Wenn eine 10jährige über Freundschaft und Liebe nachdenkt...

So geschehen gerade heute mittag. Fragt mich doch meine Tochter "Mutti, kann aus Freundschaft Liebe werden?"

Und hatte mich, während sie noch auf eine Antwort wartete, die ihr auch verständlich ist, mitten in meine eigenen Gedanken.

Meines Erachtens nach ist Freundschaft nichts anderes als eine Art der Liebe. Und so habe ich auch versucht, meiner Tochter zu antworten. Indem ich ihr sagte "Nunja - ich glaube, dass Liebe ohne Freundschaft als Fundament unmöglich ist, aber durchaus nicht jede Freundschaft die Tiefe einer Liebe erreichen kann"

Aber stimmt diese Antwort wirklich? Und wo will man den Unterschied machen, wo die Grenzen ziehen - was ist wann was

Wikipedia gibt uns dazu folgendes:

Liebe ist im engeren Sinne die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung, die ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden fähig ist. Der Erwiderung bedarf sie nicht. Im ersteren Verständnis ist Liebe ein mächtiges Gefühl und mehr...
Freundschaft bezeichnet eine positive Beziehung und Empfindung zwischen Menschen, die sich als Sympathie und Vertrauen zwischen ihnen zeigt. Die in einer freundschaftlichen Beziehung zueinander stehenden Menschen bezeichnet man als...

Auf der Suche nach den Wurzeln - Am Anfang steht das Vertrauen...

Wikipedia entscheidet also über die Gefühlsintensität und Tiefe zwischen Freundschaft und Liebe.und räumt dabei der Liebe die "Nonplusultra" Stellung unter den positiven Gefühlen ein. Interessanterweise jedoch ist es die FREUNDSCHAFT, die nach Wikipedia auf Grundlage des Vertrauens entsteht, welches somit bei der Liebe als zwingend vorhanden vorausgesetzt wird.

Sympathie ist die aus gefühlsmäßiger Übereinstimmung kommende Zuneigung. Ihr Gegenteil ist die Antipathie.
Unter Vertrauen wird die Annahme verstanden, dass Entwicklungen einen positiven oder erwarteten Verlauf nehmen. Ein wichtiges Merkmal ist dabei das Vorhandensein einer Handlungsalternative. Dies unterscheidet Vertrauen von Hoffnung....

Man beachte:

Legt man der Freundschaft die Sympathie zugrunde, die laut Wikipedia einer gefühlten Übereinstimmung bedarf - also mindestens eines weiteren, gleich fühlenden Menschen, so wird diese Wertigkeit bei der Festlegung der Liebe irrelevant. Will heissen - FREUNDSCHAFT ist nur möglich, wenn sie von zwei/beiden Seiten ausgeht - Liebe ist ein einseitiges Gefühl, welches eine Person einer anderen entgegenbringt, ohne dass eine Erwiderung nötig wäre.

Die gleiche Deutung ergibt sich, wenn man die zweite Komponente der Freundschaft näher beleuchtet, das Vertrauen.

Laut Wikipedia ist Vertrauen nichts anderes als eine positive Erwartungshaltung. Auch diese ist somit nicht notwendig, um ein Gefühl der Liebe für einen anderen Menschen zu entwickeln.

So weit so gut - aber keine Regel ohne Ausnahme!

Werfen wir doch noch einmal einen Blick in die Definitionen von Wikipedia...

Zitat:

"Ausgehend von dieser ersten Bedeutung wurde der Begriff in der Umgangssprache und in der Tradition schon immer auch im übertragenen Sinne verwendet und steht dann allgemein für die stärkste Form der Hinwendung zu anderen Lebewesen, Dingen, Tätigkeiten oder Ideen. Diese allgemeine Interpretation versteht Liebe also zugleich als Metapher für den Ausdruck tiefer Wertschätzung."

"Im Sinne des Diskurses der Anerkennung (zum Beispiel John Rawls, Axel Honneth) enthält Liebe nämlich die von Hegel betonte "Idee der wechselseitigen Anerkennung", was ihr ein moralisches Fundament verleiht. Liebe ist daher für Honneth neben dem Recht und der Solidarität eines der drei "Muster intersubjektiver Anerkennung". Die moralische Grundierung unterscheidet Liebe daher auch vom reinen Trieb."

Hegel bringt also den Widerspruch in die bisher scheinbar klare Abgrenzung. War bislang Freundschaft von Liebe durch die Einseitigkeit/Zweiseitigkeit des Gefühl eindeutig unterscheidbar, führt die moralische Betrachtung ein weiteres Mal in den Zweifel.

NOCH komplizierter wird es, betrachtet man sich die "Klassifizierungen der Liebe(sarten)":

"Die abendländische Auffassung von Liebe wird von der Dreiteilung Platons geprägt, die in der antiken Philosophie später ausgebaut wurde. Sie basiert auf den folgenden Konzepten:

  • Éros – bezeichnet die sinnlich-erotische Liebe, das Begehren des geliebten Objekts, den Wunsch nach Geliebt-Werden, die Leidenschaft;
  • Philía – bezeichnet die Freundesliebe, Liebe auf Gegenseitigkeit, die gegenseitige Anerkennung und das gegenseitige Verstehen;
  • Agápe – bezeichnet die selbstlose und fördernde Liebe, auch die Nächsten- und "Feindesliebe", die das Wohl des Anderen im Blick hat.

Die genauen Bedeutungen und Schwerpunkte der Begriffe haben sich im Laufe der Zeit verändert, sodass – im Gegensatz zum ursprünglich Gemeinten – unter "platonischer Liebe" heute ein rein seelisch-geistiges Prinzip ohne körperliche Beteiligung und Besitzwunsch verstanden wird, dem das leiblich-erotische Modell von geschlechtlicher Liebe schroff gegenübergestellt wird.

Im Laufe der Zeiten wurden diese Grundformen der Liebe immer wieder differenziert. So bezeichnet man manchmal die spielerisch-sexuelle Liebe als "ludus", die besitzergreifende Liebe als "mania" und die auf Vernunftgründen basierende Liebe als "pragma". Ein besonderes Liebesverhältnis stellt in theistischen Religionen auch jenes zwischen der erbarmenden Liebe Gottes zu den Menschen und der verehrenden Liebe der Menschen zu Gott dar.

In Anlehnung an diese Dreiteilung kann man die Ausprägungen des Phänomens der Liebe in Empfindung, Gefühl und Haltung unterscheiden:"

Allein schon bei der Betrachtung der drei Grundkonzepte der Liebe steht direkt als zweites die Freundschaft. Ursprünglich ausgeschlossen, findet sie über diese Definition den Weg zurück in die Beachtung durch die Gefühlswelten der Liebe und untermauert meine These vom Anfang:

"Freundschaft ist Liebe, der man den Sex geklaut hat!"

Kann aus Freundschaft Liebe werden?
traumstundenfee, am 06.06.2011
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