vor allem in persönlichen Action-Dramen.

"Wild Search" (1989) kommt dabei einer klassischen Liebesgeschichte am nächsten und hat tatsächlich ein Happy End für den Polizisten und die Schwester einer ermordeten Frau. Die Geschichte ist inspiriert von Peter Weirs "Der einzige Zeuge" (1985) - ein kleines Kind muss beschützt werden - allerdings sind die Übereinstimmungen trotz der ebenfalls ländlichen Schauplätze begrenzt. "Full Contact" (1992) ist der Film Lams, in dem Stilisierung und Action-Fantasie am meisten vorherrschen. Chow Yun-Fat reitet in einer Geschichte über Freundschaft und Verrat auf einem Motorrad durch den Großstadtdschungel. "Full Alert" (1997), Lams letzter großer Film, ist ein weiteres düsteres Werk, das aber eine distanziertere Haltung zur Gewalt einnimmt. Am Ende badet ein Polizist, der eigentlich nicht mehr töten wollte, wie in einem blutigen Alptraum im Rot der Polizeileuchten.

Wild Search (Trailer)
Full Alert (Trailer)
Full Contact (Trailer)

International: Jean-Claude Van Damme

Der Spionagethriller "Undeclared War" (1990) war Lams erster internationaler Film, der aber gleichzeitig sein vielleicht schwächster und leblosester Film wurde. Erst Jahre später verließ er noch einmal Hongkong und ging für Jean-Claude Van Damme nach Hollywood. Heraus kam "Maximum Risk" (1996). Dass Lam das Endprodukt nicht als seinen Film ansieht, liegt nicht zuletzt daran, dass auf Wunsch der Geldgeber die weibliche Hauptfigur sympathischer, also weniger ambivalent, gestaltet werden musste. Dabei leben Lams Filme vom Verzicht auf strahlende Helden. Bei ihm ist die Welt normalerweise eher grau; es gibt nur Anti-Helden. Vermutlich empfinden deshalb manche seine Filme völlig zu Unrecht als zynisch.

"Replicant" (2001) verschaffte Van Damme eine Doppelrolle als Serienmörder und dessen künstlich hergestelltem Doppel. Leider tendiert das Ganze mitunter unfreiwillig zur Komödie. Der in Bulgarien gedrehte und in Sibirien spielende Gefängnisfilm "In Hell" (2003) ist der interessanteste der drei Van-Damme-Filme, doch wirkt die Düsternis des Films leider etwas bleiern und statisch. Es fehlt die Dynamik von "Prison on Fire". Vielleicht blieb deshalb der Erfolg aus.

Nachdem auch die eigentlich ganz witzige Komödie "Looking for Mr. Perfect" (2003) in Hongkong nicht viel einspielte, hörte Lam mit dem Filmen auf. Nur das Gemeinschaftprojekt "Triangle" (2007) brachte ihn kurzeitig zurück auf den Regisestuhl. Das Ergebnis des Versuchs, eine einzige Geschichte von drei Regisseuren erzählen zu lassen, ist, abgesehen von der spannenden Story, eine interessante Studie in den unterschiedlichen Filmstilen der Meister To, Hark und Lam.

Neuer Anfang

Im Dezember 2015 wird Ringo Lam 60 Jahre alt. Er war sich klar darüber, dass er jetzt noch einmal neu einsteigen müsste, weil es sonst zu spät sein würde. Vor zehn Jahren hatte er auch aufgehört, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Der gerade stattgefundene Collegeabschluss des Sohnes war das passende Ereignis, um sich wieder dem Kino zuzuwenden, das er in der Zwischenzeit nach Möglichkeit gemieden hatte, obwohl er davon nachts geträumt hat. "Wild City" (2015) hatte jetzt Premiere. Weiere Projekte warten. Hoffentlich. Nur für Geld allein will er aber keine Filme mehr machen.

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