Ernst Litfaß: Künstler, Reklamekönig und Säulenheiliger

Die ergiebigste Quelle zum Leben des Ernst Theodor Amandus Litfaß wurde wahrscheinlich von ihm selbst verfasst und zusammengestellt: Der biografische Nachlass des Druckereibesitzers besteht aus rund 600 in Leder gebundenen Seiten. Die darin enthaltenen Dokumente geben allerdings überwiegend zu gesellschaftlichen und geschäftlichen Umständen Auskunft.

Ernst Litfaß kam am 11. Februar 1816 als Spross einer alteingesessenen Bruchdruckerfamilie in Berlin zur Welt. Wenig später starb jedoch sein Vater, so dass das Unternehmen vom bisherigen Verwalter der Druckerei übernommen wurde. Dieser Buchdrucker namens Leopold Wilhelm Krause führte die Geschäfte nicht nur erfolgreich weiter, sondern wurde bald auch der Stiefvater des kleinen Ernst.

Als junger Mann absolvierte Litfaß zwar eine Handelslehre, widmete sich jedoch anschließend mehr dem Reisen und der Schauspielerei. Erst, als der Stiefvater durch Krankheit in geschäftliche Schwierigkeiten geriet, kaufte Litfaß ihm 1845 die Druckerei wieder ab. Ernst Litfaß modernisierte umgehend das Unternehmen seiner Vorfahren und sorgte für neue geschäftliche Erfolge. Parallel dazu betätigte er sich als Herausgeber und Verleger verschiedener Zeitungen, Programmhefte und Nachschlagewerke.

Rund um die deutsche Revolution von 1848 ergänzte Litfaß das Portfolio: Flugblätter, Anschlagzettel und sogar ein kurzlebiges Satireblatt namens "Berliner Krakehler" entstanden, wobei letzteres jedoch alsbald verboten wurde. Nach dem Scheitern der Revolution blieb der findige Geschäftsmann zwar weiter sozial engagiert, wandelte sich aber ansonsten zum Patrioten und Anhänger der Monarchie.

Der pfiffige Unternehmer machte ab diesem Zeitpunkt die Werbewelt um einige Innovationen reicher. So stellte er anlässlich einer Industrieausstellung 1849 das bis dato wahrscheinlich größte Plakat Deutschlands mit den beachtlichen Abmessungen von rund sechs mal zehn Metern her. Auch das erste farbig gedruckte Plakat in Berlin (1869) ist das Verdienst von Ernst Litfaß. Wirklich berühmt aber wurde Litfaß durch die Errichtung der später nach ihm benannten Werbesäulen. Sie brachten ihm nicht nur ein Vermögen ein, sondern sorgten zudem für ein saubereres Stadtbild und effektivere Werbung. Im Volksmund soll man den Unternehmer ehrfürchtig und scherzhaft zugleich "Säulenheiliger" genannt haben.

Doch diese bekannteste Innovation des Druckers basiert mehr auf kühnem Geschäftssinn als auf Erfindungsreichtum. Denn für die Litfaßsäule gab es bereits Vorbilder!

Die Erfindung der Litfaßsäule

Zum Jahreswechsel 1853/54 hielt sich Ernst Litfaß in Paris auf und registrierte sehr aufmerksam, wie Dächer, Schornsteine, Pfeiler, Wände und Brunnen als Werbeflächen genutzt wurden. Vielleicht fielen ihm dabei auch die öffentlichen Toilettenhäuschen auf, über die Paris bereits seit 15 Jahren verfügte. Deren Außenwände wurden ebenfalls mit Anschlagzetteln "verziert". Wer diese lesen wollte, musste also eine gewisse Geruchsbelästigung in Kauf nehmen. Möglicherweise wurde Litfaß dadurch auf seine erfolgreichste Geschäftsidee gebracht. Eine andere Spur weist nach London, wo es bereits seit 1824 eine Art Info-Säulen gab.

Was auch immer Ernst Litfaß inspiriert haben mag, im Sommer 1854 war sein neues Werbekonzept, genannt "Annoncir-Säule", fertig. Mit geradezu genialem Unternehmergeist wandte sich der ehemalige Revoluzzer damit ausgerechnet an den Polizeipräsidenten!

Seine Argumentation: Anhand der "Annoncir-Säulen" solle dem wilden Plakatieren Einhalt geboten werden, welches das Stadtbild verschandelte. Interessant dürfte für den obersten Ordnungshüter dabei aber auch der Aspekt gewesen sein, dass auf diese Weise unerwünschte Meinungsbekundungen eingedämmt werden konnten. Die erste Säule wurde schließlich am 15. April 1855 errichtet. Am 1. Juli des gleichen Jahres waren es bereits 100 Säulen, an denen die verschiedensten Bekanntmachungen klebten!

Der Deal lautete: 15 Jahre gehörten Litfaß die alleinigen Nutzungsrechte an den letztendlich 150 Informationssäulen. Wer ein Plakat anbringen wollte, durfte dies nicht selbst tun, sondern musste Litfaß gegen Gebühr damit beauftragen. Jener stellte zudem einen Kontrolleur ein, welcher allmorgendlich zu kontrollieren hatte, dass tatsächlich nur erwünschte und bezahlte Plakate an den Säulen hingen. Nach Ablauf der 15 Jahre sollten die Säulen in das Eigentum der Polizeibehörde übergehen.

Der Coup gelang. Litfaß erlangte nicht nur ein beachtliches Vermögen, sondern stieg auch im gesellschaftlichen Ansehen. 1863 ernannte man ihn zum königlichen Hofbuchdrucker.

Was von Litfaß und seinen Säulen geblieben ist

Mit gerade einmal 58 Jahren verstarb Ernst Litfaß am 27. Dezember 1874 überraschend während eines Kuraufenthaltes. Zu diesem Zeitpunkt besaß der vermögende Unternehmer bereits kein Monopol mehr auf die "Annoncir-Säulen". Das war wahrscheinlich für deren Fortbestand recht günstig, denn in den Jahren zuvor hatte Litfaß bereits zahlreiche Familienmitglieder verloren. Daher hing die Verbreitung der Geschäftsidee nun nicht mehr vom Geschick verbliebener Erben ab. Stattdessen setzte sich das Konzept der Litfaßsäulen weit über die Grenzen Berlins hinaus durch. Über ein Jahrhundert nach dem Tod ihres Erfinders gehörten die Säulen immer noch zu den relevanten Werbeträgern der deutschen Wirtschaft, übrigens auch im kommunistisch regierten Teil des Landes. Trotz der wachsenden Konkurrenz durch mobile Plakatwände, Werbebeilagen und so weiter dienten die Litfaßsäulen weiterhin als Instrument lokal ausgerichteter Bekanntmachungen – nicht nur im kommerziellen Bereich.  

Doch dem Siegeszug des Internets und den damit einhergehenden Veränderungen des Wirtschaftslebens hatten schließlich auch die Litfaßsäulen nur wenig entgegenzusetzen. Nach und nach verschwanden die historischen Stelen aus dem Straßenbild. Inzwischen haben sie Seltenheitswert.

Dennoch ist die Grundidee keineswegs tot. Quasi eine Version 2.0 der Litfaßsäule ist heute in Fußgängerzonen und Einkaufszentren sowie vor Kulturstätten anzutreffen: Runde, beleuchtete und manchmal auch langsam rotierende Infosäulen mit elektronischer Anzeige. Was der findige Unternehmer Ernst Litfaß wohl dazu gesagt hätte?

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