Hund ist nicht gleich Hund

Was aber nun, wenn man einzelnen Hunderassen verschiedene Aufgaben und angezüchtete Verhaltensmerkmale zuerkennt? Und einzelnen Hunden eventuell auch noch eine eigene Persönlichkeit, die sich wie bei Menschen vermutlich aus Anlage und Umwelt zusammensetzt. Oder anders ausgedrückt aus angeborenen plus angelernten Persönlichkeitsanteilen aus Vorerfahrungen. Dann kann es schwierig werden mit der Frage nach einer allgemeingültigen Hundeerziehung, aber sicherlich dem einzelnen Hund gerechter.
Ein Schäferhund ist kein Herdenschutzhund und umgekehrt
Ein Schäferhund (Bordercollie, deutscher Schäferhund, belgischer Schäferhund etc.) möchte von seinem Menschen gefordert und aufgefordert werden, ist begierig darauf, Befehle auszuführen. Er wartet darauf Kommandos zu erhalten und diese auszuführen und er wird in der Regel gut abzurichten sein. Ein Herdenschutzhund dagegen ist es von seinen Genen her gewohnt, eigenständig Viehherden zu bewachen. Ein Kuvasz oder ein Rafeiro do Alentejo mischt sich unter die Schafe, um sie gegen Wölfe zu verteidigen. Diese Hunde sind selbstständig, tapfer und stolz. Und meiner Erfahrung nach sollte man das anerkennen und respektieren. Die grundlegenden Kommandos werden auch Herdenschutzhunde lernen, doch ihnen ihre Selbstständigkeit abzuerkennen, indem sie möglicherweise immer eingesperrt, angehängt oder nur an der Leine kurz Gassi gehen dürfen, wird diese Hunde verstören und manchmal sogar aggressiv machen.

Jeder Hund hat eine eigene Persönlichkeit

Für mich ist es übrigens vollkommen in Ordnung auch die persönlichen Grenzen eines Hundes zu respektieren. Als unsere Rafeiro do Alentejo Hündin anfangs eine private Hundelehrerin hatte, war sie nach deren Besuch jedesmal fix und fertig und gestresst. Da stimmte doch etwas nicht. Und richtig, diese Hundelehrerin war deutscher Schäferhunde-Fan und machte den Fehler zu denken, sie könne alle Hunde auf diese Weise erziehen. Irrtum. Die Hundelehrerin wurde entlassen, der Hund entstresst und wir entlastet, indem wir begriffen wie ein Herdenschutzhund tickt. Mittlerweile ist unsere Pipa ein toller Wachhund und ein vollwertiges Familienmitglied, die auch auf dem Sofa sitzen darf, ihre Streicheleinheiten aber selbstständig einfordert und nicht von uns aus mit Zärtlichkeit überschüttet werden möchte. Auch hier selbstständig und warum auch nicht? Klar ist es wichtig, dass wir die Rudelführer sind und bleiben. Aber danach ist noch jede Menge Spielraum vorhanden, um jedem Hund seine Persönlichkeit zu lassen und diese nicht mit Gewalt zu unterdrücken.
Liegt unser Galgo am liebsten mit im Bett, dann ist das für mich kein unverschämtes Verlangen, nach dem Motto: "Klasse, jetzt bin ich auf der gleichen Stufe wie mein Boss", sondern eine Eigenart von Galgos, die richtige Knutschkugeln sind und gar nicht genug Streicheleinheiten und menschliche Nähe zulassen wollen. Und wird mein Leben dadurch zerstört? Angefangen hat es, als sich unser Buddy ein Bein gebrochen hat und ich ihn auch nachts davon abhalten wollte, sich seinen Verband wieder abzumontieren. Also sind wir beide kurzerhand ins Gästezimmer gezogen. Auf einen Futon. Dieser schlanke Riesenhund benahm sich plötzlich wie ein anlehnungsbedürftiges Kleinkind und krank noch dazu: Hauptsache kuscheln. Nach seiner Genesung war natürlich klar, dass ein gemeinsames Bett kein Dauerzustand ist, also darf Buddy abends mit uns auf dem Sofa kuscheln und geht spätabends allein auf seine Decke. Er versteht und akzeptiert das. Ohne viel Geschrei und Diskussionen. Buddy will kuscheln und keine Rangordnungen auf den Kopf stellen. So einfach ist das.
Und Buddy ist ein nicht nur ein Windhund, sondern auch ein Jagdhund. Rassetypisch angeboren bleibt er in unbekanntem Gelände auch ohne Leine dicht bei uns bzw. sogar hinter uns. Aber das hat nichts damit zu tun, dass er gern und einfach dazu zu bringen wäre, Fuß in absolutem Gehorsam ohne Leine auf Befehl zu laufen. Denn kreuzt ein Kaninchen unseren Weg, ist er weg, der Jagdhund. Er erwischt es nie, die cleveren Kaninchen verstecken sich im nächsten Busch und warten ab bis die Luft rein ist. Da ich nun mal kein Jäger bin, warum sollte ich dann unserem Windjagdhund auf Biegen und Brechen absoluten Gehorsam beibringen müssen? Wichtig ist nur, dass er auf die Pfeife hört und zurückkommt und das tut er ohne zu Zögern.

