Schrift contra Lautentwicklung

Als die Volkssprachen im Mittelalter verschriftlicht wurden, bediente man sich in West- und Mitteleuropa des lateinischen Alphabets; d.h. die Lautwerte der Buchstaben korrespondierten mit denjenigen der lateinischen Sprache, und zwar in der Art, wie sie damals in den einzelnen Ländern gesprochen wurde. Zunächst passte sich die Schreibung dem Wandel der Aussprache mehr oder weniger an. Das änderte sich jedoch mit der Einführung des Buchdruckes im späten 15. Jahrhundert. Die gedruckten Bücher erlangten eine normative Wirkung, und die Orthographie veränderte sich nur noch wenig und konnte mit der Lautentwicklung nicht Schritt halten. Da sich die Aussprache des Deutschen, Italienischen und Spanischen seit der frühen Neuzeit relativ wenig veränderte, hat ein <a>, <e>, <i>, <o> oder <u> in diesen Sprachen noch heute seinen ursprünglichen lateinischen Lautwert. Allerdings zeigt sich der Lautwandel z.B. im Deutschen an der verbreiteten Schreibung <ei> für gesprochenes AE, die auf einen mittelhochdeutschen Diphthong verweist. Bemerkenswerterweise wurde im Deutschen das auslautende <-e> (wie in "habe") noch bis um 1800 als heller Laut, vergleichbar dem französischen <é> gesprochen, was die Verwendung auf langen Notenwerten erklärt, die unkundige Sänger in Verlegenheit bringt:

Notenbeispiel 1

Notenbeispiel 1

Stärker als das Deutsche veränderte sich das Französische; und das Englische erfuhr seit dem Mittelalter gar solch tiefgreifende Lautverschiebungen, dass seine Grapheme heute für die verschiedensten Laute stehen können; beispielsweise kann ein <a> die Laute EI, E, Æ, A oder O repräsentieren.

Schriftsprache contra Umgangssprache

Auch in der Gegenwart sind wir Zeuge des Lautwandels; so singen manche Sänger noch das auslautende <-r> wie in "Vater", während viele Sänger der jungen Generation bereits der modernen Umgangssprache folgen und den Laut zu einem dumpfen A vokalisieren ("Vata"). Zumindest für ältere Musik, beispielsweise für Schubert-Lieder, ist das natürlich völlig indiskutabel.

Grundsätzlich sollte man sich bei der Interpretation von Kunstmusik eher an der Schriftsprache der Entstehungszeit als an der Umgangssprache orientieren. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, um so größer wird allerdings die Rolle, welche dialektale Unterschiede dabei spielen. Ein Bewusstsein für eine einheitliche Hochsprache, die sich von den verschiedenen Dialekten abhebt, entstand im 16. Jahrhundert.

Verlorengegangene Reime

Wenn man z.B. einen englischen oder französischen Text des 17. Jahrhunderts betrachtet, wird man zwar nur wenige Unterschiede zur heutigen Orthographie feststellen, doch die Aussprache ist eine andere. Insbesondere bei englischer Dichtung fällt auf, dass sich Versendungen in heutiger Aussprache nicht reimen, obwohl ein Reim zu erwarten wäre. Zwar gibt es gerade im Englischen sogenannte Augenreime (eye-rhymes), die sich nur noch auf dem Papier reimen, doch je weiter wir in der Zeit zurückgehen, desto mehr dieser Reime sind noch echte Reime – um 1600 noch fast alle. Als Beispiel sei nur der geläufige Reim von "love” mit "move” oder "prove” genannt, dem eine U-Aussprache zugrunde liegt, die in "love” um 1700 aufgegeben wurde. Noch im 18. Jahrhundert finden wir Reime wie "lies” - "miseries”, wo beide Wörter mit einem Diphthong zu sprechen sind, während "miseries” heute nur noch die Aussprache mit I kennt.

