Dimitrij Schaad

© Esra Rotthoff

 

Überall lauert Gefahr

Es ist das Jahr 1938, Joseph Schwarz sitzt noch in Frankreich und hat Angst vor dem bevorstehenden Krieg und beschließt, seine Gattin Helen in Osnabrück aufzusuchen. Ein gar schwierig Unterfangen, aber es gelingt. Als sie sich in ihrer Wohnung treffen, wird die vom Erlöschen bedrohte Liebe etwas aufgewärmt, es wird auch sanft gestritten, aber eher subtil, ohne geschmacklose Sticheleien. Anastasia Gubareva und Dimitrij Schaad bilden das Paar, das sich zwar immer noch irgendwie liebt, doch keine seelische Verschmelzung erreicht. Schaad übernimmt sowohl die Rolle des Erzählers als auch die Figur von Schwarz und die seiner Gegner, die hauptsächlich der Gestapo entstammen, vor allem Helens Bruder, der als Hundertprozentiger stramm auf Linie ist. Wieder in Frankreich (Marseille) angekommen, wird er von Nazi-Schergen malträtiert und gequält, und auch Helens Bruder Georg schlägt ihn zusammen. Schaad, abgesehen von der Unterhose teilweise entblößt, spielt das alles selbst, dabei ramponiert er sich und lässt Kunstblut über sein Gesicht rinnen. Von Anfang an kokettiert er mit dem Publikum, in dieser Szene allerdings nicht. Seine große schauspielerische Begabung bewegt den geborenen Selbstinszenierer zu einem nicht uneitlen Auftritt, bei dem er die volle Bandbreite seines Könnens präsentieren kann. Das ist schon abendfüllend – hinzu kommen noch vier Musiker, die durch ihr partielles Virtuosentum für akustischen Schwung sorgen. Nur zwei Darsteller, das ist schon arg wenig für diese Romanvorlage – durch die vielen Videobilder und die Musiker wird allerdings eine erstaunliche Fülle zustande gebracht.

 

Schöner Gesang und viele Privat-Anekdoten

Anastasia Gubareva hat weniger Deklamierzeit und verlegt sich häufig aufs Singen. Schön ist das anzuhören, leider ist man als nicht polyglotter Mensch auf die Töne angewiesen, denn die Texte werden in Sprachen gesungen, die in hiesigen Schulen in der Regel nicht angeboten werden. Ansonsten spielt sie ihre Rolle als Helen recht souverän, charmant auch, mit absichtlich zurückgehaltenem Verve, im Gegensatz zu Schaad, der auch mal ungestüm in die Holzhammer-Kiste greift. Remarques Text erklimmt sogar manchmal poetische Höhen. Eine Seltenheit im Gorki Theater, wo doch oft Migrantenprobleme mit einer forcierten Bespaßung des Publikums einhergehen, um spontane Lacher herauszukitzeln. Der nachgespielte Roman wird wie aus einem Guss dargestellt – wenn da nicht die ständigen Einschübe von Micans Erinnerungen und Reise-Erlebnissen wären. Bei aller Sympathie für den Regisseur: inwieweit das Wiedersehen mit seiner Ex-Geliebten erfolgreich war oder nicht und seine Probleme mit der Aussprache von 'Kirche', das ist in diesem Zusammenhang gleichgültig, weil es die Handlung verzögert, ja unterbricht. Immerhin ist das eine nicht uninteressante Inszenierung.

 

Die Nacht von Lissabon
nach Erich Maria Remarque
Regie / Bühne: Hakan Savaş Mican, Beratung Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Miriam Marto, Video: Benjamin Krieg, Mitarbeit Video: Phillip Hohenwarter, Dramaturgie: Irina Szodruch, Musikalische Leitung / Komposition: Jörg Gollasch.

Mit: Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.

Musiker auf der Bühne: Michael Glucksmann, Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Wassim Mukdad.
Gorki Theater Berlin, Premiere vom 11. Januar 2019
Dauer: 2 Stunden 5 Minuten, keine Pause

 

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