Ganzkörperliche Materialerfahrung

Bei der ganzkörperlichen Materialerfahrung steht das schwerstbehinderte, blinde Kind mit mehreren seiner Körperteile in Kontakt mit dem Material, welches erforscht werden soll. Dabei lernt das Kind nicht nur dessen Eigenschaften kennen, sondern auch die kinästhetische und die taktile Wahrnehmung werden gefördert und geschult.

In diesen Bereichen sind bei schwerstbehinderten Kindern häufig Störungen zu erkennen, die schon in der frühen Kindheit für eine Beeinträchtigung der gesamten Entwicklung verantwortlich sein können. Es kommt oft vor, dass schwerstbehinderte Kinder entweder eine Hyposensibilität oder eine Hypersensibilität gegenüber Materialien aufweisen. Bei beiden Störungen können Berührungs- und Bewegungsreize nicht verarbeitet werden, somit sind die motorischen Reaktionen der Kinder an diese Reize nicht angepasst, was zu Entwicklungsproblemen im grob- und feinmotorischen Bereich führt. Schwerstbehinderte sehgeschädigte Kinder, die Störungen in diesen Wahrnehmungsbereichen haben, haben unklare Formvorstellungen, kein Verständnis für das Körperschema und können die Stellung ihrer Körperteile zueinander nicht koordinieren. Diese Kinder haben auch große Probleme mit der Handgeschicklichkeit, da sie ihre Finger nicht spüren und somit nicht gut koordinieren können. Ein im taktil-kinästhetischen Bereich hyposensibles Kind spürt schon als Baby kaum Reize und unterschiedliche Eindrücke beim Krabbeln, Laufen und Tasten, während ein hypersensibles Kind mit Abwehr auf neue Materialien reagiert. Daher machen taktil überempfindliche Kinder schon als Kind wenig Erfahrungen und haben dadurch wenig Übung.

Ganzkörperliche Materialerfahrung kann mit fast allen Materialien durchgeführt werden, man sollte aber auf möglichst günstige zurückgreifen, da man für die unterschiedlichen Übungen eine große Menge an Material benötigt. Man kann Kinder im Material "schwimmen" lassen, einen Bettdeckenüberzug damit befüllen oder eine Trockendusche basteln.

Trockenduschen

Trockendusche (Bild: Barbara Lechner-Chileshe)

Trockenduschen kann man mit Mobiles vergleichen, wobei auch eine Perlen- oder Nudelvorhang eine Trockendusche darstellen kann. Das Material wird dabei so aufgehängt, dass das Kind es, wenn es darunter durchgeht, mit dem Körper spüren kann. Dafür wird nicht so eine große Menge an Gegenständen benötigt, allerdings sollten  immer mehrere gleiche Dinge herunterhängen. Befestigt kann dies an verschiedenen Gittern werden, aber auch Wäschespinnen eignen sich gut dafür. Trockenduschen können auch mit den Kindern gemeinsam hergestellt werden, indem man Perlen, Nudeln oder anderes an Schnüren auffädelt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: Schlüsseln, Krawatten, Ketten, Besteck, Holz, Plastikgegenstände, Naturmaterialien, Styroporflocken… alles kann aufgehängt oder aufgefädelt werden. Für schwerstbehinderte sehgeschädigte Kinder mit gutem Sehrest sind natürlich bunte Dinge besonders ansprechend und einladend. Auch Gegenstände, die, wenn sie aneinander stoßen, schöne Geräusche machen, laden zum Experimentieren ein. Indem das Kind immer wieder unter der Trockendusche durchgeht, oder auch darunter sitzt, macht es neue taktile, somatische und ganzkörperliche Erfahrungen. Während es spürt, dass das Material ihn streift, nimmt es auch den eigenen Körper wahr. 

Schwimmen im Material
Kastanienbad

Kastanienbad (Bild: Barbara Lechner-Chileshe)

Bei diesem Angebot "schwimmen" die Kinder im wahrsten Sinne des Wortes in dem zu erforschendem Material. Man benötigt dafür einen großen Behälter, indem zumindest ein Kind bequem Platz hat. Dafür eignet sich beispielsweise ein Planschbecken, eine Plastiksandkiste oder eine Plastikwanne. Für manche Materialien kann man auch eine große Kiste aus Karton verwenden. Der Behälter wird dann mit dem gewünschten Material befüllt. Man muss natürlich Vorkehrungen treffen. Die meisten Spuren von dieser Art der Materialerfahrung lassen sich leicht mit einem Besen beseitigen, bei einigen Materialien sollte man allerdings in eine Nasszelle oder in den Schulgarten ausweichen. Es gibt unzählige Materialien, die auch in diesen großen Mengen günstig oder auch kostenlos erhältlich sind und sich für das "Materialschwimmen" hervorragend eignen:

  • Papier: Zeitungspapierschnipseln in verschiedenen Größen, vom Fasching aufbewahrte Luftschlangen, Kartonschnipsel,….
  •  Styroporflocken (Verpackungsmaterial)
  • Naturmaterialien: Kastanien, Laub, Nüsse, Heu, Gras, Bohnen, Sand, Erde,…
  • Holz: Sägespäne, Bausteine,…
  • Wasser
  • Stoffreste oder Stofftiere
  • Perlen von alten Perlenvorhängen
  • Kunststoffkugeln (Verpackungsmaterial)

Wenn alle Vorkehrungen getroffen sind, kann sich das Kind in den großen Behälter hineinsetzen oder hineinlegen. Man sollte darauf achten, dass das Kind die unterschiedlichen Übungen sowohl im Sitzen, als auch in verschiedenen Liegepositionen durchführt, damit es auch unterschiedliche Lageerfahrungen im Umgang mit dem Material macht. Nun gibt es eine Fülle an Übungen und Spielen, zu denen das Kind angeleitet werden kann. Viele Kinder fangen gleich an wild in dem angebotenen Material herumzuwühlen und sich darin zu bewegen. Das sollte keinesfalls unterbunden werden. Das schwerstbehinderte sehgeschädigte Kind muss genug Zeit haben das angebotene Material zunächst auf seine Weise zu untersuchen. Indem es sich darin bewegt oder bewegt wird, macht das Kind neue ganzkörperliche, somatische und taktile Erfahrungen. Es entstehen materialspezifische Geräusche und das Kind macht ganz neue Bewegungs-, Lage- und  Raumerfahrungen. Mit Hilfe des Materials nimmt auch das Kind seinen eigenen Körper besser wahr, dies ist für den Aufbau des Körperschemas sehr wichtig. Das Kind kann sich nun mit dem Material zudecken oder zudecken lassen und richtig im Material "untertauchen". Auch einzelne Körperteile können "versteckt" werden. Interessant ist auch, wenn im Material ein anderer Gegenstand versteckt wird, wie zum Beispiel ein Tennisball. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Kinder den Ball, wenn sie ihn gefunden haben, gleich aus dem Behälter hinauswerfen. Sie merken, dass er nicht zu diesem Material dazugehört und er stört sie. So kann man verschiedene Suchspiele erfinden, die den Kindern großen Spaß bereiten und die taktile und kinästhetische Wahrnehmung fördern.  

Mit einem Bettdeckenüberzug

Auch mit einem alten Bettdeckenüberzug kann ganzkörperliche Materialerfahrung durchgeführt werden. Dafür sollte nur ein Bettdeckenüberzug gewählt werden, der sich mit einem Reißverschluss verschließen lässt, denn zwischen den Knöpfen kann das Material wieder herausfallen. Diese Art von Übungen sind besonders für schwerstbehinderte sehgeschädigte Kinder geeignet, die neuen Materialien gegenüber anfangs sehr skeptisch sind und sie überhaupt nicht berühren wollen. Das Material, von dem in diesem Fall wieder eine große Menge benötigt wird, wird in den Bettdeckenüberzug eingefüllt und zugezippt. Das Kind kann sich nun auf den Bettdeckenbezug legen oder setzen und sich darauf bewegen. So kommt es nicht in den direkten Kontakt mit dem Material, kann aber trotzdem viele neue ganzkörperliche, somatische, Lage- und Bewegungserfahrungen machen. Besonders beliebt für diese Übungen sind Materialien, die besondere Geräusche machen, wenn man sich darauf bewegt. Wenn es will, kann das Kind auch in den Bettdeckenüberzug hineinkrabbeln. Dann hat es auch direkten Kontakt zu dem Material und kann dessen Eigenschaften mit dem ganzen Körper erfahren. Für die ganzkörperliche Materialerfahrung mit dem Bettdeckenüberzug eignen sich viele Materialien, wie Papier in allen möglichen Formen, Verpackungsmaterial, Naturmaterialien oder Perlen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Materialerfahrung mit den Händen

