Keine Angst vor der Diagnose!

Oft verfallen Patienten, die von dieser Diagnose hören, sofort in Panik und halten sich für unheilbar krank. "Unheilbar" sind jedoch nur die Gelenkverknöcherungen, die durch jahrelang unentdeckte Entzündungen hervorgerufen werden können. Die Krankheit ist weder lebensbedrohlich noch unkontrollierbar. Im Gegenteil, sie verläuft individuell sehr verschieden, hängt von der jeweiligen Lebensphase ab und kann gut in Schach gehalten werden, wenn man verschiedene Faktoren in seinem Leben beachtet. Doch wir möchten Schritt für Schritt vorgehen und erst einmal klären, wie man Bechterew-Symptome frühzeitig erkennt, bevor die verschiedenen Therapieformen näher erläutert werden.

Was genau löst die Krankheit aus?

DEN einzigen Auslösefaktor gibt es nicht. Es wird davon ausgegangen, dass das Immunsystem durch frühere Infektionen von Harnwegen oder Darm fehlgesteuert wird und sich in der Folge gegen körpereigene Gelenkstrukturen richtet. Es schlägt sich dann als chronische Entzündung vor allem im Bereich der Wirbelsäule nieder.

Symptome der Krankheit

Die Symptome der Krankheit treten meist im jungen Alter zwischen 15 und 40 Jahren zum ersten Mal auf.

Achten Sie auf folgende Zeichen:

  • Morgensteifigkeit, d.h. Schwierigkeiten nach dem Aufstehen "in die Gänge zu kommen"
  • Schmerzen in der unteren Lendenwirbelsäule (Illiosakralgelenk, auch Kreuz-Darmbeingelenk genannt), besonders in Ruhephasen, in der Nacht und in den frühen Morgenstunden
  • Schmerzende Sehnenansätze, hauptsächlich im Hüftbereich, aber auch an Achillessehne
  • Häufig auftretende Regenbogenhaut- und Bindehautentzündung
  • Schmerzen in Rippen oder Brustbein
  • Schuppenflechte oder Neurodermitis treten parallel dazu auf

Wenn Sie ein oder mehrere Symptome an sich feststellen, sollten Sie noch die erbliche Komponente bedenken. Litt oder leidet jemand aus Ihrer Familie an Morbus Bechterew?

Einige Symptome treffen bei Ihnen zu? Lesen Sie weiter, wie Sie zu einer gesicherten Diagnose kommen.

Diagnosestellung

Wenn Sie eine gesicherte Diagnose anstreben, sollten Sie einen Rheumatologen aufsuchen. Er wird mit Hilfe eines Bluttests bestimmen, ob Sie Träger des vererbaren Risikomarkers HLA B27 sind. Wenn ja, ist das zwar noch keine gesicherte Diagnose für Bechterew, kann aber als Tendenz gewertet werden, wenn noch andere Symptome hinzukommen. Auch die Blutsenkungsgeschwindigkeit kann darüber Auskunft geben, ob im Körper Entzündungsprozesse stattfinden. Um sicherzugehen wird der Arzt Ihnen eine Magnetresonanztomographie (MRT)

des rechten und linken Kreuz-Darmbeingelenks vorschlagen, die Aufschluss über Entzündungen oder verfestigte Strukturen gibt. Erst danach wird der Arzt Ihnen eine individuelle Behandlung vorschlagen, die je nach Schweregrad auch die lebenslange Einnahme von Medikamenten bedeuten kann.

Mein Tipp: Sollte nicht das von Ihnen vermutete Ergebnis herauskommen, gehen Sie zu einem anderen Rheumatologen und holen Sie eine Zweitmeinung ein. Meine Erfahrung ist leider die, dass bildgebende Verfahren und Symptome selbst von Fachärzten verschieden interpretiert werden. Im Raum Stuttgart wird in vielen Bechterew-Foren die Praxis von Dr. Wilhelm empfohlen, der immer ein offenes Ohr für seine Patienten hat.