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Fallbeispiel: Der knurrende Hund an der Leine

Ein gut erzogener Hund läuft an der Leine brav bei Fuß und lässt sich von nichts und niemanden stören. Das wäre sicherlich der traumhafte Optimalzustand. Aber ist deswegen jeder Hund, der sich nicht so verhält, ein schlecht erzogener Hund oder ein Hund mit einem schlechten Charakter? Bei uns leben Straßenhunde, von uns selbst gefunden und mit einer unbekannten Vergangenheit. Einer davon ist Buddy, ein spanischer Windhund oder Galgo, dessen Trauma es ist, Angst zu haben, erwürgt zu werden. Denn genau das wäre ihm beinahe passiert, als wir ihn fanden. Buddy ist ein großer und schöner Hund, sensibel und mit Lauffreude, wie das so ist bei Windhunden. Nur in einer Sache ist er erziehungsresistent: wird er an der Leine geführt und es kommen freilaufende Hunde auf ihn zu, fängt er an sich zu benehmen wie ein knurrendes Ungeheuer. Wird er dann aber abgeleint, ist alles wieder gut, er benimmt sich überhaupt nicht aggressiv und spielt entweder mit den anderen Hunden (wenn die auch wollen) oder nimmt sie zur Kenntnis und läuft weiter. Buddy hat schlichtweg Angst vor anderen Hunden, wenn er nicht agieren kann wie er will und nötigenfalls die Situation verlassen kann. Ihn in dieser Situation mit knappen Kommandos und möglicherweise autoritärer Stimme noch zusätzlich zu stressen, bringt gar nichts, im Gegenteil, es verschlimmert die Situation. So mancher Hundeerziehungsratgeber wird genau das aber vorschlagen und damit nicht auf den emotionalen Zustand des Hundes und seiner eigenen Vorerfahrungen eingehen. Bei Buddy ist es viel besser, selbst ruhig zu bleiben, ihn mit freundlicher Stimme zu beruhigen und ihn zum Weitergehen zu bewegen.
Mein Fazit: Wer einen Hund möchte, der absolut gehorcht, sollte sich die dazu passende geeignete Hunderasse aussuchen und dann noch den richtigen Hund: einer, der noch keine negative Erfahrungen gemacht hat und gut sozialisiert ist. Ist man jedoch bereit, sich auf einen Hund ganz einzulassen, flexibel zu sein und gewillt, selbst noch dazuzulernen, dann wird ein Hund aus dem Tierheim oder Tierschutz ein gutes Zuhause finden.

Autor seit 5 Jahren
96 Seiten
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