Veränderte Silbenzahl oder Betonung

Es gibt sogar Fälle, wo man als Sänger geradezu gezwungen wird, die historische Aussprache zu respektieren: dort nämlich, wo eine von der modernen Aussprache abweichende Silbenzahl oder Betonung durch die Musik vorgegeben ist. So vertont noch der 1708 gestorbene John Blow in Wörtern wie "imagination” und "salvation” die Endung <-ion> bisweilen zweisilbig; <-ti-> wird dabei als SI, nicht wie heute SHI (deutsch <schi>) gesprochen:

Notenbeispiel 2

Notenbeispiel 2

Ein anderes Beispiel: In einer Arie aus Händels Messiah erhält das Wort "incorruptible” auf der zweiten und auf der vorletzten Silbe eine Betonung:

Notenbeispiel 3

Notenbeispiel 3

Dies veranlasste den Herausgeber der im Bärenreiter-Verlag erschienenen Partitur gar dazu, eine Änderung des Notentextes vorzuschlagen, da das Wort heute auf der drittletzten Silbe betont wird: "incorrúptible". Diese Aussprache war zur Zeit Händels zwar bereits geläufig, doch der Komponist legte seiner Vertonung eine ältere Variante zugrunde, die noch an den lateinisch-französischen Ursprung des Wortes erinnert: "incórruptíble".

Im folgenden als "Falsobordone" notierten Beispiel von Heinrich Schütz verrät keine metrische Stellung im Takt die Betonungen:

Notenbeispiel 4

Notenbeispiel 4

Aber natürlich muss "Vorhöfen" hier ebenso betont werden wie in derselben Motette weiter vorne, nämlich auf der zweiten Silbe:

Notenbeispiel 5

Notenbeispiel 5

Denn im Frühneuhochdeutschen waren Vorsilben in der Regel unbetont. Zur Zeit Johann Sebastian Bachs stehen unbetonte und betonte Formen nebeneinander, sogar innerhalb ein und desselben Musikstückes:

Notenbeispiel 6

Notenbeispiel 6

Wo sich informieren?

Aber wie und wo kann sich der heutige Rezitator oder Sänger über historische Aussprache informieren? Wer sich mit dem Thema beschäftigt, wird zunächst um das Erlernen der sogenannten IPA- oder API-Lautschrift (nach der International Phonetic Association bzw. Association Phonétique Internationale) nicht herumkommen (in diesem einführenden Text wurde darauf verzichtet). Diese Lautschrift wird in fast jedem Sprachlehrbuch (freilich beschränkt auf die in der jeweiligen Sprache vorkommenden Laute) und in jeder Einführung in die Sprachwissenschaft erläutert. Sprachwissenschaftliche Bücher sind für den Laien oft problematisch, denn ihr Aufbau verlangt sprachhistorische Vorkenntnisse, da Laute einer bestimmten Epoche ausgehend von denen der vorangegangenen Epoche erschlossen werden. Selbstverständlich ist das eine logische Vorgehensweise; doch wer, um ein Beispiel aus dem Englischen zu zitieren, nicht weiß, dass er die Aussprache des Wortes "house” ebenso unter "mittelenglisch ū” nachschlagen muss wie die von "sword”, könnte schnell die Motivation verlieren. Mittlerweile gibt es jedoch einige Bücher, die speziell für Musiker geschrieben wurden, und die im folgenden kurz vorgestellt werden sollen. 

Latein

Harold Copeman: Singing in Latin, or, Pronunciation explor'd, Oxford 1990, 360 S.

Darstellung der Lateinaussprache(n) in Großbritannien, Irland, Frankreich, Flandern, Deutschland, Italien, Spanien und Portugal in Mittelalter und Neuzeit. Textbeispiele (Credo, Magnificat u.a.) in Lautschrift.

 

Vera U.G. Scherr: Handbuch der lateinischen Aussprache, Kassel u.a. ³2010, 250 S.

 

Darstellung der klassischen, italienischen, französischen und deutschen Lateinaussprache in Vergangenheit und Gegenwart. Textbeispiele (Te Deum, Credo, Magnificat u.a.) in Lautschrift.

Siehe auch unten: Miehling, McGee/Rigg/Klausner.

 

Englisch

Klaus Miehling: Handbuch der frühneuenglischen Aussprache (1500 - 1800) für Musiker (2 Bde.), Hildesheim u.a. 2002, 840 S.

In sieben Perioden eingeteilte Darstellung mit zahlreichen Quellenauszügen und Übersichtstabelle, einschließlich der englischen Lateinaussprache. Notenbeispiele mit unterlegter Lautschrift, umfangreiches Wörterverzeichnis.

Französisch

Jeannine Alton u. Brian Jeffery: Bele buche e Bele Parleure: Guide to the Pronunciation of Mediaeval and Renaissance French for Singers and Others, London 1976, 79 S.

Behandelt in äußerster Knappheit und Vereinfachung die französische, provenzalische und pikardische Aussprache von 1100 bis 1600. Zumindest für das Französische werden häufig zu moderne Laute angegeben. Eine Audiokassette mit Textbeispielen ist erhältlich.