Bei der Materialerfahrung mit den Händen erforscht das schwerstbehinderte sehgeschädigte oder blinde Kind nicht nur das angebotene Material, das aufgeklebt oder aufgehängt oder auch als Fühlmemory oder Fühlbox verarbeiten worden sein kann, und lernt es kennen, sondern es trainiert gleichzeitig seine Handgeschicklichkeit. Die Entwicklung und Förderung der Handgeschicklichkeit und der Feinmotorik sind wichtig für den Erwerb von Werktechniken und auch von den wichtigsten lebenspraktischen Fertigkeiten. Eine gute Handgeschicklichkeit setzt sich aus mehreren Teilaspekten zusammen. Meist haben schwerstbehinderte Kinder jedoch nicht nur Defizite in einem der Bereiche, sondern gleich in mehreren. Solche Mischbilder sind sehr häufig. Grundsätzlich muss man auch bedenken, dass sich die Feinmotorik, die Grobmotorik und die Sinneswahrnehmung in der kindlichen Entwicklung gegenseitig beeinflussen. Kinder, die ihre Bewegungen nicht selbst sehen, brauchen viel mehr Übung im Bereich der Motorik und haben mehr Schwierigkeiten dabei, sich ihres eigenen Körpers bewusst zu werden. Schwerstbehinderte sehgeschädigte Kinder haben in der Regel immer in mehreren Teilaspekten der Handgeschicklichkeit Störungen. Für sie ist ein Training in diesem Bereich unumgänglich, um sie optimal zu fördern.

Aufgeklebtes Material

Knöpfe (Bild: Barbara Lechner-Chileshe)

Mit den Kindern gemeinsam kann man Materialsammlungen erstellen. Dafür klebt man mehrere Varianten eines Materials in ein Buch, eine Mappe auf eine Holzplatte, eine Leinwand oder auch in ein Leporello. Es gibt viele Materialien, die sich dafür eignen: Papier, Stoffe, Teppiche, Rinde, Blätter, Knöpfe,…

Andere Materialien kann man auch auf einem Gitter oder ähnlichem befestigen. Die Kinder können dann die aufgeklebten oder aufgehängten Materialien abstreichen. Sie lernen dadurch ihre Hände zum Tasten einzusetzen und auch gezielt zu greifen. Die Reize und Eigenschaften des Materials werden wahrgenommen. Sie spürten dabei auch ihre eigenen Hände. Indem sie verschiedene Materialien ertasten, können sie sie vergleichen und versuchen, die unterschiedlichen Beschaffenheiten zu erklären.

Fühlsäckchen und Tastmemorys
Tastmemory

Tastmemory (Bild: Barbara Lechner-Cileshe)

Eine andere Form der Materialerfahrung mit den Händen sind Fühlsäckchen. Sie eignen sich besonders für schwerstbehinderte sehgeschädigte Kinder, die eher tastscheu sind und neue Dinge gleich von vornherein ablehnen. Man füllt das Material in Säckchen ein, die dann von den Kindern berührt werden können. So haben sie zwar keinen direkten Kontakt zum Material, können es aber trotzdem kneten, schütteln... und auf die dabei entstehenden Geräusche achten. Ein großer Vorteil der Fühlsäckchen ist, dass man nicht so eine große Menge des Materials benötigt. Mit den Fühlsäckchen kann man auch ein Memory basteln. Dafür füllt man immer in zwei Säckchen das gleiche Material ein und die Kinder müssen dann versuchen, die gleichen Säckchen zu finden. Dies schult die kinästhetische Wahrnehmung und fördert den Aufbau von Objektpermanenz. Zum Befüllen der Fühlsäckchen eignen sich beispielsweise: Bohnen, Nüsse, Reis, Mehl, Sand, Plastikgranulat,….

Memorys zum Ertasten kann man aber auch anders basteln. Man schneidet sich Plättchen aus Holz zurecht und klebt die verschiedenen Materialien einfach darauf. Dafür eignen sich beispielsweise: Teppichreste, Stoffreste, Blätter und andere Naturmaterialien, verschiedene Papiersorten, Knöpfe, Zahnstocher, verschiedene Sandsorten,…

Tastmemorys können auch im Handel erworben werden, allerdings sind sie meist sehr teuer und die Greifflächen sind sehr klein. Durch Tastmemorys und auch durch den Umgang mit Fühlsäckchen lernen schwerstbehinderte sehgeschädigte Kinder ihre Hände zum Tasten einzusetzen. Sie nehmen eine Vielzahl an Materialeigenschaften mit den Händen auf und spüren auch ihre eigenen Hände dadurch. Die Kinder üben gezielt zu greifen und auch wieder loszulassen. 