Medikamentöse Behandlung

Die Krankheit verläuft meist schubartig, d.h. es kann Wochen mit intensiven Schmerzen bzw. Steifigkeit geben und dann wieder Wochen ohne größere Beschwerden. In den nächsten Abschnitten erhalten Sie einen Überblick über die häufigsten verschriebenen Medikamente:

  • NSAR (Wirkstoff Diclofenac): Da diese Medikamente blutverdünnende Eigenschaften haben und zu Magenblutungen führen können, sollten sie auf Dauer nur nach Rücksprache mit einem Arzt eingenommen werden. Unter Umständen sollten gleichzeitig Magenschutz-Tabletten eingenommen werden. Bei einer leichten schubhaften Erkrankung kommen manche Patienten nur mit diesen Medikamenten und einem regelmäßige Bewegungsprogramm aus.
  • Cortison: Sie wirken stärker als die NSAR, werden aber nur zeitweise bei Schüben und nicht zur Dauertherapie eingesetzt.
  • Sulfasalazin: Diese Behandlung, die eigentlich hauptsächlich bei Rheuma eingesetzt wird, wird bei Morbus Bechterew nur dann angewandt, wenn periphäre Gelenke des Körpers (also z. B. Schulter oder Knie) von Entzündungen betroffen sind. Wenn man sich dafür entschließt, sollte der  Stoff allerdings permanent über mindestens 2 Jahre eingenommen werden.
  • Biologika (TNF-alpha-Blocker): Wenn der Bechterew sehr stark im Körper "wütet", können sehr teuere TNF-Blocker verschrieben werden. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr liegt jedoch darin, dass das Immunsystem dadurch geschwächt wird und andere Infektionskrankheiten leichteres Spiel haben.

Was kann man außer Medikamenten selbst noch tun? Bewegung ist essentiell

Das Motto für Bechterew-Patienten lautet: "Bechtis brauchen Bewegung!" Ein tägliches Bewegungsprogramm sollte in den Alltag integriert werden. Wer mit Schmerzen in Gelenken kämpft, ist natürlich oft nicht sonderlich motiviert, sein Training einzuhalten. Die Übungen sollten trotzdem konsequent durchgeführt werden, denn die Bewegung ist eine erfolgreiche Maßnahme, um der Einsteifung entgegenzuwirken. Damit Sie auch die richtigen Übungen absolvieren, gibt es beim DVMB einen Kalender, auf dem alle krankengymnastischen Übungen gut erklärt und abgebildet sind.

Wer grundsätzliche Motivationsprobleme hat oder nicht weiß, ob die Übungen für den speziellen Fall angemessen sind, sollte sich einer Therapie-Gruppe in seiner Nähe anschließen oder einen spezialisierten Physiotherapeuten aufsuchen.

Was tun, wenn durch Verhärtungen Nerven eingeklemmt sind?

Leider gibt es seltene Fälle, bei denen Nervenstränge im Bereich der Leiste durch Bechterew-Verhärtungen eingeklemmt werden. Resultat ist ein schmerzender Nerv im Bereich der Leiste, der bis in den Oberschenkel hinein schmerzt und ein schmerzfreies Gehen ist kaum noch möglich. Nach solchen Fällen und einer möglichen Therapie sucht man in Fachforen vergeblich. Ärzte wissen keinen Rat und sprechen von einer "Sportlerleiste", auch wenn man gar keinen Sport betreibt. In diesem Dilemma kann ich nur empfehlen, die Blockaden im Kreuz-Darmbeingelenk durch diese Übung wieder aufzulockern: Stellen Sie sich aufrecht hin, die Beine dicht beeinander. Versuchen Sie nun ihr Gewicht auf ein Bein zu verlagern, indem Sie im Kreuz-Darmbeingelenk einknicken. Dann versuchen Sie dasselbe auf der anderen Seite. Wenn Ihr Po hin- und herwackelt, haben Sie es richtig gemacht!

