Im Wartezimmer

Freitag Vormittag, ich sitze im Wartezimmer und mache das, was man in einem Wartezimmer macht, ich warte: Die vergangene Nacht war so, wie man sie eventuell jemandem wünscht, der einem die Garagenausfahrt ständig zuparkt - wenig Schlaf, viele Schmerzen. Ich versuche, mich mit Lesen abzulenken. Die Bemühungen, die Funktionen des neuen E-Book-Lesegeräts kennenzulernen, sollen dabei helfen, die Wartezeit zu überbrücken. Es funktioniert nur mit bescheidenem Erfolg. Die Gedanken machen sich selbständig, das Gespräch mit meinem Hauszahnarzt, der mich zum Chirurgen überwiesen hat, drängelt sich in den Vordergrund.

Wie Zahnschmerzen sich bemerkbar machen

In der zentralen Schmerzmelde/verarbeitungszentrale, dem Gehirn, werden Zahnschmerzen zunächst auf die gleiche Art registriert, wie Schmerzen in oder an jeder anderen Stelle des Körpers. Die beteiligten Bereiche mit so beeindruckend klingenden Namen wie »sensomotorische Areale«, »Thalamus« oder »limbisches System« und dem allseits bekannten Kleinhirn werden von Wissenschaftlern als »Schmerzmatrix« bezeichnet. Das Hin- und Herflitzen der Signale in  unvorstellbar kurzen Zeitabständen analysiert die örtliche Herkunft der Schmerzen und bestimmt, auf welche Art und Weise der Körper reagieren soll.

Die Mitleidenden

Den anderen Leuten im Wartezimmer sind derlei Erkenntnisse in diesem Moment sicher so egal, wie das Wissen über die Lebensdauer der einsamen Stubenfliege, die sich auf dem leeren Schirmständer niedergelassen hat. Was interessiert ist, wie lange es noch dauern kann, bis man an der Reihe ist; bis die leise säuselnde Musikuntermalung unterbrochen und der eigene Name aufgerufen wird. Herr Soundso bitte in Behandlungszimmer fünf, lautet der ersehnte Satz. Die junge Mutter, drei Stühle weiter schräg gegenüber, scheint ganz plötzlich von Zahnschmerzen überascht worden zu sein. Jedenfalls hat sie für ihren schätzungsweise fünfjährigen Kleinen auf die Schnelle keinen Babysitter mehr organisieren können. Das Männlein ist als einziger im Wartezimmer quietschfidel und lässt seine ganze Energie an den in einer Plastikkiste bereit liegenden Holzbauklötzen aus. Kleine Türmchen werden aufgebaut und immer wieder mit Begeisterung umgestoßen. Schön, dass die Mitwartenden sich nicht daran stören oder wenigstens so tun als ob. Neben dem Fenster sitzt ein Paar, das sich in einer fremdem Sprache unterhält, es klingt hektisch. Keine Ahnung, vielleicht ist es gar nicht hektisch, vielleicht klingt die unbekannte Sprache einfach so.

Wenn zu den Schmerzen die Angst kommt ...

In der Schmerzmatrix spielt das emotionale Empfinden eine bedeutende Rolle für die individuelle Schmerzverarbeitung, habe ich vom Zahnarzt gelernt. Ein Teil des dafür zuständigen Netzwerks, der vordere Bereich der Gyrus cinguli eilt dem Patienten zu Hilfe, indem er den Stoffwechsel mit Schmerz mildernden Substanzen anreichert. Da die Zähne in der meisten Zeit einfach nur vorhanden sind, - sie verursachen deutlich weniger und seltener Schmerzen als andere Körperteile -ist es nicht verwunderlich, dass der für die Beschwerden verantwortliche Zahn im Wahrnehmungszentrum nicht eindeutig lokalisiert wird. Es ist lediglich ein Bereich umrissen, aus dem die Signale gesendet werden. Patienten sollten darauf vertrauen, dass Zahnärzten dies bekannt ist und sie die Patientenangaben richtig einzuordnen wissen. Bei Versuchsreihen unter Zuhilfenahme der Magnetresonanztomografie (MRT) verzeichneten Forscher neben den erwarteten Ergebnissen eine überraschende Konstante: Zahnschmerzpatienten aktivierten nahezu durchgängig das für die Angst zuständige Hirnzentrum, die Amygdala.

Der Übeltäter muss raus - Im Foto wird deutlich, weshalb

Ich warte immer noch, inzwischen habe ich die Funktion zum Markieren von Textteilen an meinem Lesegerät kennengelernt. Die Schmerzen sind unverändert stark. Aber meine Amygdala hält sich netterweise bemerkenswert zurück, schließlich weiß sie genau, was ihr bevorsteht. Es ist gerade mal vier Tage her, dass ich in genau dem Stuhl gesessen hat, in dem ich nun auch wieder sitze. Am Montag war Zahn Nummer 1.8 - das ist der hinterste im rechten (aus Sicht des Patienten) oberen Zahnschema - als Schmerzverursacher entdeckt und zur Strafe gezogen worden. Heute ist es sein spiegelbildliches Gegenüber, also unten links (schon wieder aus der Sicht des Patienten), das sich ebenso dabeneben benimmt und deshalb mit dem gleichen Schiksal zu rechnen hat. Es gibt angenehmere Zeitvertreibe, als sich die Weisheitszähne einen nach dem anderen ziehen lassen, doch ich habe noch frisch in Erinnerung, dass der Zahnchirurg ganz vorzügliche Arbeit geleistet hat. Die Extraktion war weniger schmerzhaft, als die Quälerei in der Nacht zuvor. Die nachoperativen Schmerzen kamen und kommen zwar unwiderruflich, aber das Schmerzzentrum weiß, dass diese vorbei gehen. Das Angstzentrum ist deshalb heute informiert, dass es sich keine Sorgen zu machen braucht.

 

Mein Name wird über die Lautsprecheranlage aufgerufen, ich zögere. Der kleine Junge ist inzwischen unruhig geworden, seine Mutter hält sich immer wieder ihre linke Wange und versucht trotz ihrer Schmerzen, das quängelige Kind zu beruhigen. In ihren Augen ist deutlich zu sehen, dass ihre Amygdala auf Hochtouren arbeitet. Nach kurzer Rücksprache mit der Sprechstundenhilfe nimmt sie dankbar das Angebot an, vorgelassen zu werden. Ich bin inzwischen mit den Funktionen des Lesegeräts ganz gut vertraut, man kann sogar eigene Dokumente speichern und überall hin mitnehmen. Prima, später werde ich das Erlebnis "Wartezimmer Zahnchirurgie" aufschreiben und speichern. Vielleicht liest es ja der eine oder andere, und findet Unterstützung dabei, seine Amygdala vor einem Zahnarztbesuch zu beruhigen.

Autor seit 5 Jahren
8 Seiten
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