Grundlegende Funktionen der Musik

Nach Expertenmeinung ist das Hervorbringen und Hören von Musik nicht nur ein kulturelles Phänomen, sondern besitzt auch eine biologische Basis. Das heißt: Die konkreten Erscheinungsformen der Musik, also die Abfolge von Tönen und damit das, was man als Melodien bezeichnet, sind Produkte menschlichen Erfindungsgeistes und damit kulturell bedingt. Dass der Mensch überhaupt bestimmte Geräusche als Musik wahrnimmt und explizit als Musik definiert, ist dagegen angeboren. Und zwar könnte diese angeborene Empfänglichkeit für Musik im Verlauf der Entwicklungsgeschichte des Menschen dadurch entstanden sein, dass Musikalität für den Menschen bestimmte wichtige Funktionen erfüllt hat. So liegen die Ursprünge des Singens – der Urform der Musik – höchstwahrscheinlich in der Zweisamkeit von Mutter und Kind. Das heißt: Singen hat sich ursprünglich als Mittel zur Beruhigung des Babys entwickelt. Das Singen der Menschen hat sich vermutlich aber auch aus den gleichen Gründen entwickelt wie das Singen der Vögel, nämlich um die eigene Attraktivität zu steigern und damit potenzielle Geschlechtspartner zu "bezirzen". – In der zeitgenössischen Musik gibt es ja genügend Beispiele dafür, dass Sänger bei ihrem weiblichen Publikums eine Begeisterung bis hin zur Hysterie auslösen können. – Drittens entstand Musik wahrscheinlich als ein Mittel, um in einer Gruppe gemeinsame Gefühle zu erzeugen und auszudrücken und damit die Bindung zwischen den Gruppenmitgliedern zu fördern. Durch eine gemeinsame Musik sollte also eine Gruppenidentität gestiftet werden.

Musik als Ersatzsprache

Die Möglichkeit des Herstellens einer Gruppenidentität über Musik verweist darauf, dass Musik von Anfang an ähnlich funktionierte wie eine Sprache und lange vor dem Spracherwerb die zwischenmenschliche Kommunikation ermöglichte. Später haben unsere Vorfahren die Sprache als paralleles Kommunikationsmedium erfunden, aber die Verständigung über Musik beibehalten und diese kontinuierlich weiterentwickelt. Beim Menschen sind also Musikinstinkt und Sprachinstinkt miteinander gekoppelt und erfüllen ähnliche Funktionen. Ein wichtiges Beispiel dafür ist der Musikstil, den die Afroamerikaner während der Jahrhunderte der Sklaverei als Verständigungsmittel entwickelt haben und der ihnen half, die Entbehrungen und Strapazen während dieser Zeit zu überstehen. Dieser – als "Blues" bezeichnete - Musikstil diente bekanntlich im 20. Jahrhunderts als Grundlage für die Entwicklung der Rock-Musik, die ihrerseits für ihre "Fans" immer auch ein Mittel zur Bildung einer kollektiven Identität war. Ein anderes, eher negativ zu bewertendes, Beispiel ist die Marschmusik. Denn hier gibt ein gleichmäßig stampfender Rhythmus einer marschierenden Gruppe den Gleichschritt vor und weckt in den Beteiligten das Gefühl, in der Masse der Teilnehmer aufzugehen, eins mit der Gruppe zu werden, so dass letztlich ihr Bewusstsein ausgeschaltet wird. In ähnlicher Weise dienen die Nationalhymnen der Herstellung von (Volks-) Gemeinschaften durch Manipulation des Einzelnen.

