Kurt Spielmann und Ulrike Kinbach ...

Kurt Spielmann und Ulrike Kinbach vermitteln Authentizität (Bild: Maik Reuß)

Eine lebendige und bunte Inszenierung

Theaterstücke in Mundart, dazu noch im "hessische Gebabbel", werden zu Unrecht in die ebbelwoiseelige Blaue-Bock-Ecke gedrängt. Das, was Peter Turrini in das Stück "Josef und Maria" an Botschaften hineingepackt hat, wurde von der Regisseurin Tina Speidel und den beiden glänzenden Schauspielern Ulrike Kinbach und Kurt Spielmann im Cantatesaal am Großen Hirschgraben so authentisch umgesetzt, dass der Zuschauer bisweilen den Eindruck hatte, er befindet sich mittendrin im Geschehen. Das kam nicht von ungefähr. Statt in ein Kaufhaus hatte Tina Speidel die Handlung in ein Theater verlagert, wo die Putzfrau Maria und der Wachmann Josef an Heiligabend ihrem Broterwerb nachgehen und sich dabei näher kommen. Die beiden Protagonisten bewegten sich vor einer Theaterkulisse, die den Hintergrund zu der Geschichte bildet. Es war ein Wechselbad der Gefühle, in das man getaucht wurde. Lachen und Weinen lagen dicht beieinander.

Josef und Maria tanzen Tango

Josef und Maria tanzen Tango (Bild: Maik Reuß)

Ulrike Kinbach und Kurt Spielmann als glanzvolle Darsteller

Einfach wunderbar, wie Ulrike Kinbach über die Bühne wirbelte und eine Charme-Offensive gegen ihren Schauspielpartner Kurt Spielmann startete, indem sie mit ihren kugelrunden Augen kullerte und waghalsige, akrobatisch anmutende Leibesübungen vollführte. Man glaubte ihr glatt, so wie es Turrini der Figur der Maria zugefertigt hatte, dass sie in ihrer Jugend mal Varietetänzerin war und eine große Karriere vor sich hatte. Herrlich, wie sie mit dem Feudel tanzte, Pirouetten drehte und die Beine in höchste Höhen schwang.

Kurt Spielmann in der Figur des Josef erwies sich als kongenialer Partner, der ganz in seiner Rolle als Sozialist aufging, knapp der Todesstrafe durch die Nazis entronnen und krampfhaft an seinem politischen Ideal festhaltend. Josef: "Isch bin doch de letzte von allene Genosse. Der letzte Mohikaner der ausgleischende Gereschtischkeit!". Maria als bodenständige Realistin konterte: "Der Sozialismus is dod!" Im Kontext zu den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD betrachtet, die während der Aufführung kurz vor dem Abschluss standen, gewann dieser Dialog eine brandaktuelle Bedeutung. Letztlich durchlebt Josef in Turrinis Stück eine Art Metamorphose, streift seine Verbissenheit ab und lässt sich auf das menschlichste aller Gefühle ein: Die Liebe. 

Amazon Anzeige

Josef und Maria - Ein Weihnachtsmärchen

Zum Inhalt des Stücks, angelehnt an die Aufführung im Cantatesaal in Frankfurt:

Am Heiligen Abend ist das Theater leer, für die Putzfrau Maria, in ihrer Jugend eine gefeierte Artistin, beginnt die Arbeit. Josef, ein dogmatischer Sozialist mit verpasster Schauspielerkarriere, ließ sich extra an diesem Abend zum Dienst als Nachtpförtner einteilen, "damit es schneller vorbeigeht". Beide wollen aus unterschiedlichen Gründen den Weihnachtsabend nicht zuhause feiern. Zwei ältere, einsame Menschen treffen aufeinander, beginnen über ihre Vergangenheit, Ansprüche, Hoffnungen und Sehnsüchte zu plaudern. Es entspannt sich eine wunderschöne Liebesgeschichte. Ein Weihnachtswunder. Josef und Maria finden an Heiligabend ihr Glück, von dem sie bis zu jenem nicht zu träumen gewagt haben.

Eine der letzten Aufführungen des von Liesel Christ gegründeten Volkstheaters am Großen Hirschgraben

Die fliegende Volksbühne Frankfurt

42 Jahre lang wurden auf der von der Schauspielerin Liesel Christ gegründeten Volkstheater in Frankfurt die unterschiedlichsten Theaterstücke in hessischer Mundart gespielt, seit 1975 im Cantatesaal. Im Juni 2013 wurde die von den Töchtern der Gründerin geführte Bühne geschlossen. Entstanden war der Gebäudekomplex im Großen Hirschgraben 19-21, direkt neben dem Goethehaus in den Jahren 1953 bis 1957. Der Architekt Wilhelm Massing hatte den Neubau als Sitz des Börsenvereins des deutschen Buchhandels entworfen und mit dem Cantate-Saal ausgestattet. Bei den Buchhändlern war es Usus, alljährlich am Sonntag Cantate, dem 4. Sonntag nach Ostern, abzurechnen. Aus dieser Tradition heraus war der Name entstanden.Im Cantatesaal fanden in den 50er und 60er Jahren Veranstaltungen mit berühmten Autoren wie Paul Celan, Ingeborg Bachmann oder Samuel Beckett statt. Bevor Liesel Christ mit dem Volkstheater 1975 einzog, war dort das Programmkino "Lupe2" untergebracht

Seit Oktober 2013 hat die Fliegende Volksbühne in der Tradition von Liesel Christ im Cantate-Saal nun wieder eine feste Spielstätte. Die Koalition von CDU und Grünen im Frankfurter Römer hat am 10. Dezember entschieden, den Cantatesaal zu erhalten und als dauerhafte Spielstätte für die Fliegende Volksbühne, ein eingetragener Verein, zur Verfügung zu stellen. 

Krimifreundin, am 18.12.2013
7 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.


Laden ...
Fehler!