Orit Nahmias

© Esra Rotthoff

 

 

Kniefall vor den Opfern der Deutschen

Dabei beginnt alles ganz freundlich. Alle Schauspieler*innen tragen die gleichen roten T-Shirts mit einer unverständlichen Buchstabenabkürzung (3GNG), als würden sie eine Einheit ergeben und sich in einer unmoderierten Therapiesitzung befinden. Den Anfang macht Niels Bormann, der schon in der Ursprungsinszenierung "Dritte Generation" (Schaubühne 2009) mitwirkte und nun bei der Fortsetzung des Erfolgsstückes weitermacht. Niels (alle Figuren werden mit ihrem wahren Vornamen genannt) ist als Deutscher voller Schuldgefühle, egal, ob es um die Vergehen im Dritten Reich, um Juden, Ausländer und die Opfer der NSU geht. Er macht sogar einen Kniefall wie einst Willy Brandt 1972 in Polen im Rahmen der Ostverträge. Allerdings leistet er sich Versprecher, die an der Wahrheit seiner Überzeugung Zweifel aufkommen lassen. Dann wartet er mit einem Schild auf: Don't Support the Chicken Holocaust. Nein, die eingepferchten Hühner im Stall zur kurzfristigen Sättigung raubtierhafter Gefräßigkeit kann man mit dem Genozid nicht vergleichen. Es entspinnt sich ein Dialog mit Knut Berger. Warum werden Hunde viel besser behandelt als Schweine? Die deutsche Einschätzung ist recht simpel, Hunde, Katzen und Pferde gelten als Freunde des Menschen, daneben gibt es Tiere zur Ernährung und Schädlinge wie Ratten, Giftspinnen und Krokodile, die wohl niemand in seinem Haushalt haben möchte. Die zweite Hälfte des Abends liegt Niels selbstgefesselt am Boden, um als barmherziger Seelen-Ritter Abbitte zu leisten.

 

Umwerfende Komik, trotz vieler Klischees

Ansonsten geht die jüdische Sektion (Michael Ronen, Orit Nahmias, Ayelet Robinson) auf die arabische Abteilung (Lamis Ammar, Karim Daoud, Abak Safei-Rad und Yousef Sweid) los und umgekehrt. Gegenseitige Verbrechen werden aufgezählt und aneinandergereiht, selbstverständlich auch die Verhältnisse im Gaza-Streifen, die zwar politische Verbrechen sind, aber längst nicht die Ausmaße eines Genozids erreichen. Die Inszenierung ist angefüllt mit Relativismus und Perspektivismus, jeder hat seine eigene Sicht auf die Dinge. Und voller Klischees! Trotzdem hat Ronens neuestes Werk eine Komik, die umwerfend ist. Im Theater ist das wunderschön, im Alltag wären derartige Verhandlungen und Gespräche eine einzige Katastrophe. Lang muss der Rampenkönig Dimitrij Schaad auf seinen Einsatz warten, bis er endlich loslegen kann. Seine Figur setzte als Einwanderer aus Kasachstan einst auf Internationalismus, aber als das, was den Marktwert anbetrifft, nicht gut ankam, ist er zu einem knallharten Konservativen geworden, mit leicht reaktionären Tendenzen. Als Dieter Schmidt schätzt er deutsche Werte über alles, um beim Mehrheits-Wir gut anzukommen. Zuletzt hat Ayelet Robinson ihren großen Auftritt, sie beschimpft alle Deutsche (das Wort Deutschinnen existiert nicht) als unverbesserliche Nazis, gleichgültig, ob sie sich als queer, liberal oder weltoffen definieren. Ein harter Schluss in einem humorvollen Abend.

 

Third Generation – Next Generation
von Yael Ronen und Ensemble
Regie: Yael Ronen, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Lamis Ammar, Knut Berger, Niels Bormann, Karim Daoud, Orit Nahmias, Oscar Olivo, Ayelet Robinson, Michael Ronen, Abak Safei-Rad, Dimitrij Schaad, Yousef Sweid.
Gorki Theater Berlin, Premiere war am 9. März 2019, Kritik vom 10. März 2019.
Dauer: 120 Minuten, keine Pause

 

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