Die Verarbeitung von Musik im Gehirn

Damit Musik auf den Menschen einwirken kann, muss sie natürlich erst in seinem Gehirn ankommen und dort verarbeitet werden. Das heißt: Wenn ein Mensch Musik hört, wird durch die im Gehirn eintreffenden Informationen zuerst der Hirnstamm aktiv. Auf dieser Ebene ist die Musik aber noch nicht ins Bewusstsein gedrungen. Das geschieht erst, wenn die Reize das Hörzentrum, den sogenannten Hörkortex, erreichen. Und nun kommt auf das Gehirn "Schwerarbeit" zu, weil Musik aus einer Fülle von gleichzeitig dargebotenen Informationen besteht. So muss das Gehirn Tonhöhen und Melodien erkennen und miteinander vergleichen sowie die zeitliche Abfolge der Töne erfassen. Daraus ergeben sich nämlich Takte und Rhythmen. Gleichzeitig ankommende Töne müssen zu Akkorden sortiert werden. Dann muss die Art der Schallquelle und deren Position bestimmt werden, damit der Hörer weiß, was für ein Instrument gespielt wird und wo es sich befindet. Und dazu muss das Gehirn eine Fülle von Messungen und Vergleichen durchführen. Schließlich müssen noch Stimmen und Instrumente unterschieden werden. Das Gehirn erkennt also in einem kompliziertes Gemisch aus Schallwellen musikalische Phrasen und Motive und ordnet sie einzelnen Instrumenten und Stimmen zu. Und diese Leistung wird nicht von einem spezialisierten "Musikzentrum" vollbracht, sondern hier arbeiten verschiedene Areale des gesamten Gehirns zusammen.

Steigerung der Hirnleistung durch Musik

Infolge der Mobilisierung des Gehirns durch die Verarbeitung von Musik kommt es zu einer Neubildung von Nervenverschaltungen. Und alle Neuverschaltungen, die zwischen den Nervenzellen im Gehirn durch Musik entstehen, bleiben erhalten. Man nimmt deshalb an, dass Musik auch den Abbau von Nervenzellen im Gehirn alter Menschen verhindern, dass Musik also für das Gehirn wie ein Jungbrunnen wirken kann. Auf alle Fälle hat Musik einen Trainingseffekt für das Gehirn, kann also die Leistungsfähigkeit des Gehirns, die sogenannten kognitiven Fähigkeiten, steigern und damit zu einer Erhöhung der Intelligenz führen. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Ergebnis einer Studie, wonach die Hirnleistung dann durch Musik verbessert wird, wenn die Hörer die Musik als "angenehm" empfinden. Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang vom "Mozart-Effekt". Es wird aber angenommen, dass dieser Effekt nicht nur bei klassischer Musik, sondern auch bei anderen Musikrichtungen und durchaus auch bei Heavy Metal auftreten kann. Die Hauptsache ist, dass die Klänge für die ZuhörerInnen angenehm sind. Es ist also kein Rock-Fan, der durch das Hören von Musik seine kognitiven Fähigkeiten verbessern will, gezwungen, "auf Klassik umzusteigen".

Weitere physische und psychische Effekte von Musik

Auch das für Gefühle zuständige limbische System im Gehirn wird durch Musik angeregt. Hier zeigt sich die enge Verbindung zwischen Musik und dem Wecken von Emotionen. Das heißt: Musik ist eine der schönsten und effektivsten Arten, Gefühle auszudrücken und zu erleben. Musik kann uns deshalb helfen, von einem weniger erwünschten psychischen Zustand in einen erwünschteren zu wechseln. So hilft Musik beim Entspannen, wenn man angespannt ist, oder sie flößt einem Mut ein, wenn man ängstlich oder aufgeregt ist. Musik kann auch bestehende Emotionen intensivieren, also beispielsweise Freude und Glücksgefühle verstärken bis hin zu Rauschzuständen. Daraus kann man folgern, dass es von der Situation, der Verfassung, den Umständen und der Grundstimmung des Hörers abhängig ist, ob und welche Emotionen bei ihm angeregt werden. In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass ein Musikstück bei einem Zuhörer den größten Effekt erzielt, wenn die vermittelte Stimmung mit der Grundstimmung der Person übereinstimmt, wenn sich also beispielsweise jemand, der gut gelaunt ist, ein "flottes" Musikstück anhört. Deshalb suchen sich Menschen Musik vor allem danach aus, in welcher Stimmung sie sowieso schon sind. Ein anderer wichtiger Effekt von Musik ist das Wachrufen von Erinnerungen. Das heißt: Wenn ein Ereignis in unserem Leben mit dem Hören einer bestimmten Musik verbunden war, steht es uns sofort wieder vor Augen, wenn diese Musik gespielt wird, und wir empfinden die gleichen Gefühle. Mit den psychischen Auswirkungen von Musik eng verknüpft sind körperliche Reaktionen. Diese reichen von Gänsehaut bis zu Veränderungen des Herzschlags, des Blutdrucks und des Hormonspiegels. Und zwar werden beim Hören von Musik, die als angenehm empfunden wird, vermehrt sogenannte Glückshormone (Endorphine) ausgeschüttet. Musik wird deshalb auch in der Medizin als therapeutisches Hilfsmittel eingesetzt, beispielsweise in der Schmerztherapie.

