Staub im Flur

 

Ich bin kein Pedant. Es stört mich nicht, wenn hier und da in meiner Wohnung ein bisschen Staub herumliegt. Auch der Abwasch kann manchmal warten. Er läuft nicht weg, das weiß ich genau (zumindest habe ich es noch nicht erlebt). Eine oder zwei Wollmäuse, die sich plötzlich in der Ecke meines Wohnzimmers ein neues Revier gesucht haben, um sich zu paaren, bringen mich auch nicht dazu, mit einem Jagdgewehr auf sie loszugehen. So gesehen, alles im Lack, wie man so schön sagt.Horst ist tot

Ich bin wirklich kein Pedant. Aber ich habe gewisse Grundsätze. Prinzipien. Rituale, könnte man sagen. Am Wochenende wird so ein Ritual getanzt, gewissermaßen kriegsbemalt und in edelster Optik. Und das heißt Großputz. Es ist nicht so, dass ich dann mit jedem Staubkorn persönliche Dialoge führe, bevor ich es ins Staub-Nirwana beame. Es ist auch nicht so, dass ich mich mit der Ausrüstung eines Mitarbeiters der kriminaltechnischen Untersuchung eindecke oder die Schutzkleidung eines AKW-Mitarbeiters tragen würde.

Mitnichten!

Ich wische ein bisschen den Fernseher sauber, entferne den Staub von meinen Bücherregalen und entsorge die Wollmäuse artgerecht. Sie haben keine Schmerzen, das garantiere ich. Wenn das erledigt ist, kommt Horst zum Einsatz. Horst ist mein Staubsauger. Meine Zimmerpflanzen heißen Helga, Heidi, Hannelore, Hanna und Franziska. Aber das gehört nicht hierher. Horst ist üblicherweise einmal in der Woche wichtig. Ich ziehe ihn hinter mir her, er kommt meist widerwillig mit und verheddert sich gern mit dem Kabel am Bettgestell, unter der Schlafzimmertür oder am Bürostuhl. Alles, was hinter mir passiert, ist störend, das kann ich nicht anders formulieren. Und Horst stellt sich alles andere als geschickt an. Aber der Rüssel vor mir leistet gute Arbeit, wenn man das so sagen kann. Mal mit, mal ohne Aufsatz saugt er weg, was ihm vor die Öffnung kommt. Alles im Lack, keine Frage.

Aber an diesem Samstag war gar nichts imLack!

 

Ich hatte die Hälfte der Wohnung gesaugt, da verabschiedete Horst sich einfach. Nicht etwa in der Form, dass er röchelte oder zu stottern begann. Er wurde auch nicht besonders laut oder machte Geräusche, die mir fremd waren. Er hörte einfach auf. Von einer Sekunde zur anderen.

Ich stand da und wusste, dass ich mir einen Hund anschaffen sollte. Ich muss das kurz erklären.

Wenn man lange genug alleine lebt, beginnt man, laut zu denken. "Selbstgespräche" ist ein Begriff, der alternativ dazu angewendet werden kann. Lebt man noch ein wenig länger alleine, verfällt man in infantile Verhaltensweisen zurück. Das wird auch "Beseelen von Dingen" genannt (im zweiten Lebensjahr übrigens entwicklungspsychologisch ein völlig normales Verhalten). Man beginnt, mit Staubsaugern zu sprechen (denen man vorher bereits Namen gegeben hat, wohl, um sich abzusichern oder besser argumentieren zu können, wenn man begründen muss, warum man mit seinem Staubsauger spricht).

 

Ich stand also da. Horst lag vor mir. Still. Stumm. Leblos.

"Das ist jetzt aber nicht Dein Ernst, Horst, oder?"

Er konnte sich zu keiner Antwort aufraffen.

"Wie stellst Du Dir das vor, verdammt? Flur, Küche und Bad sind noch dran. Wie soll ich wischen, wenn Du nicht..."

Ich hielt inne. War das was? Eine Regung?

Nein.

Nichts.

"Ok, ok", sagte ich, "das war's."

Natürlich war es das noch nicht. Ich öffnete Horst, fummelte in seinem Innenleben herum, stocherte in seinen Innereien und versuchte, ihn irgendwie wiederzubeleben. Nachdem ich ihn wieder verschlossen hatte, der erneute Druck auf den Startknopf.

Nichts.

