Lektorat: das beste, was deinem ...

Lektorat: das beste, was deinem Text passieren kann (Bild: johannes flörsch)

Warum du dir ein Lektorat leisten solltest - Wer gut sein will, muss zahlen

Du hast eine Geschichte zu erzählen. Es drängt dich, deine Gedanken aufzuschreiben. In dir klopft eine Erzählung an die Tür, die nach draußen führt in die Öffentlichkeit – du willst sie ver-"öffentlichen".

Zuerst schreibst du sie auf, die Geschichte; nehmen wir an, eine Erzählung mittleren Umfangs. Auf etwa 60 bis 80 Seiten schilderst du, wie Lotte, deine 20 Jahre alte Heldin, aus ihrem Elternhaus flüchtet, weil sie ein "guter" Onkel auf jeder Familienfeier in die Besenkammer zieht. Ein ordentliches deutsches Roadmovie, das Lotte aus ihrem kleinen Örtchen im Schwarzwald bis nach Hamburg führt, wo sie zum Schluss an der Mole steht und in Gedanken einen Dampfer besteigt, der sie in eine gelobte Zukunft führen soll. So weit, so gut.

Die Geschichte ist rasch niedergeschrieben, nach acht Wochen setzt du den Schlusspunkt. Dein Herz klopft – endlich hast du es geschafft! Eine eigene Geschichte, eine Erzählung, die dir am Herzen liegt. Du hast alles gegeben, nun soll alle Welt lesen, was du erschaffen hast, die nächste Stufe kann gezündet werden: Du denkst an eine Veröffentlichung deiner Geschichte!

Lektorat: Guter Tipp Nummer 1 - Vertraue niemandem aus der Nachbarschaft!

Dummerweise tauchen genau jetzt Zweifel auf, und mit einem Mal bekommst du es mit der Angst zu tun. Du erinnerst dich an spöttelnde Bemerkungen deiner Familie über dein Hobby, in deinem Kopf erscheinen die bissigen Bemerkungen mancher Lehrer über deine Rechtschreibung – kurz, du bekommst Lampenfieber. Spätestens jetzt tut guter Rat not. Es wird Zeit, dass jemand anderer dein Werk zu lesen bekommt.

Eine Warnung vorab

Wenn deiner Freundin dein Werk gefällt, weißt du, dass du eine Leserin haben wirst. Wenn dein Arbeitskollege es toll findet, was Lotte erlebt, hast du einen Bewunderer. Zwei Leser, die entweder zu höflich, zu feige oder, was am wahrscheinlichsten ist, zu unerfahren sind, dir die Wahrheit zu sagen. Zwei verschenkte Käufer obendrein! Such dir einen Lektor.

Professionelles Lektorat bedeutet "mit Sachkenntnis und respektvoll"

Ein Lektor nimmt keine Rücksicht auf deine Seelenlage, das ist nicht seine Aufgabe. Aber er kennt die Mühen, die es dich gekostet hat, deine Geschichte zu Papier zu bringen. Davor hat er Respekt, und deshalb wird er dich mit Respekt behandeln. Bei einem Lektor erfährst du zum ersten Mal, was deine Geschichte wert ist. Und du erfährst, wie du sie besser machen kannst. 

Hemingway, so geht das Gerücht, habe seine Werke bis zu zwölfmal überarbeitet. Der Mann bekam 1954 den Literaturnobelpreis. Glaubst du wirklich, Hemingway hat ohne Lektor gearbeitet? Von wegen! Seine Novelle Der alte Mann und das Meer hat er Max Perkins gewidmet, seinem Lektor! 

Ein halbes Jahr lang hat Elia Kazan (gestorben 2003), der Nobelpreisträger, mit seinem Lektor Sol Stein am Stück "Das Arrangement" zusammengearbeitet, bevor das Werk zur Veröffentlichung gelangte. Hat Kazan nicht selbst gut genug schreiben können?

Mit einem Lektorat beweist du die Wertschätzung für deine eigene Arbeit.

Was geschieht in einem Lektorat?

Im Internet findest du eine große Zahl an Angeboten, die als Lektorat gekennzeichnet sind; nicht selten handelt es sich dabei um reine Korrekturdienste. Das liegt an dem ein wenig unscharfen Begriff "Lektorat", der bei Google hoch im Kurs steht: Wer seine Texte prüfen lassen möchte, sucht meist nach "Lektorat" und weniger nach "Korrektur". Das Lektorat kann folgende Punkte umfassen, abhängig von der Art des Textes und der Absprache zwischen euch beiden:

  1. Rechtschreibprüfung. Orthografie, Grammatik
  2. Prüfung des Schreibstils. Ist der Stil dem Thema angemessen?
  3. Konsistenz. Hast du auch immer "Meier" geschrieben, wenn du Meier gemeint hast, oder ist vielleicht ein Mayer dazwischengerutscht?
  4. Logik. Beim Film auch als "Continuity" bekannt, geht es hier um die Frage: Kann Lionel tatsächlich schon in Singapur sein, wenn er gerade eben noch in Helsinki an der Hotelbar einen zur Brust genommen hat? Oder: Kann Susan tatsächlich eine Zigarette, die sie eben angezündet hat, schon nach zwei Sekunden geraucht haben?
  5. Struktur. Folgen die Kapitel einer inneren Logik? Kann ein Umbau Spannung erhöhen? Welche Teile sind schlichtweg überflüssig?

