Das Beste wäre wohl, nicht geboren zu werden

Dass der Tod unausweichlich ist, war den alten Girechen eine so unerspriessliche Vorstellung, dass sie der Meinung waren, es sei das Beste, nicht geboren zu werden. Das weitaus Zweitbeste, gleich nach der Geburt wieder zu sterben. Eine so pessimistische Einstellung vermutet man bei den heiteren Griechen gar nicht. Aber sie meinten es wohl auch nicht pessimistisch, sondern realistisch. Weil sie den Tod für unerfreulich hielten und ein fortgesetzte Beschäftigung mit ihm unter diesem Aspekt wenig bekömmlich ist.

Vielleicht haben die Alten da einen Punkt. Aber nur, wenn wir lebenslang gebannt auf das berühmte Damoklesschwert über uns starren. Solange, bis das Pferdehaar reisst, an dem die Evolution es aufgehängt hat.

Wie man Distanz zum Tod bewahrt

Im Laufe der Jahrtausende haben wir eine ganze Reihe von Verdrängungstechniken entwickelt. Zum Beispiel die Hoffnung auf ein Jenseits mit Schalmei schlagenden Engelchen. Diese Hoffnung hat uns sicher geholfen, den Tod aus unserem persönlichen Leben weitgehend zu verbannen. Was nicht heisst, dass er keine Rolle mehr spielen würde. Ganz im Gegenteil. Der Tod ist zum Verkaufshit geworden. Er verkauft sich fast so gut wie Sex. Aber natürlich nicht unser Tod. Nicht dieser ganz persönliche, uns selbst betreffende Tod. Wir beschäftigen uns mit dem Tod lieber im Allgemeinen. Dem Romantod. Dem Filmtod. Dem Serientod. Dem allgegenwärtigen medialen Tod. Dem Tod nach langer Krankheit. Durch unerwarteten Unfall. Durch Terrorismus. Auf den syrischen Schlachtfeldern. Sogar mit dem Hungertod können wir uns beschäftigen. Solange er Regionen betrifft, die weit genug von uns entfernt sind. Hauptsache, der Tod rückt uns nicht zu nah auf die Pelle.

Mit unserem eigenen Tod beschäftigen wir uns nicht

Solange wie möglich beschäftigen wir uns auch nicht mit dem Tod unserer Nächsten. Unserer Partner. Unserer Eltern. Unserer Kinder. Unserer Freunde. Erst, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt. Und dann können wir - unvorbereitet wie wir sind - gar nicht gut damit umgehen. Und erst unser eigener Tod! Der findet fest verrammelte Türen vor. Einlass in unsere Emotionen oder unser Bewusstsein wird ihm nach Kräften verwehrt. Sollte ein um unseren Tod kreisender Gedanke sich einschleichen, wird er energisch wieder vor die Tür gesetzt. Wir akzeptieren unseren Tod nicht als Konsequenz unseres Lebens. Wir möchten zwar A, aber nicht B sagen. Wir möchten unser Leben ungestört geniessen. Als Geschenk. Ohne Verpflichtungen. Schon gar nicht mit der Verpflichtung des Todes.

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