Blick auf Betlehem: Links im Bild eine Mauer der Geburtskirche

Jesus: Göttlich und menschlich zugleich?

Aus den zahlreichen biblischen Aussagen zur Person des Jesus Christus ergibt sich das Bild eines Mannes mit gleichzeitig göttlichen und menschlichen Wesenszügen. Seit jeher in der Kritik steht dabei die Aussage, dass seine Mutter Maria eine Jungfrau gewesen ist, die Zeugung also einen übernatürlichen Ursprung hat. Bereits in der Zeit des Urchristentums kam daher die Behauptung auf, ein römischer Soldat sei der Vater von Jesus gewesen. Marias Verlobter Josef hingegen (eine wesentlich nahliegendere Schlussfolgerung) gehörte bei solchen Theorien in der Regel nicht zu den "Verdächtigen". Doch gerade Josef sollte eine Schlüsselrolle bei der Frage nach der Vaterschaft zufallen, denn auch die Bibel kennt für Jesus einen menschlichen Stammbaum, welcher mit Joseph endet, ohne diesen als Vater zu benennen.

Der Stammbaum Jesu

Am Beginn des Neuen Testamentes findet sich im Matthäus-Evangelium eine ausführliche Aufzählung der Jesus-Vorfahren nach dem stereotypen Muster: A zeugte B, B zeugte C usw. Solcherlei Geschlechtsregister, die in der Heiligen Schrift mehrfach vorkommen, können das Interesse am Bibellesen schnell erlahmen lassen. Doch sie wurden nicht umsonst überliefert. Menschen der damaligen Zeit waren mit dem tieferen Sinn solcher Listen noch vertraut. Im Fall des Jesus-Stammbaumes ging es dabei offenbar um die Reputation. In der Auslegung jüdischer Theologie galten bei Diskussionen nicht allein bessere Argumente oder zwingende Logik. Auch die familiäre Herkunft des Redners besaß eine gewisse Überzeugungskraft.

Entsprechend stellt das Matthäus-Evangelium allen anderen Aussagen über Jesus dessen Stammbaum voran. Er beginnt mit dem israelischen Urvater Abraham und setzt sich über bedeutende Bibelgestalten wie Isaak, Jakob, David, Salomo und Josia fort, bis er schließlich bei Josef endet. Letzterer wird allerdings nur als Mann der Maria bezeichnet. Es liegt also auf der Hand, dass die beeindruckende Ahnentafel des Josef lediglich zur Reputation des Jesus-Kindes beitragen sollte, ohne eine Vaterschaft festzulegen.

Im Lukas-Evangelium findet sich ebenfalls ein Jesus-Stammbaum, welcher allerdings einige Unterschiede aufweist. Zunächst einmal bewegt er sich genau entgegengesetzt, also mit Jesus beginnend rückwärts. Deutlicher als bei Matthäus heißt es hier, dass Jesus lediglich "für einen Sohn Josefs gehalten" (Lk. 3,23) wurde. Dieser Stammbaum verläuft zudem stellenweise über andere familiäre Linien und führt bis auf den ersten Menschen Adam zurück. Beiden Stammbäumen gleich ist jedoch unter anderem die Erwähnung eines gewissen Isai, des Vaters von David. Darin liegt offenbar ein Hinweis auf das alttestamentlichen Buch Jesaja versteckt. Dieses prophezeit einem Nachkommen Isais die jungfräuliche Geburt sowie einen als Opfertod verstandenen Leidensweg. Attribute also, die später auf Jesus angewandt wurden.

Stammbaum mit Schönheitsfehlern

Ein respektabler Stammbaum sollte natürlich möglichst makellos sein. In der bei Matthäus aufgeführten Ahnenreihe ist dies jedoch nicht der Fall. Als scheinbar größten "Schönheitsfehler" erwähnt Matthäus Frauen, was für seine Zeit einen ziemlichen Fauxpas darstellte. Noch schlimmer scheint allerdings, dass die genannten Frauen nach damaligem Verständnis einen keineswegs ehrbaren Hintergrund aufwiesen:

  • Die Witwe Tamar verkleidete sich als Hure, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen (1. Mo. 38).
  • Rahab war eine Hure aus Jericho, die sich den israelitischen Eroberern anschloss (Buch Josua, Kap. 2 und 6).
  • Rut hatte als zugewanderte Ausländerin zwangsläufig einen geringen Status (Buch Rut).
  • Batseba schließlich beging mit David einen folgenschweren Ehebruch (2. Buch Samuel, Kap. 11 und 12).

Dennoch erscheinen jene Frauen im Stammbaum Jesu. Da dies sicher nicht versehentlich geschah (Batsebas Ehebruch wird sogar ausdrücklich benannt!), erkennen Theologen darin einen Verweis auf die spätere Botschaft Christi von der Gnade und der Gleichwertigkeit aller Menschen.

Die Zahlensymbolik des Jesus-Stammbaums

Das Matthäus-Evangelium verankert in dem Stammbaum zudem eine Zahlensymbolik, die am Ende des Textes auch angedeutet wird:

  • Nach jüdischem Verständnis steht die Zahl Sieben für göttliche Vollkommenheit: sieben Schöpfungstage, der siebente Tag (Sabbat) als Ruhetag, siebenmalige Wiederholung bestimmter Rituale... Der Jesus-Stammbaum setzt sich nun aus 42 Namen zusammen, also einem Vielfachen der Sieben.
  • Jene 42 Namen werden in drei Abschnitte zu je 14 Generationen gegliedert und beschreiben Aufstieg, Fall sowie Erneuerung des jüdischen Volkes. Möglicherweise sollten daraus auch die Parallelen zum Wirken, dem Sterben und der Auferstehung Christi abgeleitet werden.
  • Diese Dreiteilung verweist zudem auf die bestätigende Symbolik der Drei, welche im Alten Testament häufig auftaucht. Im Neuen Testament steht sie unter anderem für die dreifache Ausprägung der Gottheit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Natürlich lassen sich in derlei Zahlenspiele viele Dinge hinein interpretieren. Für die Botschaft von Jesus Christus haben sie allerdings nur nebensächliche Bedeutung. Der Schreiber des Matthäus-Evangeliums benutzte sie vermutlich nur, weil sich sein Bericht offenbar vorrangig an eine jüdische, mit der Zahlensymbolik vertraute, Leserschaft wendet. Der Stammbaum im Lukas-Evangelium (dessen Adressat vermutlich kein Jude war) beinhaltet die Zahlenmystik hingegen nicht in dieser Deutlichkeit.

 

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Donky, am 13.12.2016
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