Die biblische Maria: Wahrheit und Irrtum

Eine Spurensuche im Neuen Testament der Bibel bringt ernüchternde Resultate. Abgesehen von der Weihnachtsgeschichte, tritt die Mutter Jesu nur sporadisch in Erscheinung. Demnach handelt es sich um ein verlobtes Mädchen (vermutlich im Teenageralter), welches eine Engelsbotschaft erhält, auf übernatürliche Weise schwanger wird und gemeinsam mit ihrer kleinen Familie zunächst allerhand Unannehmlichkeiten erleidet. Von besonders heiligem oder wundertätigem Wirken der Maria selbst findet sich in der Bibel dagegen nichts. Auch der Einfluss auf ihren Sohn Jesus hält sich in Grenzen, wie beispielsweise die Episode von der Hochzeit zu Kana im Johannesevangelium aufzeigt.

Nichts mit dem biblischen Bericht hat hingegen die sogenannte unbefleckte Empfängnis zu tun. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung bezieht sich dieser Begriff nicht auf Marias durch den Heiligen Geist bewirkte Schwangerschaft. Das Dogma der unbefleckten Empfängnis geht auf Papst Pius IX. (1792-1878) zurück. Gemeint ist damit, dass nach katholischer Lehrmeinung Maria bereits seit ihrer Zeugung sündlos war.

Spekulative Interpretationen der Bibeltexte zu Maria

Noch einmal ausdrücklich in der Bibel erwähnt wird Maria jedoch im Zuge des Passionsgeschehens. Demnach fordert der gekreuzigte Jesus seinen Jünger Johannes auf, sich um Maria zu kümmern. Aus dieser kurzen Szene leiteten die frühen Kirchenväter folgendes ab: Nach außerbiblischer Überlieferung lebte und lehrte der Apostel Johannes später in der Stadt Ephesus in der heutigen Türkei. Da ihm die Fürsorge für Maria übertragen wurde, müsse diese demzufolge ebenfalls in Ephesus gewohnt haben. In den Ruinen der antiken Stadt wird daher bis heute der angebliche Standort von Marias Haus gezeigt.

Die Mythen um Maria versuchen sogar, deren Herkunft zu erklären. Die Bibel sagt darüber zwar nichts aus. Doch Marias Eltern sollen die Namen Joachim und Anna getragen haben. Marienverehrer berufen sich dabei auf das nichtbiblische Evangelium des Jakobus, welches im weiteren Sinne zum Kreis der sogenannten Apokryphen zählt. Komplizierter verhält es sich dagegen mit dem Status Marias als "Mutter Gottes". Nach biblischer Aussage ist Jesus Christus der "Sohn" und neben dem "Vater" und dem "Heiligen Geist" ein Teil der dreifachen Gottheit. Da Maria Jesus geboren hat, wird sie in der römisch-katholischen Kirche bisweilen als Mutter Gottes bezeichnet.

Wie der Marienkult entstand

Doch der Titel "Mutter Gottes" erklärt sich nicht allein aus dieser etwas wirren Konstellation (nach welcher Maria auch die Großmutter Jesu sein müsste). Die Verehrung Marias als Heilige Jungfrau und Gottesmutter wurzelt vielmehr in einem Dilemma der frühen Kirchengeschichte. Das Christentum litt zunächst unter Verfolgung, wurde ab Kaiser Konstantin dem Großen jedoch legalisierter, gleichberechtigter Glaube. Bereits während der Verfolgung, in viel stärkerem Maße jedoch danach, kam es zu unterschiedlichen Lehrmeinungen innerhalb der Glaubensbewegung. Dieser für Religionen völlig normale Vorgang potenzierte sich allerdings durch den Aufstieg des Christentums zur offiziellen Religion, da im Gedankengut der ehemaligen "Heiden" natürlich weiterhin alte Gottesvorstellungen vorhanden waren.

Der Theologe Gottfried Meskemper merkt dazu an, dass ein Auseinanderbrechen der christlichen Bewegung drohte. Verhindert wurde dies offenbar durch einen fatalen Liberalismus, welcher die Vermischung der bisherigen Praktiken antiker Götterverehrung mit dem christlichen Glauben zuließ. Noch heute basieren zahlreiche Details orthodoxer und römisch-katholischer Glaubenslehre (Weihwasser, Reliquien, priesterliche Autorität) auf jener Entwicklung. Auch die Anbetung einer Gottesmutter gehört in diesen Kontext, denn schon die Kulturen des Altertums und der Antike im Mittelmeerraum kannten entsprechende Gottesmütter. Die bekanntesten sind vermutlich die ägyptische Isis und die griechische Hera.

Die Marienerscheinungen der Neuzeit

Erst die reformatorischen Umbrüche des 16. Jahrhunderts sowie die Entstehung des Protestantismus bewirkten, dass die Marienverehrung heute kein allgemeingültiges Merkmal des Christentums mehr ist. Dennoch erhielt der Glaube an eine göttliche Maria immer wieder neue Nahrung. Bis heute finden sich an zahlreichen Mariengrotten Dankschriften von Menschen, die ihre Gesundung der Heiligen Jungfrau zuschreiben. Gerade in den letzten beiden, eigentlich stark rational geprägten Jahrhunderten ereigneten sich zudem mehrere seltsame Erscheinungen, welche der Marienanbetung Auftrieb verliehen. Nur wenige dieser Visionen wurden vom Vatikan anerkannt, doch einige Orte brachten es dadurch zu überregionaler Bekanntheit: Das französische Lourdes (1858), das deutsche Marpingen (1876/77 und 1999) sowie das portugiesische Fatima (1917) gelten bis heute als wundertätige Wallfahrtsorte und ziehen Heerscharen von Pilgern an. Verwunderlich ist allerdings, dass diese populärsten Marienerscheinungen in einem Detail übereinstimmen: Stets waren es genau drei Kinder oder Frauen, denen Maria zuerst erschien...

Die Marienverehrung heute

In jüngerer Vergangenheit förderte zudem vor allem Papst Johannes Paul II. die Marienverehrung. Doch auch Nichtkatholiken können sich dem Thema "Maria" kaum entziehen: Selbst in weltlichen Kalendern hat der Marienkult bereits seine Spuren hinterlassen. So werden in katholisch geprägten Bundesländern unter anderem die Marienkrönung (22. August), Marias Geburt (8. September), Mariä Empfängnis (8. Dezember) und Marias Himmelfahrt (15. August) begangen. Der letztgenannte Feiertag soll übrigens früher ein heidnisches Himmelfahrtsfest gewesen sein. Der Popularität des hebräischen Mädchens, welches unverhofft zur Gottesmutter stilisiert wurde, tut dieser kleine Schönheitsfehler offenbar dennoch keinen Abbruch...

Autor seit 5 Jahren
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