Horst ist totHorst hatte das schon einmal gemacht. Wahrscheinlich deswegen war ich so wütend auf ihn. Vor zwei Wochen. Gleiche Stelle, selber Horst. Zwei Wochen zuvor war er auch einfach ausgegangen. Ohne Vorwarnung. Ich weiß nicht, warum ich das tat, aber ich gab ihm noch eine Chance. Eine Woche später sprang er wieder an. Als wäre nie etwas gewesen. Aber jetzt war Schluss, es reichte. Ich zog den Stecker aus der Steckdose und ging direkt zum Müllcontainer hinter dem Haus. Der Gedanke, ob Horst Hausmüll oder Sperrmüll war, streifte mich zwar, aber ich ging dennoch zielstrebig auf den Container zu. Öffnete ihn. Warf Horst hinein. Und stampfte zurück wie ein Kind, das den Teddy entsorgt, weil er ein Auge verloren hat.

Aber ich war entschlossen. Fest entschlossen. Denn eines war sicher, daran führte kein Weg vorbei: Nicht Horst war es, der zu entscheiden hatte, ob und wann ich staubsaugen würde. Diese Entscheidung hatte einzig und allein bei mir zu liegen. Horst hatte mit dem Feuer gespielt. Und er hatte verloren.

Selbst schuld, dachte ich.

Und dann, eindringlicher denn je: Ich brauche einen Hund. Ich brauche dringend eine Hund!

 

Der Fachverkäufer

 

Ich entschied mich für den Baumarkt nahe der Autobahn. Ein wirklich großer Baumarkt. Nachdem ich den Laden betreten hatte, folgte der Versuch der ersten Orientierung. Er scheiterte. Also fragte ich eine Verkäuferin, wo ich denn die Staubsauger finden würde.

"Gang 38", sagte sie und verschwand.

Ich war unsicher, ob sie blond oder brünett gewesen war, dafür hatte ich sie zu kurz gesehen. In jedem Fall war sie kein menschliches Wesen, sondern ein geisterhaftes Geschöpf, das machen konnte, das man es nicht mehr sah. Weg war sie also.

Gang 38, ok, na gut. Aber wo finde ich die Beschriftungen der Gänge? Meine Güte, alles war so riesig! Doch dann entdeckte ich ziemlich weit oben große Reiter, die aus den Gängen ragten. Also folgte ich ihnen, bis ich in Gang 38 einbiegen konnte.

Als ich bei den Staubsaugern ankam, war ich ernüchtert. Die Auswahl war deutlich kleiner, als ich angenommen hatte. Und die Staubsauger sahen alle irgendwie ungewöhnlich aus. Ein Fachverkäufer unterhielt sich gerade mit einem Kunden, ich musste also warten. Dann konnte ich etwas sehr Merkwürdiges beobachten. Normalerweise bedrängen ratlose Kunden Fachverkäufer. Sie wollen jede noch so blöde Information einholen, um bloß keinen Fehlkauf zu machen. Die Fachverkäufer sind in einem Konflikt. Sie wollen auch andere Kunden bedienen, außerdem sind die Fragen der Kunden häufig überflüssig und im Grunde einfach nur nervtötend. Hier schien es anders zu laufen. Kurze Zeit später sollte ich verstehen, warum.

Der Kunde flüchtete regelrecht. Der Fachverkäufer sah mich und kam auf mich zu. Ich war unschlüssig, was ich davon halten sollte.

 

"Kann ich helfen?" fragte er, und er klang nicht, als würde er ein Nein akzeptieren.

"Ja, ich suche einen Staubsauger."

"Dann sind Sie in der richtigen Abteilung."

Das hatte ich nun gerade eben auch noch mitbekommen.

"Ja", sagte ich. Es entstand eine Pause. Sehr bizarr, ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Also sagte ich etwas: "Was für ein Modell können Sie denn empfehlen?"

"Kommt drauf an", erwiderte der Fachverkäufer. Das war die Antwort, mit der ich mit Abstand am wenigsten anfangen konnte.

"Worauf kommt es denn an?" wollte ich wissen.

"Na ja, darauf, was Sie mit dem Staubsauger machen wollen."

Was sollte das jetzt? Wollte er hier irgendwelche perversen Andeutungen machen?

"Ich hatte vor, damit Staub zu saugen", gab ich zurück und es kam mir vor, wie ein Punktgewinn.

"Hmmmm..." war alles, was der Fachverkäufer erwiderte.

Da war er hin, mein Punktgewinn.

"Also, es wäre schon gut, wenn er Parkett und Teppich saugen könnte", konkretisierte ich meinen Wunsch nach den spezifischen Eigenschaften des Staubsaugers.

"Hmmmm..."

Hatte ich ein déjà vu?

"Das sind alles Industriestaubsauger hier."

"Industriestaubsauger?"

"Industriestaubsauger."

"Ahh, so."

"Ja."

"Und was genau bedeutet das für mich?"

Jetzt kam es wieder: "Hmmm..."

