"Von der zuständigen staatlichen Verwaltungsbehörde habe ich die Mitteilung erhalten, dass Sie Ihren Austritt aus der Katholischen Kirche erklärt haben. Für mich und alle Verantwortlichen in der Kirche ist Ihre Entscheidung ein schmerzliches Zeichen, das ich von Herzen bedaure!"

Geschätzter Klaus Küng!

 

Es war niemals meine Absicht, Ihnen und allen Verantwortlichen in der Kirche Herzschmerzen mit meiner Entscheidung zu bereiten. Das tut mir leid. Ich hoffe, Ihrem Herzen geht es weiterhin gut, ansonsten würde ich Ihnen einen Kardiologen empfehlen – Sie wissen schon – so einen "Gott in weiß". Begeben Sie sich in seine schützenden Hände und ich werde für Sie beten.

Nach meiner Erfahrung geht man bei allen Schwierigkeiten, die man haben kann, seinen Weg auf Gott zu, viel leichter in der Kirche als außerhalb von ihr.

Ihre Kirche hat mit meinem Gott leider nicht sehr viel am Hut. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ihre Kirche hat genauso viel mit Gott zu tun, wie ein Gefängnis, ein Einkaufszentrum, oder eine Samenbank. Gott werden Sie überall finden, doch gibt es keinen triftigen Grund, weshalb die Kirche näher bei Gott sein sollte, als beispielsweise die Europäische Zentralbank.

"Wir fragen uns natürlich auch, was Sie dazu bewogen hat. Vielleicht fühlten Sie sich vom Gottesdienst oder von Ihrer Pfarre allgemein in letzter Zeit nicht mehr angesprochen? Sind es unerfüllte Erwartungen an die Kirche? Ist das Vertrauen verloren gegangen? Oder sind es wirtschaftliche Gründe?"

Oh je, lieber Herr Küng. Erst teilen Sie mir mit, dass Sie es mit dem Herzen haben, jetzt schreiben Sie gar schon in der Wir-Form. Dennoch kann ich Sie trösten, Herr Küng, auch die Schizophrenie ist heilbar. Wenn Sie darüber reden möchten, rufen Sie mich bitte an.

 

Um auf Ihre zahlreichen Fragen zurückzukommen: Nein, weder dies, noch jenes, was Sie hier ansprechen, hat damit zu tun, dass ich aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten bin. Der einzig ausschlaggebende Grund für meinen Kirchenaustritt war die Tatsache, dass ich niemals eingetreten bin, und auch niemals vor hatte, in diese Kirche einzutreten.

"Bedenken Sie, bitte, dass die Kirche mehr ist als sichtbare Personen – mit ihren Fehlern und Schwächen – mehr ist als Gebäude und Strukturen. Sie ist die Gründung Christi, damit unser Leben in der Weise glückt, dass wir durch diese Welt den Weg zu Gott finden. Durch die Taufe bleiben Sie immer ein Kind Gottes. In den Gebeten aller Gläubigen und in meiner Sorge als Bischof sind Sie stets mit eingeschlossen."

Die Kirche ist leider nicht viel mehr als eine weltliche Institution, die einen Gott instrumentalisiert hat, um ein Volk mit Opium zu beweihräuchern. Während ich selbst Gott verehre, missbrauchen Sie ihn für ihre weltlichen Zwecke. Als Bischof sollten Sie sich darüber bewusst werden, dass Sie selbst die Verantwortung dafür tragen, was Sie hier als heilig manifestieren, und was nicht. Ich werde für Sie und alle Gläubigen beten.

"Wenn Sie über Ihre Ängste und Sorgen in Bezug auf die Kirche sprechen wollen, lade ich Sie ein, das Gespräch mit mir oder meinem Sekretär zu suchen. Wenn hingegen hauptsächlich die Frage des Kirchenbeitrags eine Rolle gespielt haben sollte und noch kein Kontakt mit der Kirchenbeitragsstelle erfolgt ist, so wird versucht werden, eine annehmbare Lösung zu finden. Sie können sich aber auch jederzeit an Ihren Pfarrer wenden, wenn Ihnen das lieber ist."

Meine größte Sorge in Verbindung mit der Kirche sind im Augenblick die zahlreichen Missbrauchsfälle, die in Zusammenhang mit der römisch-katholischen Kirche stehen könnten. Ist es doch die Kirche, die zu einer Institution geworden ist, die solche Fälle fast wie magisch anzuziehen scheint.

 

In weiterer Folge stört es mich auch, wenn Sie bei Ihren missionarischen Feldzügen auf dieser Welt den Einsatz von Präservativen beim Sexualverkehr ablehnen, Homosexualität verdammen, und selbst auf die ethisch äußerst schwierige Frage der Abtreibung eine deutliche Antwort Gottes zu wissen glauben.

 

Am meisten stört mich allerdings das Konkordat, welches dazu führte, dass ich von Geburt an in Ihren dubiosen Verein hineingeboren wurde. Staat und Kirche im Jahr 2013 immer noch nicht getrennt zu sehen, erschüttert meinen Glauben an Gerechtigkeit in einer doch halbwegs aufgeklärten Welt.

"Wenn Sie Ihre Entscheidung derzeit nicht ändern können, dann müsste Ihre Taufpfarre nach drei Monaten, den Austritt auch in das Taufbuch eintragen."

 

"Ich bitte Sie, mein Schreiben so aufzufassen, wie es gemeint ist: als Einladung mit Ihnen vielleicht ins Gespräch zu kommen; als Ermutigung, dass Sie Ihre Entscheidung nochmals überdenken. Kirchenaustritt sollte doch möglichst nicht aus einer momentanen Emotion heraus erfolgen. Selbstverständlich respektiere ich ihre freie Entscheidung. Bedenken Sie nur dies: oft kann ein Gespräch vieles ausräumen."

 

Mit besten Grüßen und Segenswünschen

 

Klaus Küng

 

Diözesanbischof

Ich bitte Sie, meinen offenen Antwortbrief so aufzufassen, wie er gemeint ist: ich bete für Sie und alle ihre Gläubigen. Ich bete darum, dass Sie alle aufwachen mögen, um sich bewusst darüber zu werden, dass Sie auf dieser Welt großen Schaden anrichten, und zusätzlich noch arrogant genug sind, die Moralkeule dabei zu schwingen.

 

Licht & Liebe,

 

Semmelweiss

Autor seit 4 Jahren
24 Seiten
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