Das Musikergehirn als Spezifikum

Musikergehirne unterscheiden sich in spezifischer Weise von den Gehirnen nicht musizierender Menschen. Und dies ist auch nicht verwunderlich, weil Musizieren das Gehirn naturgemäß noch stärker fordert als das Musikhören. Das heißt: Musik zu machen, beansprucht ein kompliziertes Zusammenspiel sehr verschiedener Fähigkeiten. Hier wären zu nennen der Hörsinn, der Sehsinn, der Tastsinn, die Feinmotorik. Musizieren erfordert mit anderen Worten höchste Konzentration: Hören, Sehen und Bewegung finden gleichzeitig statt. Folglich sind bei Musikern die Bereiche, die die Aktivitäten der Hände mit denen des Hörens und Analysierens verknüpfen, besonders stark ausgebildet, und sie haben größere Handregionen im Gehirn, und zwar je nachdem, mit welcher Hand sie schnelle Bewegungen ausführen. So haben Geiger eine größere Handregion für die linke, Pianisten für die rechte Hand. Außerdem haben Musiker größere Hörregionen, und auch die Verbindung zwischen beiden Hirnhälften ist ausgeprägter. Vielleicht das Interessanteste aber ist, dass Musiker auch eine größere Sprachregion besitzen. Denn das zeigt, dass Musik tatsächlich etwas Ähnliches ist wie Sprache. Deshalb haben Musiker auch eine größere Sprachkompetenz als Nichtmusiker und können Sprache bei Hintergrundrauschen besser erkennen. Ferner können Musiker komplexe optische Muster besser erkennen, ihre Aufmerksamkeit besser steuern und schneller reagieren. Die segensreichen Effekte der Musik auf die kognitiven Fähigkeiten erscheinen also bei Musikern gleichsam potenziert.

Die positive Wirkung von Musikunterricht

Die höheren kognitiven Kompetenzen von Musikern zeigen sich bereits im Kindesalter. Das heißt: Durch das Erlernen eines Instruments wird bei Kindern auch die Sprachentwicklung und damit die Intelligenz gefördert. Darüber hinaus leistet Musikunterricht, wie eine Studie an Grundschulen gezeigt hat, einen Beitrag zur sozialen Entwicklung der Kinder, erhöht also ihre soziale Kompetenz und "Friedfertigkeit". Musikunterricht trägt damit auch zum Aggressionsabbau bei, so dass sich das schulische Klima verbessert. Und zwar wird dies darauf zurückgeführt, dass gemeinsames Musizieren ein fein abgestimmtes Aufeinander-Hören erfordert. Das heißt: Musik schult auch die Wahrnehmung des Anderen. Musizierende Kinder können besser – etwa am Gesichtsausdruck oder an der "Sprachmelodie" – erkennen, "was im anderen vor sich geht". Zudem sind musikalisch geförderte Kinder motivierter beim Erlernen von neuen Dingen. Daraus kann gefolgert werden, dass Musikunterricht kein "überflüssiger Luxus" ist, sondern das "A und O" einer auf Förderung der Kinder ausgerichteten schulischen Praxis.

Fazit

Das Bedürfnis des Menschen, Musik zu hören und/oder selbst zu musizieren, ist genetisch verankert, also in der Evolution des Menschen entstanden. Dabei ist davon auszugehen, dass es hier zu einer Wechselwirkung zwischen der Fähigkeit des Menschen, Töne in Musik umzuwandeln bzw. als Musik wahrzunehmen, und der Weiterentwicklung des menschlichen Gehirns gekommen ist. Das heißt: Als das menschliche Gehirn eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hatte, war der Mensch in der Lage, zu musizieren, und da Musik im Verlauf der Menschheitsgeschichte wichtige Funktionen übernahm, wurde Musikalität zu einem Teil der genetischen Ausstattung und der Kultur des Menschen, während sich gleichzeitig auch das menschliche Gehirn durch die Verarbeitung der immer komplexeren Produkte menschlicher Musikalität weiter entwickelte. Insgesamt handelt es sich deshalb bei der "Erfindung" der Musik um einen wirklichen Quantensprung in der Geschichte der Menschheit.

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Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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