Was bedeutet "Introversion"?

Inzwischen hat der Begriff "introvertiert" im Volksmund leider eine andere Bedeutung angenommen als sie der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung 1921 dafür vorgesehen hatte. Heute versteht die Mehrheit darunter zum Beispiel Schüchternheit oder Zurückgezogenheit, was mit der ursprünglichen Definition von C. G. Jung nicht mehr viel gemein hat. Laut Jung sind introvertierte Menschen auf ihre innere, subjektive Welt der Gedanken fokussiert, wohingegen der Gegenpol, also der Extravertierte, auf die äußere, objektive Welt ausgerichtet ist und direkte Erlebnisse mit Menschen und Dingen präferiert. Aber wirklich verstanden haben diese Definition jetzt nur die Wenigsten, oder?

Gehen wir mal etwas anders an das Thema heran. Betrachten wir die beiden Typen anhand der Stimulation:

Man möge sich eine Anzeige vorstellen, die einem Thermometer ähnelt, das die Stärke der aktuellen Stimulation darstellt(Bild links). Dementsprechend steigt die Anzeige, sobald äußere Einwirkungen durch die Sinne eintreten(z.B. Menschenmengen, Lärm, Aufregung) und sinkt wenn kaum Stimulation vorhanden ist(z.B. Stille, Alleinsein). Wenn sich das Level der Stimulation am Nullpunkt befindet, ist das Gehirn entspannt und zufrieden, nicht gestresst, nicht über- oder unterlastet. Sinkt das Level jedoch unter Null, dann langweilt man sich und will unbedingt etwas tun, um wieder auf das perfekte Level zu kommen. Umgekehrt wenn das Level steigt, dann fühlt man sich gestresst, überlastet und erschöpft.

Der Unterschied zwischen Introvertierten und Extravertierten lässt sich nun ganz leicht erklären. Stellt man einen Intro- und einen Extravertierten in den selben Raum, so ist trotz gleicher Stimulation von außen das Level bei dem Introvertierten durch eine höhere Gehirnaktivität höher als das des Extravertierten. Somit will der Extravertierte zum Beispiel ein Gespräch beginnen, um auf sein optimales Level zu steigen, wohingegen der Introvertierte lieber alleine wäre, da er seinen angenehmsten Punkt bereits überschritten hat.

Eine andere Weise der Darstellung ist die Betrachtung der Energiegewinnung. Nach einem stressigen Arbeitstag beispielsweise sucht der Extravertierte andere Menschen auf, um seine Energie zu gewinnen. Er braucht den Kontakt nach außen und neue Erlebnisse, um sozusagen seinen Akku wieder aufzuladen. Als Introvertierter stattdessen zieht man sich schnellst möglich in seine Höhle zurück, versucht Kontakt nach außen zu vermeiden und genießt Zeit alleine, um erneut mit einem vollen Akku in den nächsten Tag mit vielen energieraubenden Menschen starten zu können. An dieser Stelle sei deutlich gesagt, dass man Introvertierte hier nicht falsch verstehen sollte. Sie hassen Menschen nicht und wollen auch nicht grundsätzlich Interaktionen mit Mitmenschen vermeiden. Vielmehr sind sie, genauso wie Extravertierte, gerne mit Anderen beisammen und können auch diese Zeit sehr genießen. Allerdings brauchen sie irgendwann einmal den Abstand von Allen, um neue Energie zu tanken.

Introvertiert oder extravertiert?

Die beiden Begriffe Introversion und Extraversion bilden keine Einteilung in zwei Gruppen mit festen Grenzen, stattdessen sind sie als zwei Pole zu verstehen, die auch viel Raum dazwischen bieten. Es gilt also nicht das Entweder-Oder-Prinzip, sondern es gibt verschiedene Ausprägungen. Diese können zwischen stark und schwach oder auch keiner erkennbaren Ausprägung(= Ambiversion) variieren. Außerdem können sowohl Introvertierte typische Eigenschaften von Extravertierten aufweisen, als auch umgekehrt, wodurch Mitmenschen auf dieses Thema bezogen nur schwer zu beurteilen sind. Dabei ist auch zu bedenken, dass Introvertierte sich meist unauffällig und ruhig verhalten, wodurch sie nicht so leicht zu erkennen sind wie Extravertierte. Dies stärkt auch das Gefühl für Introvertierte in der Minderheit zu sein, welches auf Tatsachen beruht. Häufig wird der Anteil an Introvertierten zwischen 20% und 30% geschätzt.

Warum bin ich introvertiert/extravertiert?

Mit Hilfe von Studien wurde gezeigt, dass Intro- und Extraversion angeborene Veranlagungen sind. Selbstverständlich können diese auch durch Erziehung und Umfeld beeinflusst werden, jedoch nehmen die Gene einen deutlich größeren Einfluss auf diese Merkmale.

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