Die guten, alten Zeiten - Es wird Zeit sich Gedanken zu machen.

In den letzten Jahrzehnten hat sich, besonders in Deutschland, so einiges geändert. Die hochgelobte Globalisierung hat nicht nur ihre Vorteile. Gut, man bekommt jetzt tolle Südfrüchte, exotisches Gemüse und braucht bei seinem Mallorca-Urlaub keinen Taschenrechner mehr, um die Preise auf der Speisekarte umzurechnen. Jedoch hat jede Medaille zwei Seiten. Schaut man sich mal so in den Einkaufsregalen von Media-Markt und Co um, dann fällt einem schnell auf, dass dort nur noch ein Bruchteil an Waren vorhanden sind, die Arbeitsplätze in Deutschland sicher stellen. Besonders im Bereich der Unterhaltungselektronik findet sich so gut wie kein Produkt, welches keinen "Made in Fern Ost" Stempel trägt. Firmen, die ihre Produktion noch nicht nach Asien verlagert haben, sind zumindest in Richtung Osten gerückt und lassen in den Billiglohnländern, wie Rumänien oder Ungarn produzieren.

In den letzten 3 Jahrzehnten sind die Preise exorbitant angestiegen. Nicht zuletzt die Euroeinführung hat für gravierende Preissprünge gesorgt. Betrachtet man besonders die Energiekosten, wie Strom, Gas, Benzin oder Öl, dann kann einem schon schwindelig werden. Da kommt mir immer das Lied aus den 80ern von Markus in den Kopf. Im Lied "Ich will Spaß" kommt eine Textpassage vor, die wie folgt lautet:

Und kost Benzin auch 3 Mark 10
Scheiß egal, es wird schon gehen...

Damals lag der Spritpreis bei unter einer Mark und niemand hat auch im Geringsten daran geglaubt, dass man heute über 3 Mark 10 schon froh wäre. Je nach Treibstoffsorte, sind ja heute Preise von umgerechnet 3,50 DM keine Seltenheit. Das Einzige, was diese rasante Entwicklung nach oben nicht mit gemacht hat, ist der Lohn und das Gehalt des Otto-Normal-Verdieners.

Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht - Eine Kerze für alle die, die der Entwicklung zum Opfer gefallen sind.
Screenshot - kerze-anzuenden.de

Screenshot - kerze-anzuenden.de

Die schöne neue Welt - Eine Kerze für die Opfer der Entwicklung.

Der Anlass für diesen Artikel war eine Surf Tour durch das World Wide Web bei der ich, unter anderem, auf der Seite Kerze-anzuenden.de gelandet bin. Die Plattform bietet die Möglichkeit eine virtuelle Kerze zu entzünden. Das kann man für alle möglichen Anlässe tun, aber die Trauerkerzen überwiegen und machen den größten Teil dieser entzündeten Kerzen aus.

Beim durchscrollen bin ich auf die Kerze und die Worte im oben abgebildeten Screenshot gestoßen. Hier hat ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin eine Kerze für ihre beiden verstorbenen Arbeitskolleginnen entzündet. Wie man den Worten entnehmen kann, standen die beiden wohl kurz vor ihrer wohlverdienten Rente.

Nicht nur das Leben ist teurer geworden - auch die Arbeit, um sich das Leben überhaupt leisten zu können, wird immer härter, schwerer und ist mit Stress und Konkurrenzdruck verbunden. Das Rentenalter ist angestiegen und die Angst um ihren Arbeitsplatz belastet die Menschen zusätzlich.
In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit bangt jeder davor, seinen Arbeitsplatz zu verlieren und gerade im höheren Alter ist man sich bewusst, dass man so schnell auch nichts neues finden wird. Ein Arbeitsplatzverlust würde mit einer niedrigeren Rente einhergehen,denn nur 2-3 Jahre, die man dann vielleicht zwangsweise mit dem Rutsch in das schöne Hartz 4 nach Ablauf vom ALG I bis zum Rentenalter irgendwie überbrücken muss, senken die Rentenerwartung erheblich. Oder man nimmt erhebliche Abschläge in Kauf und versucht eben in Frührente zu gehen. Alle diese Gedanken und Ängste liegen auf den Schulter derer, die noch einen Arbeitsplatz haben und da wird auch mal, trotz der Grippe, zu allen möglichen Medikamenten gegriffen, um völlig zugedoped irgendwie den Arbeitstag oder gar die ganze Woche sein Pensum zu absolvieren. Schließlich kann man es sich nicht "leisten" der Arbeit fern zu bleiben und den eventuellen Rausschmiss zu riskieren.