Wirbel wieder in die richtige Position bringen

Wer bei der Gymnastik immer wieder ein Knacken der Rücken- und Brustwirbel hört und sich auch so fühlt, als wäre etwas verzogen oder Gewebestrukturen verhärtet, der sollte diese sehr wirksame und vielfach erprobte Übung durchführen:

Die Übung kann noch gesteigert werden, wenn Sie sich anstatt der Rolle einen harten Ball (Durchmesser ca. 20-25 cm) besorgen und sich mit dem Rücken darauflegen, indem Sie auf und ab rollen. Verfestigte Wirbel werden dadurch wieder gelöst und der Patient fühlt sich gleich besser.

TENS-Gerät

Im akuten Schub wirkt auch ein TENS-Gerät zur Elektrotherapie. Informieren Sie sich in diesem Artikel ausführlich über Anwendungsgebiete und Handhabung.

Psyche

Die psychische Verfassung, in der sich der Patient befindet, spielt bei Morbus Bechterew eine entscheidende Rolle. In sehr schwierig zu bewältigenden Lebenssituationen kann es durchaus Sinn machen, auch psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach Aufarbeitung und Bewältigung des zugrundeliegenden Problems geht es sehr vielen Patienten auch körperlich gleich besser. Es handelt sich um einen Teufelskreis, wer gesundheitliche Probleme hat, rennt erst einmal von Arzt zu Arzt und hofft auf Hilfe, die in vielen Fällen jedoch ausbleibt. Dass dies auch deprimiert und frustriert, ist offensichtlich. Erst wenn die Erkrankung erkannt und behandelt wird, kann es aufwärts gehen. Einige Neurologen haben die Problematik erkannt und verschreiben Amitriptylin (30mg/Tag), um einerseits die Schmerzschwelle zu erhöhen (man fühlt sich insgesamt besser) und andererseits den erholsamen Schlaf zu fördern.

Ernährung

Achten Sie als "Bechti" auf eine gemüse- und obstreiche Ernährung und nehmen Sie nur wenig Wurst- und Fleisch zu sich. Fisch hingegen, der reich an Omega-3-Fettsäuren ist, ist eine willkommene Abwechslung. Omega-3-Fettsäure-Kapseln können Sie auch zusätzlich gegen die Entzündung einnehmen. Achten Sie außerdem an eine Vitamin-E-reiche Kost, verwenden Sie deshalb ausschließlich Pflanzenöle und essen Sie beispielsweise gedünsteten Spinat oder Grünkohl.

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Neurokognitive Therapie

Derzeit führt meines Wissens nur Dr. Eckehard Wüst in München diese Therapie durch. Dieser Therapieansatz geht davon aus, dass in den Sitzungen durch Rückführungsmeditationen gestörte Nervenstrukturen (die die Krankheit ausgelöst haben) wieder gesunden können. Seine Erfolge, gerade bei jüngeren Patienten, sprechen für sich, wenn auch die Therapie recht kostspielig ist und aus eigener Tasche (ohne Krankenkassen) finanziert werden muss.

Radontherapie

Bad Gastein wirbt mit einer Radon-Heilstollenbehandlung. Nach der Behandlung kommt es bei vielen Patienten zu einer deutlichen Besserung der Krankheitssymptome. Da Radon durch diverse Pressemeldungen in den Verdacht geraten ist, Lungenkrebs zu verursachen, sind viele Patienten verständlicherweise verunsichert. Der Bundesverband Morbus Bechterew e.V. geht bei der Therapie jedoch von einer geringen und unschädlichen Dosis aus. Demnach sei Rauchen weit gefährlicher als eine Radontherapie bei Morbus Bechterew. (siehe auch Radon-Risiko).

Es gibt nie eine Garantie für einen milden Krankheitsverlauf. In der Regel haben Sie aber bei Morbus Bechterew vieles in der eigenen Hand. Bei rechtzeitiger Erkennung muss es nie zu einer Versteifung der Wirbelsäule oder anderer Gelenke kommen. Sehr viele Menschen haben gelernt damit im Alltag umzugehen und können all ihren Aktivitäten und Hobbys nachgehen. Das gelingt mit Sicherheit auch Ihnen!

 

Bitte beachten Sie: Gesundheitliche Probleme gehören in eine ärztliche Beratung, den dieser Artikel nicht ersetzen kann.

Autor seit 6 Jahren
104 Seiten
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