Wie stark der Lektor in deinen Text eingreifen soll, wirst du vorher vereinbaren müssen. Je besser der Lektor über dein Projekt informiert ist, desto besser wird seine Arbeit. Ganz wichtig: Kläre, ob dein Lektor tatsächlich für dein Projekt der geeignete Partner ist. Drei Aspekte könntest du dabei berücksichtigen:

  1. Das Persönliche. Du gehst ein hohes Risiko ein, wenn du deinen Text, deine Erzählung, dein Gedicht in fremde Hände legst. Du musst spüren, ob es die richtigen Hände sind. Achte bei einem Vorgespräch darauf, ob dir der Mensch sympathisch ist, ob du ihm vertrauen kannst, denn er wird dir auf jeden Fall weh tun, ohne dich verletzen zu wollen. 
  2. Das Fachliche. Frage ihn nach Referenzen. Jemand, der Gedichte als Fachgebiet nennt, weiß vielleicht wenig über Spannungsbögen beim Thriller oder der Struktur einer Kurzgeschichte. Letzten Endes aber kann persönliche Sympathie fachliche Bedenken beiseite schieben: Das Lektorat ist eine intime Angelegenheit! Falls du eine Abschlussarbeit (Bachelor, Master, Doktorarbeit) ins Lektorat schickst, kann es hilfreich sein, wenn dein Lektor keine (ich wiederhole: keine!) tiefere Kenntnis von deinem Fach besitzt, die ihn in vielleicht trügerische Sicherheit wiegt.
  3. Die Zeit. Setz' deinen Lektor nicht unter Druck, aber kläre den Zeitrahmen. Wie lange wird er für eine Überarbeitung benötigen? Denke daran, dass du wahrscheinlich nicht als einziger seine Dienste beanspruchst – ein guter Lektor ist nie arbeitslos! Und trotz allem Gerede über Multitaskingfähigkeiten stell dir die einfache Frage, was dir lieber ist: eine schnelle oder eine solide Bearbeitung deiner Texte?

Wie du das alles herausfinden kannst? Indem du deinen Lektor fragst! Lass' ihn reden! Bereite dich auf das Gespräch vor. Schreibe auf, was du wissen willst, versuche mit ihm ins Gespräch zu kommen – im Gespräch zeigt sich rasch die Sympathie und ob du ihm vertrauen möchtest. Frag ihn, wie er arbeitet, frag ihn, was er unerlässlich hält für sein Lektorat. Schildere ihm deine Situation, erzähle deine Geschichte, gib ihm einen Einblick. Und dann bittest du unter Umständen um Bedenkzeit.

Das Lektorat: Pfad in luftiger Höhe

Das Lektorat: Pfad in luftiger Höhe (Bild: johannes flörsch)

Was kannst du tun?

  • Wenn du deine Geschichte zum Lektorat schickst, tu nicht so, als sei sie bereits druckfertig – will sagen: Versuche dich nicht an einem Layout. Das erschwert die Arbeit des Lektors!

Der Lektor liest dein Werk, erstens. Dein Lektor wird sich Notizen machen müssen. Einige davon stehen am Rand deines Textes, also lass ihm Platz. Schicke ihm ein Dokument, das einen ordentlichen Rand auf der rechten Seite aufweist und eineinhalb Zeilen Durchschuss, also Zeilenabstand. Numeriere die Seiten, und schreibe in die Fußzeile den Titel der Geschichte. Das Lektorat kann beginnen.

  • Verwende maximal zwei Schrifttypen, eine für die Überschriften, eine für den Fließtext (also deinen eigentlichen Text). Auch hier gilt: keine exotischen Typen, entscheide dich für Standardschriften. 
  • Lies deine Texte selbst Korrektur, oder lass deine Textverarbeitung die schlimmsten Auswüchse ausbessern.

Manche Lektoren freuen sich über die Korrekturarbeit (ich zum Beispiel) – andere empfinden sie als Last. Zudem lenken Korrekturarbeiten vom Lektorat ab, weswegen Lektoren Stilfragen und Rechtschreibkontrolle voneinander trennen (ich zum Beispiel). Je weniger es zu korrigieren gibt, desto rascher ist die Arbeit erledigt und desto niedriger fällt die Rechnung aus.

Persönliches und eher Hintergründiges zum Lektorat.

Was mir noch am Herzen liegt

Seit etwa Mitte des Jahres 2012 zeigt die Diskussion in den Schreib-Foren eine deutliche Tendenz: Die Zahl der Befürworter eines Lektorats wächst. Die Aussagen reduzieren sich meist auf ein einziges Argument:

Mit einem Lektorat wird dein Werk besser – ein besseres Werk verkauft sich besser!

Ich wünsche dir von Herzen viel Erfolg für deine Geschichten.

Und einen sauguten Lektor!

jofl, am 21.11.2012
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