Wen wundert es da, dass man dann auf solche Anzeigen oder virtuelle Gedenkkerzen stößt.

Die Flucht vor "1984"

Wer den Film oder das Buch von George Orwell "1984" kennt, weiß sicher was ich meine, wenn ich sage, ich bin dem Hamsterrad entflohen. Das Buch wurde direkt nach dem 2. Weltkrieg (1946-1948) geschrieben und 1949 veröffentlicht. In der Geschichte geht es um die zukünftige Entwicklung und den Weg zu einem totalitäreren Überwachungs- und Präventionsstaat im Jahre 1984. Wenn Orwell gewusst hätte, dass er sich lediglich um 30 Jahre verschätzt hat, die Entwicklung sich aber durchaus vergleichen lässt, dann würde er sich heute sicher im Grabe umdrehen.

Heute zählt nur noch das Tagewerk. Für Freunde, Bekannte und Familie bleibt kaum noch Zeit. Geschafft, gestresst und fix und fertig, freut man sich nur noch darauf am Wochenende ein wenig Ruhe zu finden, um wieder "fit" zu sein für die nächste anstrengende Woche. Wie mit Scheuklappen wird der gleiche Tagesablauf runter gespult und links und rechts des Weges die schönen Dinge des Lebens nicht mehr beachtet und übersehen.

Ich für meine Person habe den Sprung aus diesem Teufelskreis gewagt und habe ihn bis jetzt nicht einen einzigen Tag bereut. Meine Reise ging nach Südamerika und dort lebe ich nun seit einiger Zeit. Hier merkt man auf einmal, dass es auch noch etwas anderes gibt, als sich bis knapp 70 kaputt zu arbeiten, um dann eventuell kurz vor seinem wohlverdienten Ruhestand ins Gras zu beissen. Hier liegen die Prioritäten noch ein wenig anders. Zunächst kommt die Familie, dicht gefolgt von den Freunden und dann erst lange nichts. Danach kommt erst die Arbeit. Besonders die Deutschen, die ich hier kennen gelernt habe, zumindest die meisten, halten das für eine undisziplinierte Einstellung und bezeichnen die Einwohner als dumm und faul. Das stimmt so nicht. Hier haben sie eben erkannt, dass es noch etwas anderes im Leben gibt, als 45 oder mehr Jahre Frondienst zu leisten.

Die große Frage ist, wer hier dumm ist. Aber wie will man es besonders den Deutschen verübeln, werden sie doch von Klein auf darauf vorbereitet und in die Leistungsgesellschaft einzementiert. Hier sieht man fast nur lachende und fröhliche Menschen, selbst wenn sie noch so arm sind. Stress oder Burn-Out kennt man hier höchstens aus dem Fernsehen. Die Mentalität muss man, gerade als Europäer, erst mal verstehen lernen, denn man bekommt ja schon in der Schule eingebläut, dass man erfolgreich zu sein hat und es das höchste Ziel ist, einen tollen Job zu haben und möglichst viel Geld zu verdienen. Hinterfragt man jedoch die Einstellung etwas genauer, die hier zum allgemeinen Leben herrscht, merkt man irgendwann:

Hey - die haben vollkommen Recht.
Man kann nichts mit ins Grab nehmen.

Vielleicht sollte ich für alle, die sich noch im Orwellschen Hamsterrad befinden, eine Andachtskerze entzünden.

Autor seit 5 Jahren
153 Seiten
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