Wühlkiste

Nudelkiste (Bild: Barbara Lechner-Chileshe)

Für die Wühlkiste wird einfach eine Schachtel mit dem Material befüllt. Die Kiste sollte nicht zu hoch sein, gerade so, dass ein Kind bequem hineingreifen kann. Als Material eignet sich fast alles, je nach Art der Schachtel: Papier, Sand, Wasser, Naturmaterialien, Bohnen, Nudeln, Knöpfe, Bälle,….. Das Kind soll dann das Material mit den Händen bearbeiten und untersuchen. Es kann es mit den Händen zusammen schieben, hochwerfen, aus der und über die Hand rieseln lassen, es von einer in die andere Hand geben, es knüllen oder auch zerreißen. Auch für die Hände können wieder Suchspiele erfunden werden. Einige Gegenstände werden beispielsweise im Material versteckt, die das Kind dann suchen soll. Aber auch die Hände des Kindes können zugedeckt und versteckt werden. Durch die Wühlkiste lernen die Kinder ihre Hände zum Tasten einzusetzen, trainieren Bewegungen der Arme und Hände und einen dosierten Krafteinsatz, führen Übungen zur Auge-Hand-Koordination und Beidhandkoordination durch, ertasten die unterschiedlichen Materialien und spüren dadurch auch die eigenen Hände in Verbindung mit ihnen.

Materialerfahrung mit den Füßen

Materialerfahrung mit den Füßen führt man am besten mit Hilfe von Taststraßen durch. Hierbei gibt es verschiedene Möglichkeiten. Im Handel gibt es Taststraßen zu erwerben. Es handelt sich dabei um ganz flache Kunststoffwannen, in die jeweils ein Material als Platte hineingelegt wird. Die einzelnen Wannen lassen sich zusammenstecken. Solche Taststraßen sind meist sehr teuer und nicht unbedingt notwendig, da man sie ganz einfach selbst herstellen kann.

Die einfachste Variante ist, wenn man in größeren Teppichgeschäften nach Resten fragt. Dort gibt es immer wieder Musterteppiche, die nicht mehr gebraucht werden. Meist sind diese Muster schon alle auf die gleiche Größe zugeschnitten. Für eine Taststraße müssen sie nur mehr aufgelegt werden. Schön ist natürlich, wenn möglichst unterschiedliche Teppiche ausgesucht werden können. Auch mit Stoffresten kann so eine Straße gebaut werden. Da dünne Stoffe aber leicht verrutschen, sollten sie auf Holzbretter aufgeklebt werden. Stoffe können ganz unterschiedliche Oberflächen haben und eignen sich sehr gut. Eine andere Möglichkeit der Taststraße ist, wenn verschiedene nicht zu hohe Kisten mit unterschiedlichen Materialien befüllt und zu einem Parcours aufgebaut werden. Die Kinder üben dann gleich das Hinein- und wieder Hinaussteigen. Bei manchen Materialien werden gar keine Kisten benötigt, sondern sie können gleich direkt auf dem Boden ausgebreitet werden. Es ist immer gut, wenn die Kinder barfuß laufen dürfen. Fußmaterialerfahrungen mit Wasser in Verbindung mit Sand können auch im Garten durchgeführt werden. Aber auch im Haus gibt es viele Möglichkeiten, die Kisten zu befüllen: Bohnen, Nudeln, Papierstückchen, Naturmaterialien, Styroporflocken,… Eine etwas aufwändigere Vorbereitung hat man bei Holzkästen, in denen die Materialien auf Gummibändern aufgefädelt werden. Trotzdem ist dies auch eine gute Variante, bei der die Kinder das Material nicht nur auf der Fußsohle spüren und bei der sie auch viel Geschick brauchen.

Taststraße

Taststraße (Bild: Barbara Lechner-Chileshe)

Bei all diesen Varianten der Taststraßen setzen die Kinder ihre Füße zum Tasten ein. Sie machen ganz neue taktile Erfahrungen. Indem sie das Material mit den Füßen erforschen, nehmen sie ihre eigenen Füße wahr. Sie üben neue Bewegungen ein und schulen die Körperkoordination. Sie gewinnen neue Laufeindrücke. Mit den Füßen rufen sie selbst Effekte herbei, wie zum Beispiel Geräusche.

Holzkästen

Perlen (Bild: Barbara Lechner-Chileshe)

Literatur

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