Ich kann nicht sagen, dass ich den Mann hasste. Aber mir fiel in diesem Moment auch kein anderes angemessenes Wort für mein Gefühl gegenüber dem Fachverkäufer ein.

Aber er fuhr fort:"Mit einem Industriestaubsauger können Sie in der Wohnung eigentlich nichts anfangen", führte er aus.

"Oh", sagte ich, "das ist schade."

"Wissen Sie, Industriestaubsauger haben eine unzureichende Filterung. Was Sie vorn einsaugen, kommt hinten im Prinzip wieder raus."

Ich verstand nicht richtig.

"Wie meinen Sie das? Es kommt hinten wieder raus..."

"Na ja," sagte der Fachverkäufer, "Industriestaubsauger werfen einen großen Teil des groben Staubes hinter ganz fein wieder aus. In Hallen oder im Freien stört das nicht. Aber in der Wohnung..."

Das leuchtete ein. Auch wenn ich es alles in allem irgendwie unlogisch fand. Aber schließlich war er der Fachverkäufer, nicht ich.

"Ok, na dann", sagte ich, "und wo finde ich die ganz normalen Staubsauger für die Wohnung?"

"Die ham' wa' nich'", kam es wie aus der Pistole geschossen.

"Sie haben keine Staubsauger?"

Horst ist tot"Doch. Industriestaubsauger", sagte der Fachverkäufer.

Damit war das Gespräch im Prinzip beendet. Von meiner Seite aus. Doch der Fachverkäufer sah das anders.

"Industriestaubsauger sind hervorragende Geräte. Nur nicht für Sie. Sie könnten natürlich einen kaufen, also, es ginge schon irgendwie. Aber Sie hätten keine Freude daran. Zuviel Staub, verstehen Sie?"

"Ja, das leuchtet mir ein", räumte ich ein.

"Den hier", er zeigte auf einen Staubsauger für schlanke 499 Euro, "den könnten Sie vielleicht auch für die Wohnung verwenden."

"Tja, also so viel Geld wollte ich eigentlich nicht ausgeben. Ich dachte eher..."

"Den würde ich Ihnen auch nicht empfehlen. Die Saugleistung ist gut. Aber hinten..."

"... kommt zu viel raus", schloss ich seinen Satz.

"Genau." Er war jetzt voll in seinem Element. "Wissen Sie, Industriestaubsauger sind ausgezeichnete Geräte. Aber für Sie kommt so einer nicht infrage. Sie könnten natürlich dieses Modell hier...aber, nein, lassen Sie es lieber."

"Ja, vielen Dank erstmal", sagte ich, "dann werde ich nochmal woanders..."

"Ich habe oft Kunden, die mich fragen, ob ich einen Industriestaubsauger für die Wohnung empfehlen kann. Und ich kann immer nur sagen: generell im Prinzip meistens nicht, nur in Ausnahmefällen. Und dann auch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Eigentlich eher nicht, nein, wirklich nicht. Aber bei Ausnahmen von Ausnahmefällen, dann schon. Für Sie: nein!"

"Ich verstehe das", sagte ich, "und ich sehe es ein. Dann werd ich mal..."

Inzwischen gingen wir nebeneinander. Ich wollte weg, wollte mir einen neuen Staubsauger besorgen. Und ich wollte keine Beratung mehr. Doch als wir längst die Staubsaugerabteilung verlassen hatten, war der Mann immer noch bei mir. Ich hatte spekuliert, dass er ein bestimmtes Planquadrat vielleicht nicht verlassen darf. Aber entweder gab es ein solches Quadrat nicht. Oder er war gerade dort ausgebrochen.

"Für den richtigen Anlass ist ein Industriestaubsauger das Beste, was man nehmen kann. Es gibt viele Situationen, da ist ein Industriestaubsauger einfach perfekt..."

Ich dachte an Horst. War das seine Rache? Hatte er mir den Müllcontainer so übel genommen, dass er mir jetzt den Staub-Luzifer auf den Hals gehetzt hatte?

Es tut mir leid, Horst, dachte ich, es tut mir leid.

Kurze Zeit später war ich im Media-Markt. Ich schnappte mir einen Staubsauger für 29,99 Euro. Ich ging damit zur Kasse, zahlte und fuhr nach Hause. Fachverkäufern wich ich geschickt aus.

Zuhause angekommen packte ich den Staubsauger aus und saugte. Ich saugte eine halbe Stunde lang. Und ich nannte ihn Horst. Wieder Horst. In Gedenken. Und aus Respekt. Und vielleicht auch aus Angst.

Außerdem beschloss ich, dass ich mir einen Hund kaufen müsste.

Dringend.

 

 

 

 

 

Autor seit 6 Jahren
8 Seiten
Laden ...
Fehler!