Siehe auch unten: McGee/Rigg/Klausner.

verschiedene Sprachen

Timothy J. McGee, A.G. Rigg u. David N. Klausner (Hg.): Singing early music: the pronunciation of European languages in the Late Middle Ages and Renaissance, Bloomington u. Indianapolis 1996, 299 S.

Die von unterschiedlichen Autoren verfassten Kapitel betreffen das Englische (1100 - 1700), Schottische (16. Jh.), Französische (1100 - 1650), Okzitanische (12. Jh.), Katalanische (1200 - 1700), Kastilische (Spanische, 1100 - 1700), Galizische (Portugiesische, 1100 - 1700), Italienische (1350 - 1550), Deutsche (1100 - 1600) und Flämische (Niederländische, 1400 - 1550) sowie die Lateinaussprachen in diesen Sprachräumen. Die Darstellung ist notwendigerweise (zu) knapp, die Aussprache zumindest des Englischen und Französischen häufig zu modern. Textbeispiele in Lautschrift und auf einer dazugehörigen CD.

Klingende historische Aussprache

Musikaufnahmen in historischer Aussprache gibt es hauptsächlich für die Musik vor 1500. Musik der späten Renaissance und des Barock wird zwar meist auf historischen Instrumenten gespielt, aber bei der Aussprache gibt es großen Nachholbedarf. Im Englischen ist die älteste mir bekannte Einspielung in historischer Aussprache noch immer die korrekteste:

William Byrd: Songs of Sundrie Natures. Hilliard Ensemble, London Baroque. EMI 27 0597 1. III/1986.

Zu modern ist hier lediglich die Aussprache des <i>-Diphthongs (wie in "life” oder "die”) etwa als ŒI; richtig wäre etwa EI.

Die übrigen mir bekannten Aufnahmen, die sich in historischer Aussprache versuchen, z.B. von Red Byrd, verwenden teilweise zu moderne Laute.

Im Französischen ist zwar die historisch-französische Lateinaussprache, wie sie bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts Gültigkeit hatte, inzwischen zum Standard bei der Interpretation barocker Musik geworden, nicht aber die historische Aussprache des Französischen selbst. Pionier ist hier die Einspielung

Psaumes Français Polyphoniques d'Henri IV à Louis XIV, Ensemble Vocal Sagittarius, Ltg. Michel Laplenie. Rezitation: Nicole Rouillé. Erato Musifrance 2292-45518-2, 1990.

Einige der gesungenen Psalmen werden auch gesprochen vorgetragen.

 

Die Aufnahme 

Michel-Richard de Lalande: Tenebrae / Jacques-Bénigne Bossuet: Sermon sur la mort. Claire Lefilliâtre, Le Poème Harmonique, Ltg. Vincent Dumestre, Rezitation: Eugène Green. Alpha 030, 2002, 

enthält neben dem lateinischsprachigen Werk von de Lalande eine (gesprochene) französische Predigt aus dem Jahr 1662. 

Dieser und der vorigen Aufnahme ist eine sehr offene, in Richtung O gehende Lautung des langen <a> (wie in "âme”) gemeinsam, die sich in den Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts nicht belegen lässt. Vielmehr wird der französische Laut mit dem damals wie heute klaren A der Italiener gleichgesetzt. Der Rezitator Eugène Green verzichtet außerdem in Wörtern wie "soleil” auf die Artikulation des auslautenden <l>, das aber noch wie der Laut im italienischen "gli” gesprochen wurde.

 

Auf youtube kann man folgende Produktionen französischer Bühnenwerke in historischer Aussprache sehen und hören:
L'Europe galante von André Campra (1697) an der Académie Baroque Européenne
Ambronay (William Christie, 2005)
Le Carnaval et la Folie von André Cardinal Destouches (1703) an der Opéra comique
(Académie Baroque d'Ambronay, Hervé Niquet, 2008)
Cadmus et Hérmione von Jean-Baptiste Lully (1673) an der Opéra comique (Le Poème
Harmonique, Vincent Dumestre, 2009)
Le Bourgeois Gentilhomme von Jean-Baptiste Lully (1670) am Théâtre Le Trianon (Le
Poème Harmonique, Vincent Dumestre, 2011)

 

Klaus_Miehling, am 18.02.2012
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Bildquelle:
Donnaya (Gothic, Mittelalter, Dark Metal - Musik außerhalb des Mainstreams)
Peter Hamann ("The Discords" rocken das Haus in Fiefbergen)

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